Chronische Rückenschmerzen durch Morbus Bechterew, Spondylitis ankylosans

Unspezifische chronische Rückenschmerzen werden anfangs oft nicht der Rheuma-Erkrankung Morbus Bechterew zugeschrieben. © sumroeng chinnapan / shutterstock.com

Unspezifische chronische Rückenschmerzen werden anfangs oft nicht der Rheuma-Erkrankung Morbus Bechterew zugeschrieben. © sumroeng chinnapan / shutterstock.com

Die chronische, entzündliche Rheuma-Erkrankung Morbus Bechterew beeinträchtigt vor allem die Wirbelsäule und verursacht chronische Rückenschmerzen.

Rücken- und Kreuzschmerzen sind treue Wegbegleiter des Menschen und plagen uns seit Jahrtausenden. Bedenklich ist jedoch die Tatsache, dass Erkrankungen der Wirbelsäule deutlich im Ansteigen sind und heute bereits als die häufigsten Begründungen für Krankschreibungen gelten. Alarmierend ist ebenso, dass immer mehr junge Menschen an Rückenbeschwerden leiden. Die Ursachen für Rückenleiden sind vielfältiger Natur. Neben Abnützungen, Muskelverspannungen und Bandscheibenvorfällen sind häufig auch entzündliche Erkrankungen der Wirbelsäule und der Kreuz-Darmbein-Gelenke anzutreffen. Der Morbus Bechterew – auch Spondylitis ankylosans genannt – ist der Prototyp einer solchen Rheuma-Entzündung, die vor allem auch chronische Rückenschmerzen verursachen kann.

 

Was ist Morbus Bechterew?

Der Morbus Bechterew ist eine chronische, entzündliche Rheuma-Erkrankung, die hauptsächlich die Wirbelsäule betrifft, mit chronischen Rückenschmerzen. Sie beginnt meist im jungen Erwachsenenalter und trifft bei Männern häufiger auf. Ärzte nennen die Erkrankung ankylosierende Spondylitis.

Der Morbus Bechterew ist in Mitteleuropa bei 0,2-0,3% der Bevölkerung, also relativ häufig, anzutreffen. Meist beginnt die Erkrankung zwischen dem fünfzehnten und fünfunddreißigsten Lebensjahr. Nahm man früher an, dass Männer wesentlich häufiger betroffen sind, weiß man heute, dass das Verhältnis Männer zu Frauen bei zwei zu eins liegt. Nach manchen Literaturangaben hat das weibliche Geschlecht schon ganz aufgeholt. Die Krankheitsverläufe bei Frauen sind allerdings wesentlich milder und wurden in der Vergangenheit daher sehr oft verkannt.

 

Rückenschmerzen als Leitsymptom bei Morbus Bechterew

Im Anfangsstadium sind meist die Beschwerden unspezifisch und werden daher oft fehlgedeutet. Dank charakteristischer Merkmale gelingt es dem erfahrenen Rheuma-Spezialisten immer häufiger die Diagnose Morbus Bechterew frühzeitig zu stellen und damit rechtzeitig eine effektive Therapie gegen die verschiedenen Symptomen und vor allem auch gegen die quälenden Rückenschmerzen einzuleiten.

 

Quelle: Sebastian Kaulitzki / shutterstock.com
Im Anfangsstadium des Morbus Bechterew sind meist die Beschwerden wie Rückenschmerzen unspezifisch und werden daher oft fehlgedeutet. © Sebastian Kaulitzki / shutterstock.com

So sind schwere Verläufe bei Morbus Bechterew mit völliger Versteifung der Wirbelsäule und damit Unbeweglichkeit zum Glück eine Seltenheit geworden.


Folgende Morbus Bechterew Symptome sind zu Beginn der Erkrankung typisch


Der Morbus Bechterew kann neben der Wirbelsäule noch andere Gelenke und Organe befallen

All dies kann durch eine effektive Therapie gestoppt werden. Extremverläufe mit Ausbildung eines starken Rundrückens und völliger Einsteifung der Wirbelsäule sind dank rechtzeitiger Therapien heutzutage Seltenheit geworden. Wenn Sie also einige der genannten Symptome an sich bemerkt haben, dann sollten Sie sich unverzüglich an einen Rheumatologen wenden, der Sie mit der neuesten Therapie behandeln kann.


Bei Morbus Bechterew liegt eine Störung des Immunsystems vor

Beim Morbus Bechterew führt ein verstärktes Wechselspiel zwischen genetischen Anlagen und Umwelteinflüssen zu einer krankhaften Immunreaktion des Organismus mit der Folge einer chronischen Entzündung der Wirbelsäule.

Durch die Fehlsteuerung des Immunsystems richtet sich dieses nicht nur gegen eindringende Krankheitserreger wie Viren und Bakterien, was es ja soll, sondern auch gegen unsere eigenen Körperzellen. Durchfallerkrankungen und Entzündungen der Harnwege werden häufig als Auslöser angenommen.

Mit Hilfe neuartiger Blut- und Harntests können diese Veränderungen frühzeitig erkannt werden.  Speziell bei milden Verlaufsformen müssen Entzündungsmarker wie die Blutsenkung nur gering oder auch gar nicht erhöht sein.

Ein weiterer genetischer Marker unseres Immunsystems, das HLA-B27, hilft bei der Diagnosestellung. Über 90% aller Bechterewpatienten tragen dieses Merkmal, welches anhand einer Blutprobe bestimmt wird.

Da der Morbus Bechterew anfänglich so gut wie immer die Kreuz-Darmbein-Gelenke betrifft, das sind die gelenkigen Verbindungen zwischen dem Kreuzbein und dem Becken, gilt der Nachweis dieser Entzündung als diagnostischer Frühmarker.

Neben konventionellen Röntgenaufnahmen von Wirbelsäule und Becken hat sich die Magnetresonanztomographie (MRT) als empfindliche Nachweismethode bewährt, da bei dieser Untersuchung schon beginnende Entzündungen der Gelenksknorpel festgestellt werden können.

 

Die neue Immuntherapie

In der Vergangenheit war der Bechterew eine schwer behandelbare Erkrankung. Neben einer konsequenten Bewegungstherapie und der regelmäßigen Einnahme von Schmerzmitteln standen entzündungshemmende Basismittel wie Sulfasalazin oder Methotrexat zur Verfügung, die jedoch nur bei einem sehr geringen Prozentsatz der Betroffenen eine Besserung erzielten. Das bessere Verstehen unseres Immunsystems hat dagegen in den letzten Jahren einen entscheidenden Durchbruch bei der Behandlung rheumatischer Entzündungen gebracht.

Durch die Anwendung der neuen Basismittel, den sogenannten Biologika, gelingt es uns, das überaktive Immunsystem auf ein normales Niveau herunterzufahren. Dadurch kommt es zu einem Stillstand der Entzündung in der Wirbelsäule und in den Gelenken. Entzündlich bedingte Schmerzen und die Bewegungseinschränkung lassen oft schlagartig nach.

Speziell die Entwicklung von neuen Substanzen, die die entzündlichen Botenstoffe unseres Immunsystems blockieren, wie die TNF-Alpha-Blocker, haben zu einer Revolutionierung der Bechterew – Therapie geführt. Diese Medikamente werden entweder vom Patienten selbst subcutan, also unter die Haut, gespritzt oder als Infusion verabreicht.

Für die konventionelle Schmerztherapie bewähren sich nach wie vor Antirheumatika, Schmerz- und Muskelentspannungsmittel. Bei längerer Einnahme muß man auf die Nebenwirkungen vor allem am Magen-Darmtrakt achten. Bei akuten Schüben helfen entzündungshemmende Infusionen mit hoch dosierten Vitaminkomplexen.

Weiters sollte man bei Morbus Bechterew-Patienten ein vermehrtes Augenmerk auf die Osteoporose richten. Denn durch die Entzündung und die verminderte körperliche Bewegung treten kleine Risse in Wirbelkörpern auf. Daher wird grundsätzlich eine ausreichende Versorgung mit Kalzium und Vitamin D empfohlen, um die Knochendichte intakt zu halten. Bei schon bestehender Osteoporose sind entsprechende therapeutische Maßnahmen angezeigt.

 

Bewegungstherapien und Alternativmedizin bei Morbus Bechterew

Genauso wichtig wie Medikamente ist eine regelmäßige Krankengymnastik zur Schmerzbekämpfung und Erhaltung der Beweglichkeit der Wirbelsäule. Patienten mit Morbus Bechterew sollten täglich Übungen durchführen, optimalerweise am Morgen, damit die Bewegungsübungen gleichzeitig gegen die Morgensteifigkeit helfen.

Auch Wärmetherapien mildern die Schmerzen und Steifheit. So wird von vielen Betroffenen eine warme Dusche am Morgen, ein warmes Bad vor dem Schlafengehen, ein Thermophor oder eine Heizdecke als sehr angenehm empfunden. Die meisten Patienten werden jedoch ohne den zeitweiligen Einsatz der Schmerzmittel nicht auskommen, besonders in Phasen hoher Entzündungsaktivität.

Alternativmedizinische Behandlungsmethoden wie Akupunktur, traditionelle chinesische Medizin, Homöopathie, Magnetfeldtherapie und manuelle Medizin haben einen zunehmend hohen Stellenwert bei jeder Therapie des Morbus Bechterew und lassen sich ideal mit den klassischen Methoden der Schulmedizin kombinieren. In vielen Fällen gelingt neben einer Harmonisierung unseres Immunsystems auch eine deutliche Schmerzreduktion.

Die Ernährung bei Morbus Bechterew sollte aus einer leichten Mischkost mit reichlich frischem Obst und Gemüse, pflanzlichen Ölen und Seefisch bestehen – das wirkt sich ebenfalls günstig auf rheumatische Entzündungen aus. Bestimmte Vitamine wie Vitamin A, C und E aber auch Fischöle wirken als Antioxydantien entzündungshemmend und lindern die Beschwerden.

 

Multidisziplinäres Therapieschema notwendig

Nach neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft gibt es heutzutage eine breite Palette von therapeutischen Möglichkeiten, um rheumatische Entzündungen zum Stillstand zu bringen. Gerade beim Morbus Bechterew darf man aber eine konsequente Krankengymnastik nicht vergessen. Denn diese ist einen Eckpfeiler jeder Therapie von Rheuma und gegen die Rückenschmerzen. Auch das Kurwesen – speziell die Behandlungen mit dem radioaktiven Edelgas Radon – spielt zudem bei Patienten mit Morbus Bechterew eine große Rolle.

Die Möglichkeit der Beeinflussung unseres Immunsystems und die Hemmung von entzündlichen Botenstoffen hat im Grunde genommen die Behandlung des Morbus Bechterew aber grundlegend revolutioniert.

 

Tipps bei Morbus Bechterew


Literatur:

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Wei Zhu, Xuxia He, Kaiyuan Cheng, Linjie Zhang, Di Chen, Xiao Wang, Guixing Qiu, Xu Cao, Xisheng Weng. Ankylosing spondylitis: etiology, pathogenesis, and treatments. Bone Res. 2019; 7: 22. Published online 2019 Aug 5. doi: 10.1038/s41413-019-0057-8

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