Tibetische Medizin und die Bedeutung von Mischprinzipien

Die tibetische Medizin mit seinen Heilpflanzen und Vielstoffgemischen ist seit Jahrtausenden anerkannt. © paul prescott / shutterstock.com

Die tibetische Medizin mit seinen Heilpflanzen und Vielstoffgemischen ist seit Jahrtausenden anerkannt. © paul prescott / shutterstock.com

Tibetische Medizin ist auch durch den Einsatz von tibetischen Mehrstoffgemische charakterisiert, wobei Kombinationsverfahren bzw. Mischprinzipien den Haupteffekt verstärken und die Nebenwirkungen verringern sollen.

Tibetische Medizin beschreibt Gesundheit als Zustand der Ausgewogenheit. Es gibt starke Einflüsse aus der ayurvedischen Medizin, die tibetische Medizin baut ursprünglich allerdings auf alte schamanische Traditionen auf – mit einer komplexen Arzneimittellehre. Auch im alten China genoss die tibetische Medizin mit seinen Heilpflanzen und Vielstoffgemischen, die bereits in frühen pharmakologischen Texten erwähnt wurden, eine sehr große Anerkennung.

Es ist bekannt, dass die traditionelle tibetische Medizin eine gute heilende Wirkung bei der Behandlung von Lebererkrankungen, Rheuma, akuten sowie chronischen Bergkrankheiten hat. Außerdem bei Herz-Kreislauf- und zerebrovaskulären Erkrankungen sowie Magenerkrankungen.

 

Moderne Analysen alter tibetischer Kräuterrezepturen

Durch die Analyse von alten tibetischen Kräuterrezepturen konnten Forscher beispielsweise wichtige Signalmuster bei der Arteriosklerose aufgeklären. Evidenced-based medicine ist ja stets auf der Suche nach neuen Wirkprinzipien, wobei tibetische Kräuterrezepturen dabei Besonderheiten zeigen. Experten sehen darin Richtungsweisen für ein Konzept des Multi-targeting. Dabei ist zu beachten, dass Vielstoffgemische multifaktorielle Nebenwirkungen aufweisen deren Interpretation mit den herrschenden Methoden schwierig ist.

 

Tibetische Medizin mit seinem Konzept „Nebenwirkungen abschwächen – Hauptwirkungen potenzieren“

Dennoch ist das Konzept des tibetischen Arztes »Nebenwirkungen abschwächen – Hauptwirkungen potenzieren« interessant – tibe­tische Mehrstoffgemische wurden seit Jahrtausenden nach diesem Kombinationsprinzip entwickelt (man spricht in diesem Zusammenhang von der »biologischen Vernunft«, die den Mischprinzipien zugrunde liegt).

Bestimmte Mehrstoffgemische nach tibetischer Rezeptur stellen einen hoffnungsvollen Therapieansatz zur Bekämpfung von chronischen Erkrankungen und peripheren Verschlusserkrankungen dar. Die einzelnen Wirkstoffe greifen an verschiedenen Ansatzpunkten in die multikausale und ­kaskadenartige Pathogenese der Arteriosklerose ein. Neben der Frage, inwieweit solche Mehrstoffgemische (bekannt unter Padma 28) das Enzym Hämogygenase-1 reguliert, untersuchen die Innsbrucker Forscher die direkte Wirkung von tibetischen Mehrstoffgemischen auf die Schlüsselenzyme Cyclooxygenase (COX) und Lipoxygenase (LOX) und im Besonderen mögliche neue Wirkmechanismen.

COX-Hemmstoffe unterscheiden oft nicht zwischen dem »guten Bruder« COX1, der die Magenschleimhaut schützt, und COX2 – dem »übereifrigen Bruder« –, der bei chronischen Entzündungen zuviel Mediatoren produziert. Gewisse synthetische Stoffe wie ­Diclofenac erfüllen diese Selektivität.

Auf dem Konzept einer sanften Arznei­pflanzenkombi­nation könnten tibetische Mehrstoffgemische eine phytotherapeutische Alternative sein.

 

Tryptophan, Arteriosklerose – wo ist der Zusammenhang?

Unter dem Strich gehen Entzündungen mit dem vermehrten Abbau der essentiellen Aminosäure Tryptophan einher. Einige Naturstoffe können offensichtlich den Abbau von Tryptophan eindämmen. Zum Beispiel die Boswelliasäure (in Beinwell) und die Triterpensäure sowie auch Rezepturkomponenten von tibetischen Kräuterrezepturen. Jedenfalls geht durch diese Wirkung auch die Entzündung zurück. Es ist schon fast zu einem Naturgesetz geworden, das zwischen Entzündung und dem Tryptophan-Abbau eine Verbindung besteht.

Zudem ist das Tryptophan ein wichtiger Botenstoff im Gehirn. Es unterstützt beispielsweise die Bildung des »Wohlfühlbotenstoffes« Serotonin. Somit könnte man vermuten, dass damit auch depressive Befindlichkeitsstörungen verschwinden.

 

Tibetische Medizin und tibetische Kräuterkombinationen bei Durchblutungsstörungen

Im Grunde genommen können tibetische Mehrstoffgemische erfolgreich sein bei der Behandlung von akuten und chronischen entzündlichen Prozessen. Und zwar auch speziell bei arteriellen Verschlusskrankheiten. Denn durch die Anwendung kommt es zu einer Eindämmung der Entzündung. Weiter zu einer geringeren Anheftung von Monozyten sowie zu einem geringeren Oxidationsprozess von LDL.

Jedoch sollte eine eindeutige ­Diagnose vorliegen und mit dem behandelten Arzt der Einsatz eines pflanzlichen Vielstoffgemisches abgesprochen werden. Eine Änderung der Essensgewohnheiten sowie ausreichend Bewegung sind natürlich immer angeraten.

Durchblutungsstörungen – wie die periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) – sind eine der Hauptindikationen von tibetischen Kräuterkombinationen. Patienten sind aufgrund von peripheren Durchblutungsstörungen in ihrem Geh- und Durchhaltevermögen stark beeinträchtigt. Sie bleiben z.B. an Schaufenstern stehen, um sich körperlich wieder zu erholen.

Hierzu zeigte eine Schweizer Studie, dass die tibetischen Kräuterkombinationen die Gehstrecke deutlich verlängern konnte. Und zwar war sie viermal grösser als unter Placebo. Möglicherweise war der Grund dafür, dass die Mischung sehr stark antientzündlich wirkte. Denn die Kräuterkombinationen beinhalten einen sehr hohen Anteil an Antioxidation.


Literatur:

Qi Li. Natural Medicines Used in the Traditional Tibetan Medical System for the Treatment of Liver Diseases. Front Pharmacol. 2018; 9: 29. Published online 2018 Jan 30. doi: 10.3389/fphar.2018.00029

Melzer J, Brignoli R,  Diehm C, Reichling J, Do DD,  Saller R. Treating intermittent claudication with Tibetan medicine Padma 28: does it work?  Atherosclerosis. 2006 Nov;189(1):39-46.


Quelle:

Die »Biologische ­Vernunft« von Mischprinzipien. Interview mit Univ.-Prof. Mag. Dr. Florian Überall im Gespräch über tibetische Medizin und den Einsatz von tibetischen Vielstoffgemischen. MEDMIX 05/2007; S99.

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