Ritzen oder Schneiden: Selbstverletzung bei Kindern und Jugendlichen

Wiederholte Selbstverletzungen bei Kindern und Jugendlichen tretem weltweit häufig auf. Es gibt wenig Belege für die Wirksamkeit von Interventionen zur Verringerung dieser psychischen Störung. © bsd / shutterstock.com

Wiederholte Selbstverletzungen bei Kindern und Jugendlichen tretem weltweit häufig auf. Es gibt wenig Belege für die Wirksamkeit von Interventionen zur Verringerung dieser psychischen Störung. © bsd / shutterstock.com

Zu den häufigsten psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen zählt die wiederholte Selbstverletzung ohne suizidale Absicht.

Im Grunde genommen ist wiederholte Selbstverletzung ohne suizidale Absicht bei Kindern und Jugendlichen weit verbreitet. Dazu zählen beispielsweise das sogenannte „Ritzen“ oder „Schneiden“. Diese nichtsuizidalen Selbstverletzungen betreffen fünf bis sechs Prozent der Jugendlichen. Genau wie bei Erwachsenen ist es auch bei Kindern und Jugendlichen so, dass in der Regel mehrere Störungen gemeinsam vorliegen. Für Ärzte sowie Psychotherapeuten ist die Erstversorgung bei Selbstverletzungen oft eine große Herausforderung. Aufgrund älterer Erkenntnisse nehmen aber Betroffene vielfach keine therapeutische Hilfe in Anspruch. Deswegen gibt es mittlerweile auch online ein niedrig schwelliger Zugang zu psychotherapeutischen Behandlungen.

 

Selbstverletzungen bei Kindern und Jugendlichen gegen negative Gefühle

Betroffene Kinder und Jugendliche wollen mit Selbstverletzungen nicht ihr Leben beenden oder Aufmerksamkeit auf die eigene Person lenken. Sondern sie versuchen damit, einem negativen emotionalen Zustand zu entgehen.

Unter dem Strich sind Selbstverletzungen bei Kindern und Jugendlichen ein globales Gesundheitsproblem, mit einer 1-Jahres-Prävalenz von 10% im Selbstbericht. Die Sterblichkeit betroffener Kinder und Jugendlichen ist vier Mal höher als in der Allgemeinbevölkerung, die Selbstmordrate um das Zehnfache erhöht.

Da familiäre Faktoren wie die Eltern-Kind-Beziehung, Streit zwischen den Eltern, deren psychische Probleme oder Missbrauch als wichtige Risikofaktoren für selbstverletzendes Verhalten gelten, wurde hier eine professionelle Familientherapie erprobt. Eine rezente Studie, die zu den größten und teuersten in dieser Indikation zählt, brachte allerdings enttäuschende Ergebnisse. Hier scheint man Ressourcen ein sparen zu können, ohne die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu benachteiligen.

 

Familientherapie schützte Kinder und Jugendliche nicht besser vor Selbstverletzung als Standardversorgung

Die oben zitierte Studie ergab, dass man Selbstverletzungen bei Kindern und Jugendlichen durch Familientherapie nicht besser behandeln kann als durch die Standardbetreuung. Die Erkenntnisse zeigten keine signifikanten Unterschiede in der Häufigkeit von Klinikaufenthalten nach Selbstverletzung. Egal ob die Teilnehmer eine Familientherapie erhalten hatten, oder die Standardversorgung. Die randomisierte, kontrollierte Studie untersuchte 832 Kinder und Jugendliche aus 40 britischen Einrichtungen (Child and Adolescent Mental Health Services (CAMHS) des National Health Service, die zwischen 11 und 17 Jahren alt waren und mindestens zwei Mal selbstverletzendes Verhalten gezeigt hatten.

Verglichen wurde der Nutzen einer Familientherapie durch ausgebildete Familientherapeuten unter Supervision gegenüber der Standardbehandlung bezüglich Klinikaufenthalten wegen Selbstverletzung in den 18 Monaten nach der Randomisierung. Die Familientherapie wurde 6 Mal in etwa monatlichen Abständen durchgeführt (Anfangs häufiger) und dauerte jeweils annähernd 1:25 Stunden. Die Standardbehandlung wurde von dem örtlichen CAMHS-Teams angeboten und beinhaltete sowohl individuelle als auch familienorientierte Arbeit durch Mitarbeiter mit unterschiedlichen theoretischen Orientierungen.

 

Verhaltenstherapie

Das Ziel einer Verhaltenstherapie ist es, den Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, zu Experten ihrer Störung zu werden. Das sollte es ihnen einfacher machen, veränderte Erlebens- und Verhaltensweisen aufzubauen und ihren Selbstwert zu steigern. Und zwar, damit die weitere Entwicklung im Leben positiv verläuft.

Zunächst geht es darum, die Betroffenen über die Störung zu informieren. Bei Selbstverletzungen wird zum Beispiel darüber gesprochen, was die negativen Emotionen auslöst. Welche körperlichen Symptome auftreten, welche Gedanken und Verhaltensweisen (Vermeidungsverhalten, Rückversicherung) mit der Selbstverletzung zusammenhängen.

Der Hauptfokus in der Therapie liegt darauf, das Vermeidungsverhalten aufgrund negativer Emotionen anzugehen. Betroffene müssen lernen, ihren Gefühlen ins Auge schauen zu können und sie zu kontrollieren.

 

Fazit

Unter dem Strich muss man psychische Störungen im Kindesalter ernst nehmen, da sich diese mehrheitlich nicht von alleine „auswachsen“. Im Gegenteil hat sich mehrfach gezeigt, dass psychische Störungen im Kindesalter eine Schrittmacherfunktion für die Entwicklung weiterer psychischer Störungen im Jugend- und Erwachsenenalter darstellen. Psychotherapie ist bei vielen Kindern und bei verschiedenen Störungen wirksam. Insbesondere die Verhaltenstherapie hat sich in vielen Studien als wirksam erwiesen. Jedoch sind gegen Selbstverletzungen bei Kindern und Jugendlichen kaum gute Belege für die Wirksamkeit verschiedener Behandlungen zu finden.


Literatur:

Cottrell DJ, Wright-Hughes A, Collinson M, Boston P, Eisler I, Fortune S, Graham EH, Green J, House AO, Kerfoot M, Owens DW, Saloniki EC, Simic M, Lambert F, Rothwell J, Tubeuf S, Farrin AJ. Effectiveness of systemic family therapy versus treatment as usual for young people after self-harm. A pragmatic, phase 3, multicentre, randomised controlled trial. Lancet Psychiatry. 2018 Mar;5(3):203-216. doi: 10.1016/S2215-0366(18)30058-0. Epub 2018 Feb 12. PMID: 29449180; PMCID: PMC5835764.

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