Schmerzmittel und Antidepressiva: was gegen neuropathische Schmerzen hilft

Sehr typisch für neuropathische Schmerzen sind brennende Dauerschmerzen sowie vorübergehende elektrisierende Schmerzen. © StudioSmart / shutterstock.com

Rasche Hilfe und verschiedene Schmerzmittel und Antidepressiva helfen gegen neuropathische Schmerzen. Leider bleiben viele Patienten unbehandelt.

Rund 25 Millionen Menschen in Europa leiden an neuropathischen Schmerzen beziehungsweise Nervenschmerzen, sehr häufig ist beispielsweise die diabetische Neuropathie. Jedoch bekommen viele Patientinnen und Patienten keine oder nur eine unzureichende Behandlung. Und das obwohl es gute Therapiemöglichkeiten gibt. Wer unter Nervenschmerzen leidet, hat oft einen langen Leidensweg vor sich. Es dauert meist Jahre, bis diese Schmerzzustände richtig diagnostiziert und adäquat therapiert werden. Nicht selten jedoch bleiben die Betroffenen völlig un- oder unterbehandelt und ihr quälender Zustand wird chronisch. Unter Experten herrscht Einigkeit, dass man die Patienten besser aufklärt muss. Damit sie wissen, welche Schmerzmittel und Antidepressiva gegen ihre neuropathische Schmerzen wirklich helfen. Dann kommen sie auch rascher in den Genuss einer angemessenen Therapie.

 

Mangelndes Bewusstsein

Die unzureichende Behandlung von neuropathischen Schmerzen verursacht großes persönliches Leid und eine vermeidbare gesamtgesellschaftliche Belastung. Denn es kommt oft zu Behinderung, vorzeitigem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und hohen Folgekosten durch Begleiterkrankungen.

Neuropathischer Schmerz ist eine besonders quälende und oft schwer zu beschreibende Schmerzform. Er kann einschießend oder brennend sein oder sich in Taubheitsgefühlen und Empfindungsstörungen äußern. Auslöser für Nervenschmerzen sind Verletzungen oder Erkrankungen, die das somatosensorische System beeinträchtigen, zu dem sowohl das periphere als auch das zentrale Nervensystem gehören, also Nerven und Gehirn.

 

Welche Erkrankungen Nervenschmerzen begünstigen

Beispielsweise können Ischias, Gürtelrose, Diabetes, HIV oder chirurgische Eingriffe periphere neuropathische Schmerzen verursachen. Zentrale neuropathische Schmerzen treten oft als Folge von Schlaganfällen, Multipler Sklerose oder einer Rückenmarksverletzung auf. Viele Schmerzen können eine neuropathische Komponente haben, so etwa Rückenschmerzen, Osteoarthritis oder Krebsschmerzen.

Oftmals denken Ärzte bei der Diagnose aber gar nicht an mögliche Nervenschmerzen. Dennoch sind sehr viele Menschen von ihnen betroffen. Rund 25 Millionen Europäerinnen und Europäer, also zwischen vier und sechs Prozent der Bevölkerung, leiden darunter. Die Zahl der Betroffenen dürfte in einem älter werdenden Europa noch deutlich steigen, denn Nervenschmerzen treten im fortgeschrittenen Alter häufiger auf als in jungen Jahren.

Auch die Zunahme von Adipositas-bedingtem Diabetes, der neuropathische Schmerzen auslösen kann, dürfte für steigende Fallzahlen sorgen. Hier sind vorausschauende Public Health-Initiativen gefragt: Eine Reduktion des Zuckerkonsums, Impfungen gegen Herpes Zoster (Gürtelrose) oder eine verbesserte Schlaganfallprävention und Schlaganfallbehandlung könnten dazu beitragen, die Zahl der Neuerkrankungen geringer zu halten.

 

Das hilft: herkömmliche Schmerzmittel, Antiepileptika, Antidepressiva und topische Zubereitungen gegen neuropathische Schmerzen

Zu den First-Line-Medikamenten zur Therapie von neuropathischen Schmerzen gehören Antidepressiva, Antikonvulsiva, topische Schmerzmittel sowie Opioidanalgetika. Dazu kommen Anästhesie- und Steroidinjektionen, Nervenblockaden sowie Rückenmarkstimulation.

Wesentlich für eine effektive Therapie ist die Bewertung und Behandlung von psychosozialen Komorbiditäten sowie die Verwendung eines multidisziplinären Teamansatzes. Und zwar einschließlich kognitiv-verhaltensbezogener Therapien sowie einer effektiven Rehabilitation.

Mit herkömmlichen Schmerzmitteln alleine ist jedenfalls neuropathischem Schmerz meist nicht beizukommen. Evidenzbasierte Behandlungsleitlinien empfehlen eine Behandlung mit Antiepileptika, beispielsweise Gabapentin oder Pregabalin, weiter Antidepressiva, zum Beispiel Amitriptylin oder Duloxetin, und/oder topische Zubereitungen, die lokal auf der Haut angewendet werden. Außerdem werden auch nicht-medikamentöse Behandlungsoptionen wie die Neuromodulation empfohlen.

Zu den neueren Behandungsoptionen gehören unter anderem die Therapie mit Botulinum-Toxin, topischen Anwendungen mit Lidocain oder Capsaicin. Man untersucht aktuell auch den möglichen Nutzen von Cannabinoiden.

Darüber hinaus kann die Berücksichtigung ganzheitlicher alternativer Therapien wie Yoga und Akupunktur einen multidisziplinären Behandlungsansatz ergänzen.


Literatur:

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