Hygienisches Problem, soziale Isolation: Tabuthema Harninkontinenz

Der Weg bis zu einer Therapie ist bei harninkontinenz oft weit, denn häufig wagen Betroffene den Schritt zum Arzt nicht, sondern isolieren sich. © Myvector / shutterstock.com

Der Weg bis zu einer Therapie ist bei harninkontinenz oft weit, denn häufig wagen Betroffene den Schritt zum Arzt nicht, sondern isolieren sich. © Myvector / shutterstock.com

Das Tabuthema Harninkontinenz ist vor allem im höheren Alter nicht nur ein hygienisches Problem, sondern auch eines mit sozialer Isolation.

Im Grunde genommen ist Harninkontinenz ein Tabuthema, da Menschen selten offen darüber sprechen. Neben einer eingeschränkten Lebensqualität aus hygienischen Gründen isolieren sich viele Betroffene auch sozial. Wichtige Indikatoren für Harninkontinenz sind neben dem Alter insbesondere die geistige sowie körperliche Leis­tungsfähigkeit. Hinzu kommen Risikofaktoren wie Depression, COPD, Prostataleiden und in diesem Zusammenhang durchgemachte Eingriffe, Schlaganfälle und/oder Obstipation. Insbesondere ein Eingriff im Rahmen eines Prostatakarzinoms kann die Wahrscheinlichkeit einer entstehenden Harninkontinenz stark erhöhen.

 

Tabuthema Harninkontinenz und seine Ursachen

Die häufigste Form der Harninkontinenz ist die Dranginkontinenz, die mit Harnverlust bei einem starken Harndranggefühl verbunden ist. Bei einer Überlaufinkontinenz kommt es zu unkontrolliertem Harnverlust, wenn die Blase übervoll und keine kontrollierte Entleerung mehr möglich ist.

In vielen Fällen besteht eine Harninkontinenz nur temporär, d.h. kontinente und inkontinente Phasen wechseln einander ab. Dies tritt bei etwa einem Drittel der zuhause wohnenden, älteren inkontinenten Patienten sowie der Hälfte der hospitalisierten inkontinenten Patienten auf.

Neben den erwähnten Risikofaktoren sind die häufigsten Ursachen Blasenentzündung, Delirium, Depression, aber auch einige Medikamente sowie die im Alter immer weiter fortschreitende Detrusordegeneration. Diese führt infolge einer Übererregbarkeit des Blasenmuskels zu unwillkürlichen Detrusorkontraktionen mit oder ohne Harnabgang (motorische Harninkontinenz).

Unterschieden werden muss in jedem Falle zwischen einer symptomatischen Dranginkontinenz (beispielsweise infolge eines Prostatakarzinoms), einer direkten Blasenerkrankung (beispielsweise Blasenentzündung, Tumor, Steine) und Hirnleistungsstörungen mit Kontrollverlust des Miktionszentrums im Hirnstamm (ungehemmte neuropathische Blase, supraspinale Reflexinkontinenz).

Das Risiko einer temporären Inkontinenz ist noch größer, wenn altersbedingte oder pathologische Funktionsstörungen bzw. morphologische Veränderungen des unteren Harntrakts bestehen. Die Bedeutung der temporären Harninkontinenz liegt nicht nur in ihrem häufigen Vorkommen, sondern auch darin, dass bei Nichtbeseitigung ihrer Ursachen ein dauerhafter, unfreiwilliger Harnabgang mit all seinen Folgen resultieren kann.

 

Gefahr von Wechselwirkungen bei der medikamentösen Therapie

Zur Standardtherapie bei Harninkontinenz gehören die Anticholinergika in Kombination mit Verhaltenstraining. Die verschiedenen verfügbaren Anticholinergika unterscheiden sich in erster Linie durch ihr jeweiliges Nebenwirkungsprofil voneinander.

Wichtig bei allen Anticholinergika ist der Beginn mit kleinen Dosen, die langsam entsprechend der Wirkung und Verträglichkeit gesteigert werden. Da die Symptome mit dem Alter häufiger auftreten und die Betroffenen meist auch aus anderen Indikationen bereits Medikamente einnehmen, muss man bei der Verschreibung an mögliche Interaktionen denken. Das Ausmaß und die Art der Verstoffwechselung spielen dabei eine besondere Rolle.

Häufiger starker bzw. plötzlicher Harndrang bei der Dranginkontinenz entsteht, weil die harnaustreibende Muskulatur sich anspannt, noch bevor die Blase ausreichend gefüllt ist. Anticholinergika wirkt hier durch Hemmung der Muskelanspannung entgegen. Deutliche Unterschiede bestehen in diesem Zusammenhang zwischen den tertiären Verbindungen Tolterodin, Propiverin und Oxybutynin sowie der quartären Aminverbindung Trospiumchlorid.

Bei fehlender Liquorgängigkeit finden sich nur bei Trospiumchlorid keine zerebralen-neurologischen Nebenwirkungen und keinerlei Beeinflussung der Schlafepisoden. Ebenso treten bei Trospiumchlorid im Vergleich zu den übrigen Anticholinergika keine Interaktionen über das hepatische Cytochrom-P-450-System und damit verbundene Arzneimittelinteraktionen auf. Gerade bei Wirkstoffen gegen alterstypische Erkrankungen wie Depressionen, Angstzustände, Hypertonie, KHK und Morbus Parkinson, die über das Cytochrom-P-450-Enzym-System verstoffwechselt werden, kann es durch tertiäre Anticholinergika zu Interaktionen kommen.

 

Therapie-Alternative: Instillationen mit Chondroitinsulfat

Etwa 30% der Patienten sprechen nicht oder nur ungenügend auf eine kombinierte Therapie aus Anticholinergika und Miktionstraining an. Ein möglicher Grund für das Nicht-Ansprechen ist ein Defekt der Glykosaminoglykan-Schicht. In diesem Fall eignen sich Instillationen mit Chondroitinsulfat. Mittels einer solchen Instillationstherapie kann die Blasenschutzschicht vorübergehend ersetzt und die Symptomatik verbessert werden.

Chronische Blasenentzündungen haben häufig eine Gemeinsamkeit: Die innere Schutzschicht der Blasenwand – die Glykosaminoglykan-Schicht (GAG-Schicht) – ist defekt. Diese Schicht ist dafür zuständig, die Blasenschleimhaut vor reizenden Stoffen aus dem Harn zu schützen. Wenn die Glykosaminoglykan-Schicht defekt ist, können Reizungen entstehen. Das verursacht Beschwerden. Ein starker, schwer zu unterdrückender Harndrang steht dabei an ers­ter Stelle (imperativer Harndrang).

Chondroitinsulfat – ein natürlicher Bestandteil der GAG-Schicht – legt sich wie ein flüssiges Pflaster auf die defekten Stellen und baut die wichtige Blasenschutzschicht vorübergehend wieder auf. Die Instillationen werden vom Urologen ambulant durchgeführt; dabei wird mit Hilfe eines Katheters die Lösung in die zuvor entleerte Blase eingeführt. Dort sollte das Medizinprodukt für mindestens eine halbe Stunde gehalten werden.

Wie oft und über welchen Zeit­raum Instillationen mit Chondroitinsulfat durchgeführt werden, richtet sich nach der Intensität der Symptome. Zu Beginn der Behandlung haben sich 4–6 Anwendungen in einem wöchentlichen Abstand bewährt. Danach wird die Therapie auf eine Anwendung pro Monat umgestellt. Die Instillationen ermöglicht zudem, dass sich die Blasenwand erholen und regenerieren kann.

 

Zusammenfassung

Anticholinergika und Chondroitinsulfat bieten einer breiten Patientenpopulation sehr gute Therapiemöglichkeiten der Harn­inkontinenz. Der Weg bis zu einer medikamentösen Therapie ist jedoch oft weit, denn da Harninkontinenz noch immer ein Tabuthema ist, wagen Betroffene häufig nicht den Schritt zum Arzt, sondern entscheiden sich für die sozial Isolation.

Insbesondere ältere Patienten, die mit der Angst vor Immobilität und Verlust der Lebensqualität konfrontiert sind, leiden somit nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Die wachsende Aufklärung durch die Medien kann hier ebenso helfen, verbale Tabus zu brechen, wie das Internet, das für immer mehr Ältere längst kein unbekanntes Terrain mehr ist. Dementsprechend entstehen seit einiger Zeit interaktive Webseiten, auf denen sich Betroffene anonym austauschen und über ihre Erfahrungen berichten können. Die Erkenntnis, mit seinen Problemen nicht allein zu sein, erleichtert oft den Weg zum Arzt und erst hier kann die Therapie tatsächlich einsetzen.


Weiterführende Informationen:

http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/084-001l_S1_Harninkontinenz_2014-09.pdf

http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/084-001.html

www.kontinenz-gesellschaft.de

Die mobile Version verlassen