Rückwärts gehen, um das Kurzzeitgedächtnis in Schwung zu bringen

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Schlüssel verloren? Brillen verlegt? Anstatt angestrengt seine Schritte zurückzuverfolgen, könnte man auch rückwärts gehen, um sein Kurzzeitgedächtnis in Schwung zu bringen.

Angesichts des bewiesenen Zusammenhangs zwischen Bewegung und zeitlichem Denken ist es überraschend, dass nicht schon früher eine Studie die Möglichkeit prüfte, dass rückwärts gehen das Gedächtnis verbessern könnte. Nun analysierten Forscher in sechs Experimenten mit 114 Probanden, ob eine Rückwärtsbewegung das Kurzzeitgedächtnis besser aktivieren konnte als Vorwärtsbewegung oder Nichtbewegung. Die in der Januar-Ausgabe von Cognition veröffentlichte Studie ergab, dass Personen, die rückwärts gehen beziehungsweise sich vorstellen, dass sie rückwärts gehen, jedenfalls ein besseres Kurzzeitgedächtnis hatten. Außerdem konnten sich sogar jene Teilnehmer besser an kürzlich vergangene Ereignisse erinnern, wenn sie nur ein Video schauten, das rückwärts gehen simulierte. In all diesen Fällen verbesserte sich das Kurzzeitgedächtnis gegenüber Studienteilnehmern, die vorwärts gingen oder still blieben.

 

Studiendesign

In der Studie sahen manche Teilnehmer ein Video eines inszenierten Verbrechens (Experimente 1, 3 und 5), eine Wortliste (Experimente 2 und 4) oder eine Reihe von Bildern (Experiment 6). Dann gingen sie vorwärts oder rückwärts (Experimente 1 und 2), sahen sich ein vorwärts oder rückwärts gerichtetes optisches Flussinduziervideo an (Experimente 3 und 4) oder stellten sich vor, dass sie vorwärts oder rückwärts gehen (Experimente 5 und 6). Zum Schluss beantworteten sie Fragen zum Video oder erinnerten sich an Worte oder Bilder. Die Ergebnisse zeigten eindrucksvoll, dass die bewegungsinduzierte, auf die Vergangenheit gerichtete mentale Zeitreise die Gedächtnisleistung für verschiedene Arten von Informationen verbesserte. Die Wissenschaftler sprachen von einem Zeitreise-Effekt.

 

Ungeklärt, warum das Rückwärts gehen kognitive Leistungen in Schwung bringt

Warum rückwärts gehen das Kurzzeitgedächtnis beflügelt, ist aber  nach wie vor ein Rätsel, kommentiert Dr. Daniel Schacter von der Abteilung für Psychologie an der Harvard University. Offenbar können Menschen in die Vergangenheit rückwärts gehen, und irgendwelche Erinnerungen auslösen zu können. „Wir wissen, dass der rückwärts gehen Effekt nichts damit zu tun hat, wie das Gehirn gewisse Informationen verschlüsselt hat“, erklärte Dr. Schacter. Schließlich liefen die Leute ja nicht rückwärts, als sie die in dieser Studie provozierten Erinnerungen im Gedächtnis abspeicherten. Zukünftig sind weitere Studien erforderlich, um die Mechanismen herauszufinden.

In fünf der sechs Experimente war das Gedächtnis besser, wenn sich die Menschen rückwärts bewegten, als wenn sie sich vorwärts bewegten. Im Durchschnitt dauerte der Gedächtnisschub 10 Minuten, nachdem die Menschen aufgehört hatten, sich zu bewegen. In einem inszenierten Kriminalfall sahen die Teilnehmer beispielsweise ein Video von einer Frau, der in einem Park ihre Tasche gestohlen wurde. Die Forscher testeten, wie gut die Menschen 20 Fragen zum simulierten Verbrechen beantworten konnten. Es zeigte sich, dass Menschen, die Rückwärtsbewegungen machten, signifikant häufiger mehr Fragen richtig beantworten konnte.

 

Denkbare Anwendungen

Dr. Schacter meint, dass rückwärts gehen eines Tages die bereits vorhandenen Techniken zur Steigerung des Gedächtnisses erweitern könnte. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem kognitiven Interview, dass den Menschen hilft, sich an Details eines kürzlichen Ereignisses zu erinnern. Beispielsweise, wenn man sie zu einem Verbrechen befragt. „Im Grunde genommen versuchen Interviewer, so viele genaue Informationen wie möglich zu erhalten, ohne ein falsches Gedächtnis zu provozieren“, erklärt Dr. Schacter. „Sie tun dies, indem sie die Person metaphorisch durch das Ereignis vorwärts und rückwärts führen. Möglicherweise könnte rückwärts gehen Ähnliches im Gehirn bewirken.“

Die Verwendung von Rückwärtsbewegungen könnte möglicherweise das kognitive Interview verbessern oder als separate Technik verwendet werden, sagt er. Eine Schlüsselfrage, die noch zu beantworten ist, ist jedoch, ob die Technik ein genaues Abrufen von Alltagsereignissen fördert, sagt Dr. Schacter. „Es ist wirklich zu früh, um zu sagen, ob es praktische Anwendungen geben würde“, sagt er. Vielleicht könnten bewegungsbasierte Gedächtnishilfen zukünftig auch älteren Erwachsenen oder Menschen mit Demenz unterstützen.

Literatur:

Aksentijevic A, Brandt KR, Tsakanikos E, Thorpe MJA. It takes me back: The mnemonic time-travel effect. Cognition. 2019 Jan;182:242-250. doi: 10.1016/j.cognition.2018.10.007. Epub 2018 Oct 24.

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