Sexualität im Alter in Pflegeheim und Geriatrie wenig thematisiert

Die Enttabuisierung der Sexualität im Alter schreitet voran, denn Babyboomer und Silver Ager wollen bis ins hohe Alter Spass am Sex haben. © Photographee.eu / shutterstock.com

Die Enttabuisierung der Sexualität im Alter schreitet voran, denn Babyboomer und Silver Ager wollen bis ins hohe Alter Spass am Sex haben. © Photographee.eu / shutterstock.com

Das Thema Sexualität im Alter rückt allgemein sowie in Pflegeheim und Geriatrie stärker aus der Schmuddelecke. Denn viele wollen auch im hohen Alter noch Spass am Sex.

Die Babyboomern kommen in die Jahre. Darunter soll aber ihr Spass am Sex nicht leiden. Deswegen wird das Thema Sexualität im Alter zunehmend enttabuisiert. Denn viele Silver Ager wollen noch ein erfülltes Sexleben haben, und zwar bis ins hohe Alter. Wie kann man nun mit Sexualität im Alter umgehen in Geriatrie und Pflegeheim? Wie lässt sich dieser Wunsch mit Krankheiten und anderen Einschränkungen in Einklang bringen?

 

Ganzheitliche Perspektive

Jeder Mensch hat einen eigenen persönlichen Zugang zur Sexualität, auch Ärztinnen und Ärzte. Sie befragen Patientinnen und Patienten zu allen möglichen gesundheitlichen Problemen. Über ihre Sexualität wissen sie aber meist kaum etwas.

Der WHO-Report ‚Alter und Gesundheit‘ umfasst insgesamt 260 Seiten. Gerade einmal eine Seite widmet sich dem Thema Sexualität. Für Menschen mit Demenz gibt es zahlreiche Fragebögen zur Erfassung von auffälligem Verhalten. Aber keinen zu sexueller Auffälligkeit.

Hierzu können Experten viele Beispiele nennen, die zeigen, welches Dasein im Schatten das Thema Sexualität im Alter beispielsweise in Pflegeheim und Geriatrie noch führt. Und wie wenige Studien es schließlich dazu gibt.

 

Wunsch nach Intimität bei sehr alten Patienten

Im Grunde genommen ist Sexualität im Alter auch ein wichtiger Baustein des „Successful Aging“. Allerdings ist die Thematik bislang zu kurz gekommen.

In der Berliner Studie BASE zum Thema Sexualität im Alter konnte etwa feststellen, dass einerseits die sexuelle Aktivität im Alter zurückgeht. Andererseits der Wunsch nach Intimität aber durchaus bestehen bleibt.

Dabei geht es nicht nur um den Geschlechtsakt selbst. Sondern vor allem um das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Berührung. Der körperliche Kontakt von vielen Patientinnen und Patienten in Pflegeheimen und geriatrischen Abteilungen beschränkt sich aber meist auf Dinge wie Körperpflege und die Ausgabe beim Essen.

 

Zahlreiche Barrieren wie Erkrankungen und Medikamente behindern Sexualität im Alter

Hinzu kommen viele Barrieren, die mit dem älter werden zu tun haben. Der Körperbau verändert sich, die Menopause tritt ein, chronische Erkrankungen wie Diabetes nehmen zu. Medikamente gegen bestimmte Krankheiten können wiederum die Libido negativ beeinflussen. Auch die fortschreitende Demenz eines Partners oder einer Partnerin kann in der Beziehung zur großen Belastung werden.

 

Sexualbegleiterinnen in der Schweiz fördern Intimität und Sexualität im Alter im Pflegeheim

Während man die Sexualität in den eigenen vier Wänden leben kann, bestehen im Alter in Pflegeinstitutionen und im Pflegeheim erhebliche Einschränkungen. Doch dürfen Bewohnende miteinander Beziehungen eingehen? Sollen für ein intimes Beisammensein Räume eingerichtet werden? Was löst das bei Angehörigen aus? Wie gehen wir mit sexuellen Verhaltensstörungen bei Demenz um?

Dabei handelt es sich um Fragen, die denen Altersmediziner vor allem im Hinblick auf die selbstbewussten Silver Ager zunehmend konfrontieren. Hierzu spielen auch die kulturellen Rahmenbedingungen eine Rolle. In der Schweiz, die als eher liberal gilt, kommen beispielsweise in der Praxis bereits sogenannte Berührerinnen oder Sexualbegleiterinnen zum Einsatz.

Jüngste Forschungen fordern auch Strategien, um die Behandlung der Sexualität bei älteren Patienten mit chronischen Schmerzen zu verbessern. Denn damit verbessert man schließlich auch die Lebensqualität. Ähnliches gilt für ältere Patienten mit chronischen Erkrankungen.

 

Strategien im Umgang mit Sexualität im Alter

Im Grunde genommen muss man das immer wichtiger werdende Thema sensibilisieren. Dazu zeigen Experten verschiedene mögliche Herangehensweisen.

Geriater und Geriaterinnen sollten das Thema Sexualität im Alter offen ansprechen und auch beispielsweise im Pflegeheim nach Bedürfnissen fragen. Zudem ist es wichtig, Sexualität als einen Bestandteil von Successful Aging zu begreifen.

Wichtig sind hierzu auch Richtlinien, Schulungen sowie eine dementsprechend adäquate klinische Führung, um die Erkenntnisse für die Praxis zu erweitern. Damit man die Sicherheit und Würde des Personals und der Bewohner gewährleisten kann. Schließlich muss man dazu aber auch Maßnahmen bestimmen, wie am besten gegen unerwünschtes sexuelles Verhalten der Bewohner vorgehen kann.


Literatur:

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Effat Merghati-Khoei, Arezoo Pirak, Mansoureh Yazdkhasti, Parvaneh Rezasoltani. Sexuality and elderly with chronic diseases. A review of the existing literature. J Res Med Sci. 2016; 21: 136. Published online 2016 Dec 26. doi: 10.4103/1735-1995.196618

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doi: 10.1136/bmj.a239


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Geriatrie

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