Schizophrenien und ­Bipolare Störungen

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Etwa 1% der Bevölkerung leiden an Schizophrenien und ­Bipolare Störungen, in den letzten Jahrzehnte wurden die therapeutischen Möglichkeiten revolutioniert.

Schizophrenien und ­Bipolare Störungen weisen eine Lebenszeitprävalenz von jeweils etwa 1% auf. Sie gehören damit bei weitem nicht zu den häufigs­ten psychiatrischen Erkrankungen, trotzdem prägten diese beiden Erkrankungsgruppen über lange Zeit das Bild von Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Öffentlichkeit.

 

Schizophrenien und ­Bipolare Störungen – Stigmatisierung und Ausgrenzung

Auf Seiten der Medizin wurden Schizophrenien und ­Bipolare Störungen lange als geradezu paradigmatisch für unbeeinflussbare, meist chronisch progredient ablaufende Krankheitsprozesse eingestuft. Stigmatisierung und Ausgrenzung der von diesen Erkrankungen Betroffenen waren die Folgen. Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben die therapeutischen Möglichkeiten für beide Erkrankungsgruppen revolutioniert.

 

Therapeutische Zielsetzungen neu definiert

Der sozial-psychiatrische Anspruch auf gesellschaftliche Integration und die Erfolge der biologisch-pharmakologischen Forschung haben dazu beigetragen, die therapeutischen Zielsetzungen neu zu definieren. Standen in der Vergangenheit Symptomunterdrückung, Antriebsverminderung oder Sedierung im Vordergrund der Therapieziele, so geht es in der modernen Psychiatrie um die langfristige soziale Stabilisierung des Menschen und die Erhaltung seiner weitestgehenden und möglichst autonomen gesellschaftlichen Integration.

Die Einführung unterschiedlicher, neuer atypischer Antipsychotika hat das Spektrum sowohl in der Akut- als auch in der Langzeittherapie erweitert. Sie wirken nicht nur auf die produktive psychotische, sondern auch auf die oft wesentlich beeinträchtigendere Negativsymptomatik. Von vielen Patienten werden sie – weil nebenwirkungsärmer – besser akzeptiert. Die Möglichkeiten zur Stimmungsstabilisierung und Phasenprophylaxe sind durch einige neue antidepressive und antikonvulsive Substanzen deutlich ausgeweitet worden. Nicht zuletzt konnte die Wirksamkeit störungsspezifischer, psychoedukativer und psychotherapeutischer Interventionen für beide Erkrankungsgruppen wissenschaftlich belegt und in der Praxis gezeigt werden.

 

Versorgungslandschaft kritisch überdenken

Trotz aller Fortschritte ist aber auch heute eine realistische Einschätzung der tatsächlich bestehenden Lebenssituation der Betroffenen wichtig. Gerade wenn aktuell unter dem falsch ins Deutsche übersetzten englischen Schlagwort »recovery« von selbst­ernannten Experten unverantwortliche und uneinlösbare Hoffnungen auf »Heilung« versprochen werden, ist es notwendig, die wissenschaftlich gesicherte Evidenz zu beachten.  Diese zeigt klar, dass die meisten Patienten, die an Schizophrenien und ­Bipolare Störungen leiden, tatsächlich einer lebenslangen Therapie bedürfen.

Die neuesten Studien – nicht zuletzt die berühmte »CATIE«-Studie (Lieberman et al., NEJM 2005) – zeigen auch deutlich, dass therapeutische Möglichkeiten und tatsächliche Akzeptanz und Inanspruchnahme dieser Möglichkeiten durch die Betroffenen noch weit auseinanderklaffen. Beson­ders wenn man berücksichtigt, dass ein eindeutiger wissenschaftlich gesicherter Zusam­men­hang zwischen nicht behandelten Krankheitsepisoden, Chronifizierung und Entwick­lung von Behinderungen besteht, wird klar, dass die vorhandenen Versorgungsstrukturen und Informationssysteme für diese Patientengruppen weltweit nicht optimal sind (Wyatt, Schizophr Bull 1991; Gilbert et al., Arch Gen Psych 1995; Almond et al., Br J Psych 2004).

Die Konsequenz dieser Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten und den tatsächlich erzielbaren Erfolgen der Therapie kann nur darin bestehen, die derzeitige Versorgungslandschaft kritisch zu überdenken (siehe dazu: Lieberman. »Lost in Translation: What we really learned from Catie.« Psychiatr News 2006).

Auch in den deutschsprachigen Ländern ist es notwendig, die bestehenden mediko-psycho-sozialen Strukturen stärker den Bedürfnissen der betroffenen Patienten anzupassen. Einen wesentlichen Beitrag zu dieser Entwicklung im Bereich der Basisversorgung könnten bei entsprechender Einbindung und Ausbildung die niedergelassenen Mediziner in Zusammenarbeit mit den psychosozialen Diensten leisten.

Quelle: Schizophrenien und ­Bipolare Störungen. Univ.-Prof. Dr. Karl Dantendorfer. MEDMIX 12/2007.

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