Bei Schluckstörungen im Alter sollten Ärzte und Pfleger hellhörig werden

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Wenn Patienten über Schluckstörungen im Alter berichten, sollte man hellhörig werden, denn dahinter könnte sich eine ernste Grunderkrankung verbergen.

Das Schlucken ist eine komplexe Kombination von verschiedenen Bewegungsabläufen in unserem Körper. Es funktioniert zuerst sehr willkürlich nämlich in Mund und Rachen. Es wird dann aber zunehmend unwillkürlicher (aboral), je weiter sich die Nahrung vom Mundbereich entfernt. Das Schlucken bezeichnet man medizinisch auch Deglutition. Es ist eine robuste Körperfunktion, die aber mit dem älter werden zunehmend schlechter funktioniert. Das kann dann in Folge eben zu Schluckstörungen im Alter führen.



Das Schlucken wird also langsamer und schwächer. Im Grunde genommen bleibt der Schluckakt bei gesunden Senioren aber grundsätzlich ausreichend. Das Schlucken kann aber durch Stressoren, Behinderungen und Erkrankungen leichter entgleisen. Dann können verschiedene Probleme beziehungsweise Beschwerden entstehen.

  • Mangelernährung (Malnutrition). Schluckstörungen im Alter können zu einer sogenannten quantitativen Mangelernährung beziehungsweise Unterernährung führen. Das kann dann in Folge zu einem deutlichen Gewichtsverlust führen.
  • Als Exsikkose bezeichnet man die Austrocknung des Körpers bei starkem Flüssigkeitsverlust. Schluckstörungen im Alter können somit zu einer Dehydratation führen. Es kommt aber auch öfters vor, dass eine Exsikkose durch mangelndes Durstempfinden entsteht. Dann kommt es ebenfalls zu einer mangelhaften Aufnahme von Flüssigkeit. Gerade, wenn Patienten an einer Demenz leiden, ist die Gefahr sehr groß.
  • Aspiration ist das Verschlucken. Das kann zählt zu den sehr gefährlichen Schluckstörungen im Alter. Dysphagie-Patienten haben eine sehr erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass es zum Eindringen von Nahrung (Bolus, das, was geschluckt werden soll) in die Luftröhre kommt. Eine klinisch stumme Aspiration kann lebensgefährlich werden, wenn die Betroffenen bereits sehr geschwächt sind. Man spricht fachlich von einer letalen Aspirationspneumonie, die sich durch verminderte Vitalreserven entwickelt.

Altersbedingte Veränderungen beim Schlucken werden wie eingangs erwähnt als Presbyphagie oder Presbydysphagie bezeichnet. Dadurch entstehen dann Schluckstörungen im Alter, die von Jahr zu Jahr zunehmen können. Oft liegt aber eine Grunderkrankung vor, die mit einer Dysphagie einhergehen können. Dazu gehören eine Demenz, neurodegenerative oder psychiatrische Erkrankungen sowie aber auch Tumoren.

 

Schluckstörungen von Grunderkrankungen abgrenzen

Vereinfacht dargestellt, unterscheidet man beim Schlucken die orale, pharyngeale und ösophageale Phase. In jeder dieser Phasen können altersbedingte Veränderungen mit nachfolgender Presbydysphagie auftreten. Die orale Phase kann durch Geschmacks- und Riechstörungen beeinträchtigt sein, aber auch durch eine eingeschränkte (Zungen-)Sensibilität.

Die Kaufunktion kann durch Zahnverlust oder schlecht angepasstem Zahnersatz eingeschränkt sein. Problematisch ist auch, wenn die Speichelproduktion nachlässt: dann fehlt Flüssigkeit zur Schleimhautbefeuchtung und zur Einspeichelung der Nahrung.

Auch Veränderungen der Speiseröhre können zu Schluckstörungen im Alter führen. Die Sensibilität der Speiseröhre lässt nach, die Ösophaguswand wird rigider und das Lumen erweitert sich. Dies führt bei Betroffenen ebenfalls zu Unsicherheit beim Schluckvorgang und steigender Gefahr einer Aspiration.

 

Häufigkeit – Prävalenz – von Schluckstörungen im Alter und Möglichkeiten zur Intervention

Eine hohe Prävalenz von oropharyngealen Dysphagien ist bei neurologischen Erkrankungen – und daher naheliegend Schluckstörungen im Alter aufgrund des Durchschnittsalter der Patienten – gegeben: Das trifft bei etwa 50 Prozent der Schlaganfall-Patienten in der Akutphase und etwa der Hälfte der Patienten mit Morbus Parkinson zu. Bei Demenz in fortgeschrittenem Stadium liegt fast immer eine Dysphagie vor. Außerdem treten Schluckstörungen im Alter unter Einnahme von Neuroleptika gehäuft auf.



Die Prävalenz der Schluckstörungen im Alter dürfte zwischen 10% bei allen älteren Menschen und 30% bis 50% bei in Pflegeheimen betreuten Senioren liegen. Die ambulante Betreuung zuhause lebender Senioren bewegt sich im Spannungsfeld einer prekären Homöostase persönlicher und sozialer Alltagsbewältigung. Involutionstendenzen früh entgegenzusteuern ist ein wichtiger ganzheitlicher Ansatz. Isometrische Übungen können gesunden Senioren die Kraft und Effizienz ihres Schluckaktes erhalten.

 

Folgeerkrankungen wie Lungenentzündung

Schluckstörungen im Alter sind wie erwähnt sehr verbreitet und betreffen vor allem ältere Menschen. Weil das Schlucken ein sehr komplexer Mechanismus ist, an dem viele Gehirnfunktionen, Nerven, Muskeln und Strukturen beteiligt sind, sind auch die Ursachen für eine Störung des Schluckreflexes äußerst vielfältig. Neurologische und innere Erkrankungen können ebenso eine Dysphagie auslösen wie Veränderungen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich oder psychische Erkrankungen.

„Schluckstörungen im Alter beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität, sondern führen häufig zu schwerwiegenden Folgeerkrankungen, die dann eine lange und aufwändige Behandlung nach sich ziehen“, erklärte Prof. Dr. Martin Tegenthoff, Direktor der Neurologischen Klinik des Bergmannsheil, anlässlich einer Presseaussendung (Oktober 2011).

Wenn die Schluckfunktion vermindert ist, „verschlucken“ sich die Betroffenen öfter und es können Speichel oder Speisepartikel über die Luftröhre in die Lunge gelangen – die erwähnte Aspiration. Schlimmstenfalls kommt es dann zu einer Lungenentzündung, die gerade für ältere Patienten ein erhebliches Risiko darstellt.

Während einer funktionsorientierten Rehabilitation meist enge Grenzen gesetzt sind, ergeben sich therapeutische Fortschritte oft aus der Summe kleiner Interventionen.

 

Betreuung älterer Patienten

Akut Aufnahmen im Krankenhaus können die Selbständigkeit älterer Patienten bis hin zur Desorientiertheit einschränken. Auch das kann mögliche Auswirkungen auf Ernährung und Schlucken verursachen. Das Abfangen einer negativen Spirale (funktionellen Kaskade) im Rahmen einer Einweisung ins Krankenhaus erfordert Feingefühl der Ärzte und des pflegenden Personals.

Man muss unbedingt überprüfen, welche allgemeinen ­medizinischen und pharmakologischen Einschränkungen entstehen können. Auch kognitive und sensorische Beeinträchtigungen sind zu berücksichtigen. Jedenfalls muss man mögliche Auswirkungen auf das Schlucken überprüfen. Schließlich ist das alles zu berücksichtigen und zu dokumentieren, wenn der Patient entlassen wird.

 

Langzeitbetreuung von geriatrischen Patienten mit Dysphagie

In der geriatrischen Langzeitbetreuung muss man ebenfalls die unterschiedlich fortschreitenden Involution berücksichtigen. Das gilt für eine Pflegeheim, aber auch für Menschen, die zuhause wohnen. Im Grunde genommen sollte ein Screening auf Dysphagie in Pflegeheimen erfolgen. Zudem sollten auch niedergelassene Ärzte die Angehörige von geriatrischen Patienten stärker auf die Problematik von Schluckstörungen im Alter aufmerksam machen. Als Involution bezeichnet man übrigens die natürliche Rückbildung eines Organs. Vor allem eine Demenz begünstigt die Verschlechterung sowie die Rückbildung von Funktionen.

Bei Schluckstörungen im Alter muss der Arzt einerseits eine spezifische Therapie erfolgen, die für den jeweiligen Patienten individuell angepasst wird. Wichtig sind aber auch Maßnahmen, die Bedürfnisse der Patienten wie Zuwendung, Kommunikation, Kostform, Zeitaufwand und Hilfestellung für Mahlzeiten abdecken. Die Aufmerksamkeit für frühe Anzeichen einer Malnutrition, Exsikkose oder Aspiration sind in der Pflege von alten Patienten von größter Bedeuung. Dies ist ganz wichtig für die Lebensprognose sowie für die Lebensqualität.



Diagnostik von Schluckstörungen im Alter erkennen

Die Diagnostik von Schluckstörungen im Alter erfordert sowohl eine technisch unterstützte Funktionsdiagnos­tik als auch die Analyse der medizinischen und persönlichen Gesamtsituation.

Für die Diagnostik von Schluckstörungen stehen klinische und apparative Untersuchungsmethoden zur Verfügung. Dabei ist der fiberendoskopischen Evaluation des Schluckens (FEES) neben der Videofluoroskopie (VFSS) der Vorzug zu geben.

Neben der morphologischen Beurteilung der pharyngealen und laryngealen Strukturen werden hierbei ausführliche Funktionsprüfungen des Schluckaktes vorgenommen und die Effizienz des Sekretmanagements kontrolliert.

Schluckstörungen im Alter werden beim Essen und Trinken beurteilt. Therapeutische Interventionen können hinsichtlich ihrer Wirksamkeit untersucht und auch die korrekte Lage einer nasogastralen Sonde kann unmittelbar verifiziert werden. Ferner kann auf Basis einer FEES entschieden werden, ob ein tracheotomierter Patient dekanüliert werden kann.

Literatur:

Philpott et al. Dysphagia: Thinking outside the box. World J Gastroenterol. 2017 Oct 14; 23(38): 6942–6951. doi: 10.3748/wjg.v23.i38.6942

Jardine M, Miles A, Allen J. A Systematic Review of Physiological Changes in Swallowing in the Oldest Old. Dysphagia. 2019 Sep 5. doi: 10.1007/s00455-019-10056-3.

Di Pede C, Mantovani ME, Del Felice A, Masiero S. Dysphagia in the elderly: focus on rehabilitation strategies. Aging Clin Exp Res. 2016 Aug;28(4):607-17. doi: 10.1007/s40520-015-0481-6. Epub 2015 Nov 20.

Andersen Fortes A, André-Brylle J, Westmark S, Melgaard D. Primary Healthcare Professionals Experience of Transfer and Meaning According to Screening for Dysphagia. Geriatrics (Basel). 2019 Sep 27;4(4). pii: E54. doi: 10.3390/geriatrics4040054.


Quelle: Prim. Univ.-Doz. Dr. Herwig Swoboda. Wie Schluckstörungen im Alter die Menschen belasten. MEDMIX  9-2008

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Dr. Darko Stamenov

MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

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