Ursachen für Stottern sind in der linken Hirnhälfte zu finden

Gehirn © onot / shutterstock.com

Gehirn © onot / shutterstock.com

Ursachen für Stottern in linker Hirnhälfte: Je schwerer das Stottern, desto schlechter die Bewegungsvorbereitung im linksseitigen motorischen Gehirnareal.

Im Grunde genommen kann fließend zu sprechen eine Herausforderung sein. Das gilt auch für politische oder mathematische Genies wie Winston Churchill oder Alan Turing. Neue Forschungsdaten von Wissenschaftlern aus Göttingen konnten unlängst zeigen, wie Bewegungsbereiche des Gehirns das Sprechen vorbereiten. Sie konnten auch die Ursachen für Stottern bei jenen Menschen finden, die seit der Kindheit stottern. Die Ergebnisse überraschten dabei sehr. Denn anders als gedacht, spielt für das Sprechen vor allem die linke Hirnhälfte eine entscheidende Rolle.



Jedenfalls war schon bekannt, dass die Bewegung des rechten Armes und des rechten Beines von der gegenüberliegenden linken Gehirnhälfte gesteuert wird. Hingegen sind die mittelliniennahe Sprechorgane wie Zunge, Lippen, Kiefer und Stimmlippen beidseitig gesteuert. Beide Hirnhälften innervieren beide Muskeln beider Seiten. Man hätte also annehmen können, dass auch die Sprechvorbereitung in beiden Hirnhälften gesteuert wird.

 

Hirnerregbarkeit während des Sprechvorganges verfolgt

Deutsche Forscher haben die Frage erstmals geklärt. Sie verwendeten dafür eine Technik mit hoher zeitlicher Auflösung. Sie stimulierten mit kurzen elektromagnetischen Impulse während des Sprechens die Bereiche des Gehirns, die die Zunge steuern. Elektroden auf der Zungenmuskulatur machten es erstmals möglich, Änderungen in der lokalen Hirnerregbarkeit während des Sprechvorganges zu verfolgen.

Bei der Kontrollgruppe nicht stotternder Erwachsener zeigte vor allem die linke Hirnhälfte während des Sprechvorgangs eine dynamische Regulierung der Erregbarkeit, die die Zungenbewegung steuert. Diese Modulation fehlt bei Stotternden, abhängig von der Stotterschwere. Je schwerer die untersuchten Probanden gestottert haben, desto schlechter funktioniert die Bewegungsvorbereitung im linksseitigen motorischen Areals des Gehirns.

 

Modell der Ursachen für Stottern

Die Untersuchungen der Forscher zeigen: Sprechvorgänge werden überwiegend von der linken Hirnhälfte aus gesteuert. Dies war bislang zwar für die Sprachverarbeitung geklärt. Für die Sprechvorbereitung aber nicht klar. Die Ergebnisse integrieren strukturelle und neurophysiologische Befunde in ein plausibles Modell der Sprech-Pathophysiologie für Stottern, das in der Kindheit entstanden ist.

Die Ergebnisse zeigen, an welcher Stelle des Gehirns bei Stotternden die Ausführung des Sprechvorgangs gestört ist. Die Wechselbeziehung zum Ausmaß des Stotterns legt darüber hinaus eine funktionelle Bedeutung des Befundes nahe. Der linke Motorkortex und die seine Erregbarkeit beeinflussenden, verbundenen Hirnbereiche können nun gezielt untersucht und beeinflusst werden, um flüssiges Sprechen zu erleichtern.




Literatur:

Neef NE, Hoang TN, Neef A, Paulus W, Sommer M. Speech dynamics are coded in the left motor cortex in fluent speakers but not in adults who stutter. Brain. 2015 Mar;138(Pt 3):712-25.


Quelle: Universitätsmedizin Göttingen

Die mobile Version verlassen