Die unterschiedlichen Ursachen von Verwirrtheit im Alter

Um bei Verwirrtheitszustand und Halluzinationen ein Delir im Alter erkennen zu können, muss man wissen, wonach man sucht.

Um bei Verwirrtheitszustand und Halluzinationen ein Delir im Alter erkennen zu können, muss man wissen, wonach man sucht.

Die Ursachen von Verwirrtheit im Alter sind einerseits die abnehmende Hirnleistung, andererseits aber auch verschiedene äußere Einflüsse.

Die zunehmende Alterung unserer Bevölkerung hat die hiermit einhergehenden medizinischen Probleme in unser Bewusstsein gerückt; hierbei ist ein großes Problem das Auftreten zahlreicher Diagnosen (Multimorbidität), die wiederum zur Anwendung zahlreicher Arzneimittel (Polypharmazie) führen. Dieser mit dem Alter steigenden Zahl von Arzneimitteln steht eine stetige Abnahme aller wichtigen Organfunktionen gegenüber. Die Nierenleistung zum Beispiel halbiert sich bis zum 80. Lebensjahr, aber auch die Hirnleistung, Herzleistung, Lungenleistung und so weiter nehmen stetig ab. In diesem Zusammenhang ist der Abbau geistiger Fähigkeiten natürlich eine bekannte altersabhängige Problematik. Zu den Ursachen für eine Verwirrtheit im Alter gehören vor allem klinischen Korrelate der abnehmenden Hirnleistung und bei älteren Patienten.

 

Äußere Einflüsse, die Verwirrtheit im Alter begünstigen

Die Ursachen der einerseits auf die abnehmende Hirnleistung, andererseits aber auf äußere Einflüsse zurückzuführenden Verwirrtheit sind daher von großem Interesse. Und zwar insbesondere, da sich einige von ihnen günstig beeinflussen lassen. Häufige Ursachen sind der Flüssigkeitsmangel oder Infektionen bei älteren Leuten. Weitere Ursachen sind aber auch äußere Einflüsse wie Operationen, Unfälle und ganz wesentlich auch Arzneimittel.

 

Verwirrtheit durch Arzneimittel

Eine große Zahl von Arzneimitteln führt als wichtige und viel zu wenig beachtete Nebenwirkung zu Verwirrtheit bei betagten Patienten. Hier sind alle Substanzen primär als verdächtig anzusehen, die ins Gehirn eindringen können und dort wirken. Dies sind nicht nur die bekannten Psychopharmaka (Benzodiazepine als vermutlich schlimmste Substanzgruppe), sondern auch Opiate, Epilepsiemittel und Parkinson-Mittel. Auch den Alkohol sollte man nicht vergessen.

Es gibt aber auch weitere Arzneimittel, die, ohne in das Gehirn einzudringen, auslösende Ursachen für Verwirrtheit im Alter sein können. Hier sind in erster Linie Substanzen zu nennen, die den Blutdruck senken, wenn diese Blutdrucksenkung zu stark ist. Auch die Blutzuckersenkung, wenn sie zu stark ist, sowie eine lange Liste anderer Substanzen. Zum Beispiel einige Antibiotika wie Ciprofloxacin, aber auch Schmerzmittel wie Ibuprofen. Das Fatale an diesen Arzneimitteln ist der Umstand, dass sie nicht nur Verwirrtheit auslösen können, sondern auch ein Delir (bei dem der Patient dann zusätzlich zur Verwirrtheit noch Wahnvorstellungen hat), Stürze (ein 80-jähriger Patient mit Schenkelhalsbruch hat eine Chance von fast 30 Prozent, nach einem Jahr tot zu sein!) oder eine sogenannte medikamentöse Demenz.

 

Medikamentöse Demenz

Die verschiedenen oben genannten Wirkstoffe und Substanzgruppen sind unter anderem in der Lage, die Denkfähigkeit und Merkfähigkeit des Patienten negativ zu beeinflussen. Wenn sie lange genug angewendet werden – also mindestens sechs Monate lang, wie es bei alten Patienten sehr oft der Fall ist –, liegt eine medikamentöse Demenz vor.

Es gibt gute Schätzungen, dass an einem Drittel der sogenannten Altersdemenzformen Arzneimittel als ursächlich oder verschlimmernd beteiligt sind. Dies haben auch jüngere Studien wieder belegt. Diese zeigen zum Beispiel, dass je nach Dosis und Dauer der Einnahme derartiger Medikamente das Demenzrisiko um bis zu 80 Prozent steigen kann.

Die viel zu wenig beachtete medikamentöse Demenz hat allerdings als einzige häufige Demenzform einen positiven Aspekt: medikamentöse Demenz ist reversibel, bei Entgiftung, dem Abbau der jeweiligen Wirkstoffe, verbessert sich der Zustand der Patienten.

 

Fit fOR The Aged

In unseren Breiten stehen etwa 500 Dementiva, die eine derartige medikamentöse Demenz auslösen können, nur vier Antidementiva, mit denen man Demenzsymptome lindern kann, gegenüber. Daher ist die Analyse der Arzneimittel, die ein verwirrter, dementer oder stürzender Patient hat, von entscheidender Bedeutung. Es gibt heute Hilfsmittel, um eine rasche Orientierung über die Altersverträglichkeit von Arzneimitteln zu gewinnen, bei denen gerade diese Aspekte wie Verwirrtheit im Alter, Stürze, Delir und Demenz in der Bewertung eine große Rolle spielen.

In der FORTA-Bewertung (Fit fOR The Aged) sind daher in der Regel diese Substanzen, die notorisch zu den vorgenannten Problemen führen, in einer kritischen Kategorie (FORTA C). Sie sollten also nur ausnahmsweise bei genauer Beobachtung des Patienten und Überwachung der möglichen Nebenwirkungen angewandt werden, oder sie sind sogar in der Klasse D, sollten also alten Patienten überhaupt nicht gegeben werden.

In jedem Fall ist die Entgiftung, also die Optimierung der Arzneitherapie bei Patienten im Alter, ein ganz wesentlicher Schritt in der Behandlung oder Vermeidung der Ursachen einer Verwirrtheit und den anderen genannten Symptomen. Sie kann tatsächlich bei vielen betagten Patienten helfen, ihren grundsätzlichen Wunsch zu erfüllen: Oben Licht, unten dicht, lieber Gott, mehr will ich nicht!


Quelle:

Statement » Verwirrtheit als Begleiterscheinung im Alter? Was noch dahinterstecken kann « von Professor Dr. med. Martin Wehling, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg zum 124. Internistenkongress in Mannheim

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