Schwindelgefühl im Kopf soll man ernst nehmen

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Gerne ist man versucht, es als lästig, als eher harmlos zu ignorieren. Doch Schwindelgefühl im Kopf muss man ernst nehmen, es können dem Schwindel auch schwere Erkrankungen zugrunde liegen.

Schwindel kennt fast jeder, die räumliche Orientierung ist dabei gestört, was meist harmlos ist. Doch ein Schwindelgefühl im Kopf kann auch als Symptom unterschiedlicher Erkrankungen auftreten, die entsprechend – meist interdisziplinär – zu diagnostizieren und therapieren sind.

 

Das Gleichgewichtsorgan optimal nutzen

Seit hunderten Millionen Jahren ist das Gleichgewichtsorgan bei allen höheren Lebewesen ausgereift mit einem ähnlichen Bauplan. Es besteht aus zwei Maculaorganen und den drei Bogengängen. Die Maculaorgane dienen zur Messung von Schwerkraft und geradlinigen Beschleunigungen. Sie sind mit kleinen Calcitkristallen, den Otholithen, bedeckt. Auf Grund der Trägheit dieser kleinen Kristalle kommt es zu einer Tangentialverschiebung bei Bewegungen und zur Erregung der Sinneszellen.

Durch die zentrale Verarbeitung der Maculareize gewinnt der Organismus Information über die Stellung des Schädels im Raum. Zur Drehbeschleunigungsmessung dienen die drei Bogengänge. Es handelt sich ­dabei um kreisförmig geschlossene Kanäle.

Die Ebenen der drei Bogen­gänge bilden zueinander einen Winkel von 90°. Außerdem bildet die Hauptachse des Gleichgewichtsorgans gegen die Horizontale einen Winkel von 30°. Um das Gleichgewichtsorgan optimal zu nutzen, wird der Kopf beim aufrechten Gang leicht geneigt.

 

Endolymphe und Kupula

Jeder Bogengang ist an einem Ende zur Ampulle erweitert. Dort befindet sich die Kupula – das Drehbeschleunigungsmess­gerät im engeren Sinn. Die Kupula steht wie ein bewegliches Segel in dem mit Flüssigkeit – der sogenannten kaliumreichen Endolymphe  – gefüllten Bogengang. Endolymphe und Kupula besitzen genau die gleiche Dichte.

Darum kommt es bei Kopfdrehung auf Grund der Trägheit der Flüssigkeit nun zur Auslenkung der Kupula. Das führt zur Erregung der Sinnes­zellen, die wiederum die Fasern des Gleichgewichtsnervs reizen.

 

Räumliche Orientierung

Der Gleichgewichtsnerv besteht in etwa aus 18.000 Nervenfasern. Er verbindet die Haarzellen des Sinnesepithels mit den Gleichgewichtskernen. Die Ruhefrequenz von 60–90 Aktionspotenzialen in der Minute wird je nach Erregung oder Hemmung moduliert. Die Nerven beider Seiten feuern mit der gleichen Frequenz. Bei Kopfbewegungen kommt es zu einem Ungleichgewicht, das in weiteren zentralen Verschaltungen verarbeitet wird. Die erste Nervenzelle verbindet die Sinneszelle mit einem der vier Gleichgewichtskerngebiete im Hirnstamm.

Den Gleichgewichtskernen wird auch Information von der Netzhaut und den Dehnungsrezeptoren der Sehnen und Muskeln geliefert. Deswegen sind neben den Gleichgewichtsorganen das optische System und der Stell- und Halteapparat des Körpers sehr bedeutend für die räumliche Orientierung. Durch Regelkreise zwischen Augenmuskelkernen und Gleichgewichtskernen wird auch die Koordination im Raum während schneller Augenbewegungen gewährleistet. Die Verbindungen zur Streckmuskulatur über das Rückenmark ermöglichen die Umsetzung der gewonnenen Information in Bewegungen der Gliedmaßen.

Die Maculainformationen garantieren aufrechten Stand und Gang, während die Bogengänge hauptsächlich der Blickführung dienen. Über einen weiteren Regelkreis kontrolliert das Kleinhirn dabei die Feinabstimmung dieser Reflexbögen. Verbindungen zum Thalamus und der Großhirnrinde lassen uns auch Bruchteile dieser Informationen, wie zum Beispiel unsere Lage im Raum, bewusst werden.

 

Gleichgewichtsstörungen, Nystagmus und Schwindelgefühl im Kopf

Zur Kompensation einer Drehbewegung des Kopfes steuern die Gleichgewichtsorgane eine Gegenbewegung der Augen. Sie besteht aus einer langsamen Gegenbewegung und einer schnellen reflektorischen Rückstellbewegung, welche Blickstabilisierung und dadurch räumliche Orientierung auch während schneller Kopfbewegungen sicherstellt. Diesen vestibulookulären (zwischen Gleichgewicht und optischem System) Reflex nennt man Nystagmus.

Alle Lebewesen mit beweglichen Augen besitzen diesen Reflex. Ebensolche Bewegungen werden bei der Beobachtung der Umwelt beim ­Eisenbahnfahren gesehen. Dieser »Eisenbahn-Nystagmus« wird jedoch nicht vom Gleichgewichtsorgan kontrolliert. Auch bei kalorischer Reizung der Gehörgänge können diese Augenbewegungen ausgelöst werden. Robert Bárány erklärte das schon seit 1860 bekannte Phänomen und wurde dafür 1914 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Die HNO-Medizin macht sich die kalorische Reizung als eines der wichtigsten diagnostischen Mittel bei Gleichgewichtsstörungen zu Nutze.

 

Das Gespräch mit Patienten – Anamnese bei einem Schwindelgefühl im Kopf

Ein Schwindelgefühl im Kopf ist das Hauptsymptom von Patienten mit einer Störung der räumlichen Orientierung. Schon beim Eintreten des Erkrankten in das Untersuchungszimmer gibt das Gangbild und die Haltung wichtige Hinweise für das Patientengespräch. Die Anamnese gilt als wichtigstes diagnostische Mittel bei Schwindelgefühl im Kopf. In etwa 80% der Fälle kann durch genaue Befragung die richtige Verdachtsdiagnose gestellt werden.

Nachdem das Schwindelgefühl im Kopf genau charakterisiert wurde, wird der Patient nach Ohrsymptomen gefragt, denn Gleichgewichtsstörungen können mit einer Hörminderung und Tinnitus einhergehen. Oft wird auch ein Völle- oder Druckgefühl in einem Ohr beschrieben. Vegetative Symptome, wie Übelkeit, Erbrechen und Schweißausbrüche weisen auch auf HNO-bedingten Schwindel hin. Jedoch kann es auch bei kreislaufbedingtem Vertigo zu solch einer Symptomatik kommen. Begleitende Ohrenschmerzen lassen eine ernste infektiöse Ursache vermuten.

 

Sensibilitätsstörungen

Um auch in Richtung einer neurologischen Ursache zu forschen, muss der Patient gezielt nach Sensibilitätsstörungen gefragt werden. Schluck-, Sprech- und Stimmstörungen können eine Störung besonderer Hirnnerven bedeuten. Auch Sehstörungen, wie Doppelbilder werden häufig beschrieben. Dabei kann es sich um eine ophthalmologische oder auch zentrale Erkrankung handeln.

Nacken- und Haubenkopfschmerz mit Sensibilitätsstörungen in den Fingern gelten als Hinweis auf eine Erkrankung der Halswirbelsäule und ihrer Sehnen und Muskeln. Durch die enge zentrale ­Verschaltung mit Kleinhirn und Gleichgewichtskern kann eine solche Pathologie der Halswirbelsäule auch zu Gleichgewichtsproblemen führen.

 

Schwindelgefühl im Kopf als Warnsignale für schwere Erkrankungen

Rezidivierende Schübe verschiedener Symptome, wie Blasenprobleme und Sehstörungen können Zeichen für eine Multiple Sklerose sein, der gefürchteten Entzündung des Zentralnervensystems.

Oft erwähnt der Patient erst sehr spät den vergessenen Zeckenstich, darum muss in der Anamnese gezielt danach gefragt werden.

Chronische Erkrankungen wie Epilepsie werden auch sehr gerne vom Patienten verschwiegen, da oft der Zusammenhang nicht erkannt oder verdrängt wird.

Zusätzliche Schlaf- und Antriebsstörungen lassen an eine psychiatrische Ursache denken.

Druck im Brustkorb und Atemnot sind ein Warnsignal für jeden Arzt. Kreislaufbedingter Schwindel muss unbedingt durch den Internisten abgeklärt werden. Das Spektrum der auslösenden Ursachen reicht von harmlosen Kreislaufbeschwerden bis hin zum akuten Herzinfarkt.

In der Anamnese soll man auch gezielt nach Schädelhirn- und Halswirbelsäulentraumen fragen. Schlecht eingestellter Diabetes und Hypertonus führen nach einiger Zeit zu Veränderungen in großen und kleinen Gefäßen, was wiederum zu einer zerebralen Minderdurchblutung führen kann.

 

Bedeutend: Wann eine Schwindelgefühl im Kopf das erste Mal auftrat

Bei der Frage nach der Symptomatik ist die erste Schwindelepisode von besonderer Wichtigkeit. Zu diesem Zeitpunkt haben zentrale Kompensa­tionsmechanismen die Beschwerden noch nicht verändert. Außerdem wurde der Schwindel noch nicht therapiert. Die Charakteristik, Dauer und Häufigkeit der Schwindelzustände lenkt die diagnostischen Überlegungen schon in verschiedene Richtungen. Außerdem will man wissen, wodurch der Schwindel provoziert oder gelindert werden kann. Oft lässt nur der zeitliche Verlauf auf die Diagnose rückschließen.

 

Medikamentenanamnese

Als sehr wichtig gilt auch die Medikamentenanamnese. Dabei kommt es darauf an, wann der Patient was eingenommen hat.

Eine nach dem ­Auftreten der Schwindel-Symptomatik begonnene Medikation kann wichtige diagnostische Zeichen schwächen oder vollkommen unterdrücken.

 

Berufsanamnese

Am Ende der systematischen Patientenbefragung steht die Berufsanamnese. Die zunehmende Arbeit am Personalcomputer führt in verschiedenen Berufsgruppen zu Halswirbelsäulenbeschwerden. Bei der »Über-Kopf-Arbeit« wird der Bewegungsapparat der funktionellen Bewegungseinheit Kopf/Hals in einem pathologischen Ausmaß belas­tet.

Die Beurteilung der Tauglichkeit für die Tätigkeit an gefährlichen Maschinen und auf hohen Leitern kann ein gutachterliches Problem für den HNO-Arzt bedeuten. Beim Berufsfahrer können Kopfwendungen wie der Schulterblick vor dem Fahrspurwechsel zentral gut kompensierte Beschwerden wieder auslösen und dadurch den Fahrer und andere Verkehrsteilnehmer in gefährliche Situationen bringen.

 

Die otologische Untersuchung

Die nun folgende otologische Untersuchung beginnt mit der Inspektion der Ohren. Im einfachsten Fall reichen Lichtquelle und ein Ohrtrichter. In ­modernen HNO-Ordinationen und Kliniken wird diese Untersuchung mit ­einem Ohrmikroskop durchgeführt. Damit kann der geübte Untersucher ­eine Pathologie des Gehörganges, des Mittelohrs und des Trommelfells recht schnell ausschließen. Zusätzlich hilft die Untersuchung des Gehörs mit einer Stimmgabel, die genaue Lokalisation einer Erkrankung zu konkretisieren, ersetzt jedoch nicht die genaue Abklärung einer Hörstörung mittels Reintonaudiometrie. Eine Augenmuskel­lähmung kann durch Nachblicken eines bewegten Fingers in verschiedene Richtungen ausgeschlossen werden.

Bei der Erstuntersuchung wird auch die Frenzelbrille verwendet. Sie besteht aus Vergrößerungsgläsern und Lämpchen zur Beleuchtung der Augen. Die Untersuchung findet in einem dunklen Raum statt und dient zur Beur­teilung von Augenbewegungen unter Ausschaltung der Fixation. Nachdem man den Spontannystagmus bei Geradeausblick und Blick in die vier Hauptblickrichtungen getestet hat, versucht man durch Kopfschütteln einen latenten Nystagmus sichtbar zu machen.

 

Kopfschüttel-Nystagmus

Die Untersuchung auf Kopfschüttel-Nystagmus ist sehr wichtig, da sie als einzige Testung die häufigste natürliche Situation imitiert, in der eine vestibuläre Störung manifest wird. Der Nystagmus wird nach Dauer, Schlagrichtung, Amplitude, Frequenz und Geschwindigkeit der langsamen Phase beurteilt. Falls man weder Spontan- noch Kopfschüttel-Nystagmus vorfindet, darf man eine schwere Gleichgewichtsstörung nicht ausschließen. Durch wechselseitiges Aufsetzen und wieder Hinlegen mit unverdrehtem und nach links bzw. rechts verdrehtem Kopf kann ein Lagerungsnystagmus gefunden werden.

 

Spezielle ­Gleichgewichtsdiagnostik bei einem Schwindelgefühl im Kopf

Beim Stehen mit geschlossenen Augen und Fußschluss beobachtet man beim Romberg-Versuch stärkeres Schwanken bis hin zur Fallneigung bei Störungen der Koordination. Beim Unterberger-Tretversuch wird der Patient aufgefordert, mit geschlossenen Augen circa eine Minute (50 Schritte) auf der Stelle zu marschieren. Dabei darf sich der Patient weder an optischen noch akustischen Außenreizen orientieren. Die Untersuchung ist bei einer Drehung von mehr als 45° in eine Richtung als pathologisch zu beurteilen. Damit kann man ein Ungleichgewicht im Tonus der Muskulatur zur Darstellung bringen.

Bei der thermischen Gleichgewichts­prüfung kann durch Spülung des Gehörganges mit warmem (44°C) und kaltem (30°C) Wasser ein Gleichgewichtsorgan isoliert geprüft werden. Dabei wird im lateralen Bogengang ­eine thermische Endolymphbewegung ausgelöst, die wiederum zu einer Auslenkung der Kupula des Bogengangorgans führt.

Über den vestibulookulären Reflex wird ein Nystagmus erzeugt. Wenn beide Gleichgewichtsorgane gleich stark erregbar sind, besteht ein Normalbefund. Um den bei den verschiedenen Untersuchungen gefundenen Nystagmus zu objektivieren, können die Augenbewegungen durch die Ableitung mit Elektroden in einem Diagramm ­gegen die Zeit aufgezeichnet werden. Dieses Verfahren vereinfacht die Dokumentation und wird Elektronystagmographie genannt.

Akuter einseitiger Ausfall des Gleichgewichtsorgans

Durch einseitigen Ausfall eines Gleichgewichtsorgans kommt es zur Seitendifferenz der spontanen Entladungsraten in den beiden Gleichgewichtsnerven. Diese Störung führt neben akut einsetzendem Dauerdrehschwindel auch zu heftiger Übelkeit und Erbrechen. Über den Reflexbogen zu den Augenmuskelkernen wird ein Spontannystagmus generiert. Es besteht eine Fallneigung zur betroffenen Seite, da es zu einer Tonusminderung der gleichseitigen Streckmuskulatur kommt. Die zentrale Kompensation führt innerhalb von einigen Tagen zur vollkom­menen Rückbildung der Schwindel­beschwerden.

 

Idiopathischer Vestibularisausfall

In der akuten Phase werden Histamin­rezeptor-Antagonisten und Neuroleptika zur Linderung der Schwindelsymptomatik appliziert. Man sollte aber so bald wie möglich diese Medikation absetzen, um eine zentrale Kompensation nicht unnötigerweise zu verzögern. Die Übelkeit und der Brechreiz können mit Hilfe von Serotoninantagonisten gelindert werden. Viele Zentren verabreichen zusätzlich Aprednisolon nach verschiedenen Schemata. Außerdem werden Rheologika in der Behandlung des idiopathischen Vestibularisausfalls eingesetzt.

Während der Akutphase sollte ­eine kalorische Testung der Gleichgewichtsorgane auf Grund des schlechten Zustandes des Patienten unterbleiben. Obligat sind jedoch ein Hörtest und der Ausschluss einer zentralen Pathologie durch den Neurologen. Die physikalische Therapie sollte als Hauptpfeiler der Behandlung so bald wie möglich durchgeführt werden.

Der Patient kann die sehr einfachen Übungen auch alleine durchführen. In der Regel ist der akute einseitige Vestibularisausfall eine ungefährliche Erkrankung mit sehr guter Heilungstendenz. Ätiologisch werden immunologische Vorgänge nach viralen Infektionen mit Einschränkung der Mikroper­fusion diskutiert. Jedoch ist die ­genaue Ursache unbekannt.

 

Virusinfektionen

Das Gleichgewichtsorgan kann auch direkt durch Viren geschädigt werden. Neben Grippe-, Masern-, Mumps- und FSME-Viren spielen Varicella Zoster ­Viren eine wichtige Rolle. Die erste Infektion manifestiert sich als Feucht­blattern. Später kann bei Auftreten einer vorübergehenden Immunschwäche die Krankheit als Gürtelrose exazerbieren. Charakteristisch ist der Ausschlag mit kleinen Bläßchen an der Ohrmuschel und im Gehörgang. Zusätzlich kann es zu einer gleichseitigen Gesichtslähmung kommen. Das Gehörorgan kann auch betroffen sein. Die Therapie muss so bald wie möglich mit einem Virustatikum – wie die Wirkstoffe Aciclovir, Penciclovir und Valaciclovir – sowie Prednisolon begonnen werden.

 

Bakterielle Ursachen – Zecken.

Neben der Frühsommermeningoencephalitis werden auch Borrelien durch Zeckenstich übertragen. Zuerst sieht man nur einen roten Fleck an der Einstichstelle und im weiteren Verlauf wandert die Rötung peripher nach außen und hellt zentral auf. Nachdem dieser Ausschlag abgeklungen ist, können die noch immer im Körper vorhandenen Borrelien einen einseitigen Ausfall des Gleichgewichtsorgans verursachen. Deswegen wird routine­mäßig bei jedem einseitigen Ausfall die Borrelienserologie bestimmt.

Bei einer banalen Mittelohrentzündung können die Toxine der Bakterien durch Diffusion ins Innenohr das Gleichgewichtsorgan direkt schädigen. Mittel der Wahl ist die Therapie mit Antibiotika intravenös und das Setzen eines Paukenröhrchens in das Trommelfell, um eine ausreichende Drainage des Mittelohres zu sichern.

 

Durchblutungsstörungen

Das Innenohr wird durch die Labyrinth­arterie versorgt. Diese teilt sich auf in Äste für das Gleichgewichts- und ­Hörorgan. Je nach Lokalisation des Gefäßverschlusses kommt es zur einseitigen vestibulären Störung bzw. zum Hörverlust. In diesem Fall werden ­neben Glukokortikoiden auch Rheologika appliziert.

 

Schädelbasisfraktur

Bei stumpfen Schädelhirntraumen kann es leicht zu einer Schädelbasisfraktur kommen. Falls der Bruchspalt quer durch das Felsenbein zieht, kommt es zum einseitigen Ausfall des Gleichgewichtsorgans. Es bestehen heftiger Schwindel, Fallneigung, Übelkeit und ein Spontannystagmus zur Gegenseite. Außerdem macht die Öffnung des ­Liquorraumes durch Sekretion von ­klarer Flüssigkeit aus Nase oder Ohr auf sich aufmerksam. Die Therapie ist konservativ, nur im Falle einer Gesichtsnervenlähmung kann eine operative Dekompression des Gesichtsnervs indiziert sein.

 

Cholesteatom

Durch chronische Tubenventilationsstö­rung und daraus folgender chronischer Mittelohrentzündung kann sich ein Cholesteatom bilden. Es handelt sich dabei um einen entzündlichen Tumor, der expansiv wächst und dabei alle Strukturen des Mittel- und Innenohres zerstören kann. Bei Arrosion des Innen­ohres kommt es wiederum zu Schwindelbeschwerden. Als Mittel der Wahl ist immer die operative Sanierung indiziert, da es sonst zu einem Einbrechen des Cholesteatoms in den Gehirnschädel kommt. In Ländern mit guter otologischer Versorgung ist das Cholesteatom sehr selten geworden. Kinder mit rezidivierenden Mittelohrentzündungen werden engmaschig kontrolliert und, wenn notwenig, operiert.

 

Toxische Ursachen

Auch Medikamente können das ­Innenohr bei systemischer Applikation schädigen:

  • Aminoglykosidantibiotika
  • Schleifendiuretika
  • Salizylate
  • Lokalanästhetika
  • Cisplatin
  • Cyclophosphamid
  • Tuberkulostatika

Meist kommt es zu einer Hörminderung mit Tinnitus, manchmal kann jedoch auch das Gleichgewichtsorgan davon betroffen sein. Bei der Anwendung dieser Wirkstoffe ist immer an eine mögliche Schädigung zu denken.

 

Das Akusticusneurinom

Dieser Tumor des Kleinhirnbrückenwinkels ist ein vom Gleichgewichtsnerv ausgehender gutartiger Tumor. Etwa 10% aller Raumforderungen im Gehirn erweisen sich als Akusticusneurinom. Die Erkrankung macht durch Nachbarschaftssymptome auf sich aufmerksam. Deren Art und Stärke hängen wiederum von der Größe des Gewächses ab. Zunächst beginnt der Tumor intrameatal zu wachsen und Tinnitus und Hörminderung machen sich als Frühsymptome bemerkbar. Von allen Strukturen im Kleinhirnbrückenwinkel reagiert der Hörnerv auf Druck am sensibelsten.

Schließlich kommt es meistens zu einer langsam fortschreitenden Gehörbeeinträchtigung (75%), manchmal jedoch auch zum akuten Hörsturz (15%). Selten kann man auch eine fluktuierende Symptomatik wie beim Morbus Menière ­beobachten.

Über Schwindel als ­Erstsymptom klagen nur sehr wenige Pa­tienten. Auf Grund des nur sehr lang­samen Wachstums kann es noch vor der Manifestation zur zentralen Kompensation kommen.

Nur nach genauerem Befragen geben die Patienten in der Anamnese geringes Unsicherheitsgefühl in Dunkelheit oder nach ­raschen Körperbewegungen an. Durch weiteres Tumorwachstum werden Symptome, wie Parästhesien einer Gesichtshälfte, Gesichtsnervenlähmung, Schluckstörung und Heiserkeit beschrie­ben. Außerdem kann eine aufgetretene Augenmuskel­lähmung Doppelbilder verursachen.

 

Bildgebung und Diagnose

Gleichgewichtsstörungen mit statischer und dynamischer Ko­ordinationsstörung und zerebelläre Ataxie weisen auf eine Beteiligung der Pyramidenbahn und des Kleinhirns hin. Nach exakter klinischer Untersuchung muss bei jedem Tinnitus- und Schwindelpatienten eine eventuelle Hörminderung durch Reintonaudiogramm objektiviert werden. Beim Vorliegen einer einseitigen Innenohrschwerhörigkeit muss zusätzlich eine Hirnstamm­-Audiometrie gemacht werden. Dabei werden die Latenzen und Amplituden der fortgeleiteten Potenziale des Hörnervs gemessen. Diese Untersuchung gilt als billiges Routinescreening zur Früherkennung von Akusticusneurinomen.

Die endgültige Diagnose wird mittels cerebraler Magnetresonanztomographie gestellt. Es gibt verschiedene Meinungen, ab welcher Größe ein Akusticusneurinom operiert werden sollte. Um ein erhöhtes OP-Risiko bei fortgeschrittenem Lebensalter zu vermeiden, hat sich die Bestrahlung mit dem Gammaknife als sehr effizient erwiesen. Abgesehen davon kann man auch eine Wait-and-See-Strategie einschlagen, um das Wachstum des Tumors zu beobachten und daraus eine Operationsnotwendigkeit abzuleiten oder auszuschließen.

 

Fensterruptur

Bei Druckänderungen, wie beim Landeanflug oder beim Tauchen besteht die Möglichkeit, dass die Membran des runden Fensters reißt. Im Anschluss kommt es zu einem Austritt von Perilymphe in die Paukenhöhle und dadurch zu einem Ausfall des ­betroffenen Innenohres. Diese Fistel kann sich spontan verschließen, muss aber oft im Rahmen einer Operation mit körpereigenem Bindegewebe verschlossen werden.

 

Diabetes,Multiple Sklerose und Lues Diabetes.

Multiple Sklerose und Lues können Läsionen im Hirnstamm verursachen, die manchmal die Fortleitung der Signale zum Gleichgewichtskern behindern können. Dies führt wieder zu einem einseitigen Gleichgewichtsorganausfall.

 

Schwindelgefühl im Kopf bei Morbus Menière

Der Morbus Menière betrifft nicht nur das Vestibularorgan, sondern auch die Cochlea. Die Erkrankung ist eine der häufigsten Innenohrerkrankungen. Als pathomorphologisches Korrelat gilt der endolymphatische Hydrops mit Ruptur der Reissner Membran. Dadurch vermischt sich Endo- mit Perilymphe. Die Ursache für diese Vorgänge ist aber unbekannt. Emotionale Faktoren und psychische Belastungen können die Manifestation der Symptomatik verstärken. Die Krankheit ist durch anfallsweises Auftreten von Schwindel, Schwindelgefühl im Kopf, einseitigem Tinnitus, Hörminderung im Tieftonbereich und Völlegefühl im Ohr gekennzeichnet. Diese Symptome können in wechselnder Kombination und wechselnder Intensität auftreten.

Im Anfall ist ein Spontannystagmus zur betroffenen Seite erkennbar. Der Patient klagt über ein Schwindelgefühl im Kopf in Form von Drehschwindel, verbunden mit Übelkeit bis Erbrechen. Die Dauer der Episoden werden von Minuten bis Stunden angegeben. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer pantonalen ­Innenohrschwerhörigkeit von 50–60 dB. Hörminderung und Tinnitus sind dann auch im Intervall ständig vorhanden. Die Diagnose kann durch gründliche Anamnese, Spontannystagmus und fluktuierende Hörstörung im Anfall leicht gestellt werden.

Morbus Menière kann aufgrund des Krankheitsverlaufes in vier Subtypen unterteilt werden.

  1. Typ 1 (20%) Regressiver Verlauf; d.h. im Verlauf der Erkrankung werden Intensität und Häufigkeit der Anfälle geringer
  2. Typ 2 (13%) Wechselhafter Verlauf; d.h. Anfallshäufigkeit und Intensität unterliegen einem steten Wechsel
  3. Typ 3 (27%) Progressiver Verlauf; d.h. nach eventuell monosymptomatischem Beginn nehmen Anfallshäufigkeit und -intensität zu, danach schließt sich oft ein Typ 1 an
  4. Typ 4 (40%) Pausenreicher Verlauf; d.h. Verlauf mit anfallsfreiem Intervall

Die Aufteilung in mehrere Verlaufsformen stellt die nosologische Einheit in Frage und lässt verschiedene Krankheitsauslöser vermuten. Neben der Applikation von Antiemetika und Anti­vertiginosa versucht man mit Diuretika den Überdruck im Endolymphraum zu mindern. Als diätetische Maßnahme kann der Patient Kaffee und salzreiche Kost meiden.

Bei bleibenden Beschwerde stehen dem erfahrenen Otologen verschiedene operative Heilungsansätze zur Verfügung. Bei der Applikation von Gentamicin versucht man das Innen­ohr so zu schädigen, dass Schwindel beziehungsweise das Schwindelgefühl im Kopf verschwindet. Als Nebenwirkung kann heftigster Drehschwindel und Hörverlust eintreten.

Bei der Saccotomie wird der Endolymphraum eröffnet, und man versucht durch eine permanente Drainage den Überdruck im Endolymphraum zu mindern. Bei der operativen Labyrinth­ausschaltung wird das gesamte Innen­ohr zerstört und der Patient ist danach auf diesem Ohr taub. Die Durchtrennung des Gleichgewichtsnervs ist als neurochirurgischer Eingriff mit einem sehr hohen Operationsrisiko vergesellschaftet.

Alle diese Konzepte haben bei richtiger Indikationsstellung ihre Berechtigung und können die Lebensqualität des Patienten verbessern. Als weiterer Therapieansatz wurde weiland an der Wiener Universitätsklinik ein Verfahren, die Tenotomie, entwickelt. Dabei werden im Rahmen eines ­kurzen Eingriffes die Sehnen der ­Mittelohrmuskeln durchtrennt.

 

Benigner paroxysmaler ­Lagerungsschwindel

Dieses Krankheitsbild wird an Patienten mit Schwindelbeschwerden relativ häufig beobachtet, obwohl es der Allgemeinheit kaum bekannt ist. Es können ­Menschen aller Altersgruppen betroffen sein. Der Patient klagt über wenige ­Sekunden bis Minuten dauernde Schwindelanfälle mit starkem Schwindelgefühl im Kopf.

Bei genauerem Nachfragen handelt es sich dabei um einen heftigen Drehschwindel in Zusammenhang mit Lagewechsel im Bett. Oft wacht der Patient mitten in der Nacht durch das Erstauftreten der Beschwerden auf und glaubt, er hätte einen Schlaganfall. Bei Seitenlage und Aufrichten beschreibt der Betroffene einen nach ­kurzer Latenz auftretenden, zunehmenden und danach abnehmenden heftigen Drehschwindel.

Die gleichzeitige Beobachtung eines rotatorischen Nystagmus zum betroffenen Ohr mittels der Frenzelbrille beweist das Vorliegen eines gutartigen paroxysmalen Lagerungsschwindels. Meist verschwinden die Beschwerden nach einigen Wochen von selbst. Es kann jedoch vorkommen, dass Monate oder Jahre später der Drehschwindel für geraume Zeit wieder auftritt.

Eine Behandlung mit Medikamenten ist nicht indiziert. Sinnvoll ist es jedoch, durch mehrmaliges, absichtliches Auslösen des Schwindels den Reflex zu ermüden, um dann z.B. ungestört ­einschlafen zu können. In der Literatur werden verschiedene Befreiungsmanöver beschrieben, die alle bei ­richtiger Anwendung zur Linderung der Beschwerden führen. Man nimmt an, dass der Lagerungsschwindel durch ein abgesprengtes Kristallteilchen der Macula ausgelöst wird, welches bei entsprechenden Kopfbewegungen im Innenohr sein Unwesen treibt. Warum es zum Loslösen eines Kriställchens kommt, ist in den meisten Fällen nicht zu ermitteln.

Gelegentlich jedoch tritt der Lagerungsschwindel nach Unfällen auf, die zu ­einer Erschütterung des Kopfes geführt haben. Es handelt sich um eine harmlose, wenn auch zuweilen unangenehme Erkrankung.

 

Interdisziplinär behandeln

Generell werden an Kliniken alle Patienten mit Gleichgewichtsbeschwerden dem Neurologen vorgestellt. Besteht eine zusätzliche Symptomatik, werden insbesondere Augenarzt, Psychiater und Internist in die Diagnostik miteingebunden. Das Symptom Schwindel beziehungsweise ein Schwindelgefühl im Kopf darf trotz modernster Diagnostik weiterhin als ­interessante interdisziplinäre Herausforderung betrachtet werden.

Quelle und Informationen:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=vertigo+brain

http://neuroscience.uth.tmc.edu/s2/chapter10.html

http://vestibular.org/understanding-vestibular-disorder/human-balance-system

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19937232

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=vertigo

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About Author

Dr. Darko Stamenov

MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

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