Dienstag, April 16, 2024

Brennen und Juckreiz durch gestörte Scheidenflora und Vaginitis, Vaginose

Brennen und Jucken: Eine gestörte Scheidenflora macht oft gleiche Beschwerden wie Vaginitis – Vaginose – durch Pilze, Bakterien.

Das wohl häufigste Problem in der gynäkologischen Praxis stellt der sogenannte Fluor vaginalis, des Scheidenausflusses, oder der Pruritus vaginae dar. Die potentiell einfache Therapie mit Vaginalsuppositorien führt in manchen Fällen zum Erfolg. Allerdings behebt eine solche Behandlung häufig nicht das ­Problem nicht im Kern, da keine Vaginitis sowie Vaginose vorliegt. Denn oft ist einfach eine gestörte Scheidenflora Ursache für das Jucken und Brennen.

Im Grunde genommen sollten sich Ärztinnen und Ärzte bei der Differentialdiagnose nicht auf die Anamnese und makroskopische Untersuchung verlassen. Denn dies führt entsprechend internationaler Studien häufig zu falschen Diagnosen. Von solchen Studien ist auch bekannt, dass lediglich bei 50% der Patientinnen mit vaginalen Symptomen eine Diagnose gestellt werden konnte. Das heisst die Hälfte der Frauen hatte keine Infektion. In diesen Studien wurde aber das Krankheitsbild des Laktobazillenmangels nicht evaluiert.

 

Gesunde Scheidenflora

Eine gesunde Scheidenflora ist durch das Verhältnis der verschiedenen Laktobazillusarten zur anaeroben Mischflora charakterisiert. Pro mm2 Vaginalepithel sind etwa 1,5-2×109 Bakterien anzutreffen, darunter natürlich auch Streptokokken, E. coli, Corynebakterien, Ureaplasma spp. und Anaerobier. Entscheidend ist die Dominanz der Laktobazillen. Isolierte Kulturergebnisse, die einzelne Keime nachweisen, sollten keinesfalls überinterpretiert werden, wenn keine entsprechenden Beschwerden vorliegen.

Ähnlich ist die Situation bei Pilzen als Teil der pathogenen Flora. Wir wissen, dass bei etwa 20 % aller Frauen Candida spp. nachweisbar sind, diese Frauen jedoch keiner Therapie bedürfen, solange sie keine Beschwerden haben. Durch die Dominanz der Laktobazillen wird zumeist das Aufsteigen tatsächlich pathogener Keime verhindert. In der Behandlung gynäkologischer Patientinnen ist daher besonders darauf zu achten, diese gesunde Scheidenflora zu erhalten.

 

Scheidentrockenheit

Im Grunde genommen tritt eine Scheidentrockenheit auch bei jungen Mädchen und sexuell aktiven Frauen sowie auch bei Frauen in den Wechseljahren auf. Allerdings häuft sie sich vor allem ab dem 60. Lebensjahr.

Neben dem Alterungsprozess und schwankendem Hormonspiegel kann auch eine falsche und übertriebene Intimpflege sowie die ausschließliche Verwendung von Tampons und Menstruationstassen ein Scheidentrockenheit verursachen.

Doch es gibt noch viel andere Auslöser wie nicht ausreichende Erregung beim Geschlechtsverkehr sowie verschiedene medikamentöse Therapien.

 

Gestörte Scheidenflora

Eine gestörte Scheidenflora macht oft die gleichen Beschwerden wie eine Vaginitis – Vaginose – durch Pilze oder Bakterien, also Brennen, Jucken (Pruritus), Kohabitationsbeschwerden, etc. In jedem Fall wird dadurch die Lebensqualität beeinträchtigt. Ein Grund für eine gestörte Scheidenflora sind hormonelle Ungleichgewichte, wie Östrogenmangel in der Menopause.

Die Hauptursache ist jedoch die iatrogene, nämlich die Antibiotikatherapie. Wobei klar sein muss, dass praktisch alle Antibiotika auf jeden Fall die Laktobazillen vernichten. Und dadurch erhalten wiederum andere pathogene Keime einen Selektionsvorteil. Bei der häufig viralen Genese verschiedener Infektionskrankheiten, wie Erkrankungen des Respirationstraktes, des HNO-Bereiches u.a,. empfiehlt sich das Abwägen der Notwendigkeit einer Antibiotikatherapie.

 

 

Teufelskreis Überinterpretation von Kulturergebnissen

In diesem Zusammenhang warnen Experten auch vor der Überinterpretation von Kulturergebnissen nach Vaginal­abstrichen. Denn das große Problem in der Therapie besteht darin, dass herkömmliche Labors nahezu immer einige Bakterien isolieren.

Der Arzt findet dann eine Reihe von Bakterien mit klingenden und weniger klingenden Namen. Weiter wird eine Palette von im Antibiogramm ausgewiesenen Breitbandantibiotika empfohlen. Wenn man jetzt nach diesem Antibiogramm therapiert, so deckt man die »Zielkeime« vermutlich ab. Allerdings bekämpft man damit auch auf jeden Fall den Großteil der Laktobazillen.

Das zeigt auch ein häufiges Grundproblem bei einem Großteil der sogenannten gynäkologischen Infektionen. Denn die Überinterpretation von Kulturergebnissen setzt eine Spirale in Gang, die letztlich Ärzte als einen Teufelskreis ansehen.

Zur Diagnose einer Vaginitis ist in den meisten Fällen kein Kulturnachweis erforderlich. Bei Beschwerden und klinischem Verdacht (AMSEL-Kriterien) ist zur Beurteilung ein Nativpräparat oder eine Gramfärbung durchzuführen (Einteilung des mikroskopischen Bildes in Reinheitsgrade nach SPIEGEL bzw. NUGENT).


Wann ist bei einer gestörten Scheidenflora eine Kultur zu empfehlen?

  • Rezidivierende vulvovaginale Candidose zum Ausschluss von C. glabrata, krusei, S. cerevisiae, u.a.
  • Verlaufskontrolle bei antimykotischen Langzeitregimen
  • Vor Kinderwunschbehandlungen n In der SSW 36 als Streptokokkenscreening
  • Bei Verdacht auf Gonorrhoe oder Chlamydien (PCR empfohlen)

Was tun bei ­Laktobazillenmangel?

Ob die zum Teil schon seit Jahren am Markt befindlichen Präparate eine Verbesserung der Vaginalflora bewirken, ist beim heutigen Wissensstand schwer zu sagen. In einer prospektiv randomisierten Studie mit L. rhamnosus nach Antibiotikatherapie wegen bakterieller Vaginitis – Vaginose – wurde der Wiederaufbau der natürlichen Flora mit lokalen Laktobazillen-Präparaten versucht, mit vielversprechenden Ergebnissen.

Hauptsächlich wenden Frauen in Übersee die erwähnten Joghurt-Tampons an, da man dort keine standardisierten Laktobazillen-Präparate kaufen kann. Hier wäre darauf zu achten, dass man nur nicht-pasteurisierte, hochangereicherte Joghurts verwendet, da diese eine einigermaßen ansprechende Keimzahl erreichen können. Auf dem Markt gibt es mehrere Präparate, die einen Einfluss auf das Scheidenmilieu haben sollen. Wenngleich auch der wissenschaftliche Nachweis fehlt, spricht nichts gegen eine Anwendung, wenn man damit die Symptome verbessern kann.


Literatur:

Nyirjesy P. Management of persistent vaginitis. Obstet Gynecol. 2014 Dec;124(6):1135-46. doi: 10.1097/AOG.0000000000000551. PMID: 25415165.


Quelle: Vaginitis, Vaginose. Univ.-Prof. Dr. Armin Witt. MEDMIX 7/2006

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