Sexuelle Grenzverletzungen im Krankenhaus

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Sexuelle Grenzverletzungen kommen bei Frauen und Männern im klinischen Alltag vor allem in Form von verbalen Belästigungen vor.

Wissenschaftlerinnen der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben Daten über sexuelle Grenzverletzungen bei Frauen und Männern im klinischen Alltag erhoben. Es zeigt sich, dass verbale Belästigungen die häufigste Form von Grenzverletzungen am Arbeitsplatz sind. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine* veröffentlicht. Mit ihren vielfältigen Maßnahmen zur Prävention von Grenzverletzungen im beruflichen Alltag gilt die Charité zugleich bundesweit als Vorreiterin beim Schutz ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor sexuellen und ähnlichen Grenzverletzungen. Auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sieht die Charité als Good-Practice-Beispiel**.

Internationale Studien über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz deuten auf ein erhöhtes Risiko im medizinischen Bereich hin. Allerdings lagen bislang keine Daten für die Häufigkeit von Grenzverletzungen im klinischen Alltag in Deutschland vor. Vor diesem Hintergrund haben Charité-Wissenschaftlerinnen in Zusammenarbeit mit den Gleichstellungsbeauftragten der Charité die Studie Watch – Protect – Prevent (WPP) durchgeführt. Durch Aufmerksamkeit, Schutzangebote und vorbeugende Maßnahmen sollen sexuelle Grenzverletzungen aufgedeckt, eingeschränkt und bestmöglich vermieden werden. Die aktuelle Veröffentlichung ist einer von drei Studienteilen des von 2014 bis 2016 durchgeführten Projektes.

Die Ergebnisse beruhen auf einer anonymen, standardisierten Online-Befragung, die unter 743 Ärztinnen und Ärzten der Charité von Mai bis Juli 2015 durchgeführt wurde. Gefragt wurde zu Formen von erlebtem Fehlverhalten während des gesamten Berufslebens und somit auch vor der Tätigkeit der Befragten an der Charité. Erhoben wurden zudem die Folgen und die Profile der Verursacher sowie die Verfügbarkeit von strukturellen und organisationalen Informationen. 60 Prozent der Teilnehmenden waren weiblich, 39 Prozent männlich und ein Prozent hat eine andere Geschlechtsidentität angegeben.

Die Ergebnisse zeigen, dass 70 Prozent der Befragten im Laufe ihres gesamten Arbeitslebens eine Form der Belästigung erfahren haben. Bei den befragten Frauen waren es rund 76 Prozent, bei den Männern 62 Prozent. Am häufigsten kam es zu verbalen Belästigungen aufgrund von abwertender Sprache mit 62 Prozent sowie aufgrund von anzüglichen Sprüchen mit 25 Prozent. Weiterhin haben die Befragten angegeben, Grenzverletzungen wegen unerwünschtem Körperkontakt (17 Prozent), Erzählungen mit sexuellem Inhalt (15 Prozent) sowie Nachpfeifen und Anstarren (13 Prozent) erfahren zu haben. Andere Formen von Fehlverhalten wurden wie folgt angegeben: sexuelle Angebote und unerwünschte Einladungen (7 Prozent), Belästigungen in schriftlicher Form, Bildern oder Witzen (6 Prozent), obszöne Gesten (5 Prozent). Die Betroffenen wurden am häufigsten von Kolleginnen und Kollegen belästigt. Bei Frauen spielten zudem männliche Vorgesetzte eine zentrale Rolle.

„Wir als Vorstand der Charité tolerieren keine Form von sexueller Belästigung und vergleichbaren Grenzverletzungen – ob in der Klinik, im Institut, im Seminarraum oder im Verwaltungsbereich“, erklärt Prof. Dr. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité. „Wir alle sind gefordert, als Vorgesetzte oder als Kolleginnen und Kollegen einzuschreiten, sollten wir Zeugin oder Zeuge von solchen Vorfällen werden. Der Vorstand der Charité sieht sich in der Pflicht, hierfür die entsprechenden Beratungs- und Hilfsangebote bereitzustellen.“

„Auch, wenn die Anzahl der empfundenen Belästigungen hoch und jeder einzelne Fall zu viel ist, haben uns diese Zahlen wenig überrascht. Internationale Studien deuteten bereits darauf hin, dass Grenzverletzungen im medizinischen Arbeitsumfeld aufgrund der speziellen Arbeitsbedingungen eine Sonderstellung einnehmen: Hier arbeiten Menschen sehr vertrauensvoll zusammen und haben berufsbedingt einen engen Kontakt zu Patientinnen und Patienten“, ordnet Sabine Jenner, dezentrale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an der Charité und Studienbeteiligte, die Ergebnisse ein. Sie fügt hinzu: „Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir das Thema offen kommunizieren und alle Beschäftigen der Charité für unsere Maßnahmen zum Schutz vor Belästigungen am Arbeitsplatz sensibilisieren.“

Die Charité hat seit 2016 zahlreiche Präventionsmaßnahmen gegen sexuelle Grenzverletzungen am Arbeitsplatz ergriffen. Als deutschlandweit einziges Universitätsklinikum hat sie eine Richtlinie zur Vorbeugung von Grenzverletzungen verabschiedet. Hierin hat der Vorstand null Toleranz gegenüber sexueller Belästigung festgelegt. Die Richtlinie zeigt verbindliche Rahmenbedingungen mit ausführlichen Verhaltenskodizes für alle Beschäftigten auf.

Darüber hinaus können die Beschäftigten der Charité ein Whistle-Blower-Programm zur anonymen Meldung von Verdachtsfällen nutzen oder sich an einen Vertrauensanwalt wenden. Die zuständigen Beratungsstellen, der Beschwerdeablauf und die Richtlinie sind auf der Intranet-Startseite zu finden. Zudem wird es auch eine Informationskampagne zur WPP-Studie und zu den Präventionsmaßnahmen geben. Darüber hinaus steht seit diesem Jahr der Schutz der Studierenden im Mittelpunkt. So werden mit den Studentinnen und Studenten die Besonderheiten ihrer Situation herausgearbeitet sowie spezifische Präventionsangebote entwickelt und bestehende Präventionsmaßnahmen modifiziert.

Literatur:

*Jenner S, Djermester P, Prügl J, Kurmeyer C, Oertelt-Prigione S. Prevalence of Sexual Harassment in Academic Medicine. JAMA Intern Med. Published online October 03, 2018. doi:10.1001/jamainternmed.2018.4859.

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