Was gute Nachsorge nach Schlaganfall-Reha ausmacht

Die Nachsorge nach Schlaganfällen liegt in der Hand des Hausarztes. © monkey business images / shutterstock.com

Die Nachsorge nach Schlaganfällen liegt in der Hand des Hausarztes. © monkey business images / shutterstock.com

Nach Schlaganfall und Reha ist eine gute Nachsorge sehr wichtig, um beispielsweise Depressionen zu erkennen und neurologische Folgeschäden zu verhindern.

Mit einem nahezu flächendeckenden Angebot an Stroke Units, einer hohen Dichte interventioneller Neuroradiologen, die mechanische Thrombektomien anbieten, sowie einem dichten Netz an Rehabilitationskliniken erfolgen Akutversorgung und Rehabilitationsbehandlung des Schlaganfalls in Deutschland auf – international betrachtet – sehr hohem Niveau. Zur längerfristigen Sicherung des Behandlungserfolgs besteht jedoch keine strukturierte und qualitätsgesicherte Weiterversorgung in unserem Land. Nach einem Schlaganfall drohen zahlreiche Komplikationen wie Rezidivschlaganfälle und Herzinfarkte, aber auch Angstzustände und Depressionen, ein Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit oder auch Stürze mit Folgeschäden. Die Schlaganfall-Patienten bedürfen einer strukturierten Nachsorge zur optimalen medikamentösen Behandlung und Einstellung ihrer Risikofaktoren, zur Früherkennung und Vermeidung der oben genannten Komplikationen und zur bestmöglichen Versorgung mit Hilfs- und Heilmitteln wie Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie.

 

Versorgungsqualität bei Schlaganfall

Unter dem Titel „Versorgungsqualität bei Schlaganfall“ hat das AQUA-Institut in einer Konzeptskizze für ein Qualitätssicherungsverfahren bereits 2015 darauf hingewiesen, dass Patienten und deren Angehörige unzureichend über die Erkrankung Schlaganfall, einschließlich Risikofaktoren, Sekundärprävention, Heil- und Hilfsmittelversorgung aufgeklärt werden, eine Aufgabe, die alle Versorgungsbereiche, insbesondere aber die Kliniken betrifft.

In einer Nachuntersuchung durch das nordwestdeutsche Schlaganfallregister nach drei Monaten gaben 65 Prozent der Patienten subjektive Beeinträchtigungen durch den Schlaganfall an und rund 32 Prozent der Patienten waren im Alltag auf Unterstützung angewiesen.

Häufig bestehen nach dem Klinikaufenthalt laut AQUA-Institut eine Unterversorgung oder erhebliche zeitliche Verzögerungen bei der Heilmittelverschreibung als Hinweis auf Versorgungslücken und Schnittstellenprobleme zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.

 

Wichtiges Thema in der Nachsorge: Schlaganfall und Demenz

Rund 10 Prozent der Schlaganfall-Patienten entwickeln eine Demenz in den Monaten nach einem Schlaganfall. Diese gilt es zu erkennen, auch um weiteren Komplikationen und Überforderungen im Alltag vorzubeugen. Bei rund 30 Prozent der Patienten tritt im ersten Jahr nach Schlaganfall eine Depression oder Angststörung auf; der Studie des AQUA-Instituts zufolge bestehen deutliche Hinweise für eine Unterversorgung dieser Patienten im vertragsärztlichen Bereich in Deutschland.

Mehr als 50 Prozent der Patienten stürzen im ersten Jahr nach Schlaganfällen und rund 5 Prozent erleiden schwere Verletzungen dabei. Eine Erfassung und ein Management des Sturzrisikos ist daher sinnvoll. Die World Stroke Organisation (WSO) empfiehlt, Komplikationen und Risiken nach Schlaganfällen strukturiert abzufragen. Eine solche strukturierte Erfassung von Komplikationen und Risiken erfolgt derzeit in Deutschland jedoch nur in wenigen Fällen.

In einer Nachuntersuchungsstudie in Deutschland erlitten 3,5 Prozent der Patienten innerhalb von 90 Tagen einen weiteren Schlaganfall und 14 Prozent wurden aus anderen Gründen rehospitalisiert, Zahlen die ein deutliches Optimierungspotential erkennen lassen. Simulationsstudien zufolge lassen sich rund 80 Prozent der Rezidivschlaganfälle durch fünf präventive Maßnahmen (Antiaggregantien, Statine, Antihypertensiva, Diät und körperliche Aktivität) verhindern. Dieses Potential wird im Alltag bei weitem nicht ausgeschöpft. In einer aktuellen Querschnittstudie erreichten nach Schlaganfällen lediglich 43 Prozent bzw. 25 Prozent der Patienten in Deutschland die leitliniengerechten Ziele bei Blutdruck bzw. Cholesterinspiegeln, 78 Prozent waren übergewichtig und 17 Prozent rauchten weiterhin. Wie eine aktuelle Interventionsstudie zeigt, beugen Modifikationen der Risikofaktoren dabei auch kognitiven Einschränkungen vor.

 

Nachsorge beim Hausarzt

Die Nachsorge nach Schlaganfall liegt in der Hand des Hausarztes; 90 Prozent der Patienten suchen in den drei Monaten nach Schlaganfall den Hausarzt auf. Nur 21 Prozent der Patienten sehen einen Neurologen und 10 Prozent einen Kardiologen. Die meisten Hausärzte betreuen im Zusammenhang mit der Nachsorge jedoch jeweils nur eine kleine Zahl von Schlaganfall-Patienten.

Vor dem beschriebenen Hintergrund plädiert die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft für ein sektor- und berufsgruppenübergreifendes Nachsorge-Konzept nach Schlaganfall, in dem Haus- und Fachärzte, Kliniken und Therapeuten strukturiert zusammenwirken und eine leitliniengerechte Behandlung der Patienten erfolgt. Als wesentliche Elemente für ein solches Konzept schlagen wir ein regionales Schlaganfallnetzwerk mit einem Schlaganfallkoordinator (Facharzt für Neurologie) und einer spezialisierten Pflegekraft („stroke nurse“) vor, in dem eine enge Kommunikation und Koordination zwischen allen Ärzten und Therapeuten erfolgt.

Im Grunde genommen müssen Ärzte und Therapeuten die Patienten und deren Angehörigen ausführlich über das Krankheitsbild informieren und aufgeklären. Hierzu sind Motivationsgespräche sinnvoll, die dem Erreichen individueller Ziele – zum Beispiel bezüglich körperlicher Aktivität und Ernährung – dienen. Zudem kann ein Gesunderhaltungspass als Steuerungsinstrument hilfreich sein. Regelmäßige Vorstellungen in der Klinik und beim Hausarzt beziehungsweise Facharzt helfen schließlich bei der Überprüfung von Risikofaktoren und möglichen Folgeerkrankungen.


Literatur:

1. AQUA. Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH. Versorgungsqualität bei Schlaganfall. Konzeptskizze für ein Qualitätssicherungsverfahren. Stand 13. März 2015.

2. Schneider K, Heise M, Heuschmann P, Berger K. Lebens- und Versorgungssituation von Schlaganfallpatienten. 3-Monats-Follow-up des Qualitätssicherungsprojektes Nordwestdeutschland. Nervenheilkunde 2009; 28:114-118.

3. Batchelor FA, Mackintosh SF, Said CM, Hill KD. Falls after stroke. Int J Stroke. 2012; 7:482-90.

4. www.world-stroke.org/advocacy/post-stroke-checklist, zuletzt aufgerufen 5.5.2016.

5. Hackam DG, Spence JD. Combining multiple approaches for the secondary prevention of vascular events after stroke: a quantitative modeling study. Stroke 2007; 38:1881-5.

6. Heuschmann PU, Kircher J, Nowe T et al. Control of main risk factors after ischaemic stroke across Europe: data from the stroke-specific module of the EUROASPIRE IN survey. Europ J of Prevent Cardiol 2015; 22:1354-13627.

7. Ngandu T, Lehtisalo J, Solomon A et al. A 2 year multidomain intervention of diet, exercise, cognitive training, and vascular risk monitoring versus control to prevent cognitive decline in at-risk elderly people (FINGER): a randomised controlled trial. Lancet 2015; 385:2255-63.


Quelle:

Statement »Schlaganfall, Reha – und dann? Depressionen erkennen, neurologische Folgeschäden verhindern – was eine gute Nachsorge ausmacht.« von Professor Dr. med. Armin Grau, 3. Vorsitzender der DSG und Direktor der Neurologischen Klinik mit Klinischer Neurophysiologie, Klinikum der Stadt Ludwigshafen anlässlich der Pressekonferenz der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) zum Weltschlaganfalltag am 29. Oktober 2016.

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