Strategien in der Behandlung von chronischen Rückenschmerzen

Anamnese, Diagnostik und Rückenschmerz-Behandlung. © Lesterman / shutterstock.com

Anamnese, Diagnostik und Rückenschmerz-Behandlung. © Lesterman / shutterstock.com

Therapeuten und Patienten suchen nach einfachen Lösungen in der Behandlung von chronischen Rückenschmerzen, doch es ist ein Kreuz mit den Kreuzschmerzen.

Unter dem Strich sind Rückenschmerzen, auch Kreuzschmerzen, selten banal. Häufig muss der Therapeut für die Behandlung der chronischen Rückenschmerzen einen Stufenplan erstellen. Das soll adäquate Strategien ermöglichen. Und zwar um für die Beschwerden eine diagnostisch-therapeutische, mittel- beziehungsweise auch langfristige Problemlösung anzustreben.

 

Die Behandlung von chronischen Rückenschmerzen ist voller Tücken

Rückenschmerzen zeigen viele schmerzende Gesichter. Oft ist der Arzt bereits vor Beginn der Rückenschmerzen-Behandlung mit einer beträchtlichen Zahl nicht klar definierbarer Schmerzen, die sich auch durch moderne Diagnostik-Verfahren nicht abklären lassen, konfrontiert.

Bei Patienten mit akuten Rückenschmerzen können die Schmerzen wiederum innerhalb von sechs Wochen bis drei Monaten von selbst wieder verschwinden. Den Rückenschmerzen sind meistens gutartig und selbstlimitierend, allerdings kommen sie oft immer wieder und treten zwischen dem 30. und 55. Lebensjahr zunehmend häufiger auf:

 

Gesundheitliche Schwachstellen: Neigung zu Rückenschmerzen

Das heißt, wer einmal zu Rückenschmerzen neigt, der neigt immer dazu. Es handelt sich ­um eine anlagebedingte Schwachstelle des Körpers. Diese kann man je nach Beruf, Sport, Familien­leben und vielen anderen positiven und negativen Faktoren beeinflussen. Wobei der Schmerz einmal stillhält und dann wieder unverhofft zum Leben erwacht.

Jeder Mensch hat eine oder mehrere gesundheitlichen Schwachstellen. Mancher bekommt bei Überlastung oder Überforderung einen Hautausschlag, andere leiden an chronischer Verstopfung, immer wiederkehrenden Nasennebenhöhleninfektionen oder unklarem Herzklopfen. Bei vielen Rückenschmerzpatienten ist der Rücken das Ausdrucksorgan für Härten und Schönheiten des Lebens.

 

Behandlung der Rückenschmerzen nach striktem ­standardisiertem Stufenplan

In verschiedenen internationalen Topzentren zur Rückenschmerzen-Behandlung wurde in den letzten Jahrzehnten Strategien entwickelt, die besonders bezüglich mittel- und langfristiger Erfolge die besten Erfolge verspricht. Dabei kommt ein genau festgelegter Stufenplan zum Einsatz:


Schritt 1 – Erstkontakt. Klarstellung des prognostisch ­vielversprechendsten Therapieansatzes: gleichberechtigte Arzt-Patientenbeziehung.

Schon beim Erstkontakt muss der Therapeut dem Patienten klar machen, dass es sich im Großteil der Fälle um eine chronische Erkrankung handelt, bei der ein gleichberechtigtes Therapeuten-Patientenverhältnis unumgänglich für den Erfolg ist. Die Beibehaltung des konventionellen hierarchischen Verhältnisses zwischen Arzt und Patient hat sich als wesentlich geringer effektiv herauskristallisiert.

Eine ausführliche Aufarbeitung aller bisher durchgeführten diagnostischen und therapeutischen Schritte, die Erarbeitung eventuell noch offener diagnostischer oder passiver therapeutischer Interventionen, bereits vom Beginn an mit Mitbeachtung von offensichtlich psycho-sozialen Faktoren der Erschwernis und natürlich der professionelle Ausschluss wirklich schwerwiegender somatischer Ursachen der Schmerzen hat in dieser zumindest einstündigen Sitzung zu erfolgen.

Dabei gibt es genaue ­Algorhythmen, die das Über­sehen von Tumor, Fraktur, Entzündung, schwerer neurologischer Symptomatik, Wirbel­kanalsenge, Wirbelgleiten usw. zu einem hohen Prozentsatz vermeiden helfen.


Schritt 2 – Therapie­algorhythmus: Die effiziente Schmerzausschaltung

Als nächster Schritt ist es notwendig, die Schmerzintensität und die Häufigkeit des Auftretens der Schmerzen drastisch zu reduzieren. Und zwar sollte das mit allen zur Verfügung stehenden Maßnahmen geschehen:

Unterstützend soll der Arzt dem Rückenschmerzpatienten das Gefühl geben, sehr stark in die Rückenschmerzen-Behandlung einbezogen und ernst genommen zu werden. Auch indem entsprechende Informationen über das Krankheitsbild vermittelt werden.

Die therapeutischen Erwartungen sollten – denn aus der Verhaltensmedizin wissen wir: jede Aussage, die eintrifft, stärkt die Bindung und Suggestibilität des Patienten an den Therapeuten, jede nicht eingetroffene Prognose treibt ihn wieder weg.


Schritt 2 – Ausführliche Aufklärung über die Notwendigkeit einer gezielten medikamentösen Intervention: Medikamentöse Behandlung chronischer Rückenschmerzen als Mittel zum Zweck

Häufig neigen die Patienten dazu zu sagen: „Ich will eigentlich keine Medikamente nehmen“. Dann sollte der Arzt sofort eine Erklärung für ein aggressive medikamentöse Behandlung der chronischen Rückenschmerzen haben.

Seit etlichen Jahren ist bekannt, dass bereits nach wenigen Wochen von permanentem Schmerz es zu morphologisch-strukturellen Umbauten im Rückenmarksbereich kommt. Dabei wird definitiv (und auch im Mikroskop sichtbar) dem Schmerz eine »Schmerzfabrik« gebaut – die zentrale Sensibilisierung.

Außerdem bekommt der Schmerz im Gehirn eine größere Repräsentationszone zugeteilt. Dies kann im Extremfall bedeuten, dass die ­Ursache des Schmerzes schon längst wieder behoben ist, der Patient aber trotzdem an massiven Schmerzen leidet.

Die gute Nachricht: dieser Prozess ist reversibel. Dafür muss man aber den ­peripheren Schmerzeinstrom drastisch reduzieren. Dies stellt die ­erste Begründung für eine ausreichende und aggressive Therapie mit Schmerzmitteln dar.

Der zweite wichtige Punkt bezieht sich auf das eingelernte Schonverhalten mit schonenden Bewegungen sowie dem Verhalten zum Vermeiden von Angst. Und zwar ersetzen diese bei fast 100% der Patienten mit chronischen Schmerzen nach länger dauerndem Schmerz das unwillkürlich das natürliche Bewegungsprogramm.

Dies ist maßgeblich für die Aufrechterhaltung der Rückenschmerzen verantwortlich, da durch Fehlbelastungen und Überlastungen von an und für sich nicht belasteten passiven und aktiven Strukturen des Bewegungsapparates neue Schmerzrezeptoren gereizt werden, die eine weitere Schonung bewirken. Dadurch wird aber die einzige schützende schmerzhemmende Struktur – die Muskulatur – immer weiter abgeschwächt. Und schließlich auch koordinativ stark in Mitleidenschaft gezogen.

So wird das körpereigene »Korsett« unaufhaltsam immer weiter abgeschwächt, das uns die dreidimensionalen Bewegungen des Alltags, die statischen Anforderungen längeren Sitzens und Stehens sowie auch leichtere sportliche Aktivitäten angst- und vor allem schmerzfrei durchführen lässt.

Eine adäquate Schmerztherapie ermöglicht auch, schnellstmöglich in einen reaktivierenden, kräftigenden und koordinationsverbessernden Aktivprozess wieder Progressive Muskelentspannung nach Jacobson verkürzt Einschlafdauer einzusteigen. Schließlich ist diese Wiederherstellung von normaler Kraft, Kraftausdauer, Koordination sowie damit dem Verhalten bei Bewegungen in Kombination mit einer sensibilisierten Körperwahrnehmungsfähigkeit sehr wichtig. Diese gilt jedenfalls als unumstrittene Schlüssel für einen mittel- und langfristigen Erfolg in der Bewältigung und Behandlung von chronischen Rückenschmerzen.


Hilfsmittel

Als unterstützende moderne Hilfsmittel haben sich international und national spezielle computergestützte Systeme zu Analyse und Training in Kombination mit 3-dimensionalem Koordinationstraining (wie beispielsweise am Spacecurl) und therapeutischem Klettern bewährt. Und zwar lässt sich deren Hilfe sicher und effektiv der oben beschriebene Kreislauf bei mehr als 90% der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen durchbrechen.

Schließlich sind häufig psychosoziale Faktoren vorhanden, die der Therapie bei der Erstuntersuchung festgemacht hatte. Wenn diese sehr ­prominent sind, dann hat sich die Kombination von schmerzlindernden ­Methoden, intensiven Programmen zur Aktivierung mit Entspannungsmethoden wie Muskelentspannung nach Jacobson sowie Hypnose oder Biofeedback sehr gut bewährt.

Unter dem Strich gibt es auch verschiedene andere alternative Methoden. Beispielsweise hat sich die Therapie mit Sauerstoff-Ozon als sichere Behandlung mit positiver Wirkung auf die Kontrolle chronischer Rückenschmerzen erwiesen. Weiter kann die Injektion von Botulinumtoxin A auf Patienten mit chronischer Rückenschmerzen vorteilhafte Effekte bringen.


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Quellen:

Rainer Muller. Strategien in der Behandlung von Rückenschmerzen. Medmix online 2019

Erfolg versprechende Strategien zur Behandlung von Rückenschmerzen. Dr. Bernhard Stengg, MEDMIX 4/2004.

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