Strategien in der Rückenschmerzen-Behandlung

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Therapeuten und Rückenschmerzenpatienten suchen nach einfachen Lösungen in der Rückenschmerzen-Behandlung, doch es ist ein Kreuz mit den Kreuzschmerzen.

Rückenschmerzen, auch Kreuzschmerzen, sind selten banal. Häufig wird ein Stufenplan für die Rückenschmerzen-Behandlung erstellt, um mit adäquaten Strategien für die Beschwerden eine diagnostisch-therapeutische, mittel- beziehungsweise auch langfristige Problemlösung anzustreben.

 

Rückenschmerzen-Behandlung voller Tücken

Rückenschmerzen zeigen viele schmerzende Gesichter. Oft ist der Arzt bereits vor Beginn der Rückenschmerzen-Behandlung mit einer beträchtlichen Zahl nicht klar definierbarer Schmerzen, die sich auch durch moderne Diagnostik-Verfahren nicht abklären lassen, konfrontiert.

Bei Patienten mit akuten Rückenschmerzen können die Schmerzen wiederum innerhalb von sechs Wochen bis drei Monaten von selbst wieder verschwinden. Den Rückenschmerzen sind meistens gutartig und selbstlimitierend, allerdings kommen sie oft immer wieder und treten zwischen dem 30. und 55. Lebensjahr zunehmend häufiger auf:

  • statt zweimal im Jahr etwa vier- bis fünfmal im Jahr;
  • auch die Dauer nimmt zu: statt zwei Wochen Dauer vier Wochen Dauer;
  • auch werden die Rückenschmerzen intensiver: von anfangs recht erträglich bis zu sehr heftigen Schmerzen nach Jahren.

 

Gesundheitliche Schwachstellen: Neigung zu Rückenschmerzen

Das heißt, wer einmal zu Rückenschmerzen neigt, der neigt immer dazu. Es handelt sich ­um eine anlagebedingte Schwachstelle des Körpers, die je nach Beruf, Sport, Familien­leben und vielen anderen positiven und negativen Faktoren beinflussbar ist, wobei der Schmerz einmal stillhält und dann wieder unverhofft zum Leben erwacht.

Jeder Mensch hat eine oder mehrere gesundheitlichen Schwachstellen. Mancher bekommt bei Überlastung oder Überforderung einen Hautausschlag, andere leiden an chronischer Verstopfung, immer wiederkehrenden Nasennebenhöhleninfektionen oder unklarem Herzklopfen. Bei vielen Rückenschmerzpatienten ist der Rücken das Ausdrucksorgan für Härten und Schönheiten des Lebens.

 

Rückenschmerzen-Behandlung nach striktem ­standardisiertem Stufenplan

In verschiedenen internationalen Topzentren zur Rückenschmerzen-Behandlung wurde in den letzten Jahrzehnten Strategien entwickelt, die besonders bezüglich mittel- und langfristiger Erfolge die besten Erfolge verspricht. Dabei kommt ein genau festgelegter Stufenplan zum Einsatz:

Schritt 1 – Erstkontakt. Klarstellung des prognostisch ­vielversprechendsten Therapieansatzes: gleichberechtigte Arzt-Patientenbeziehung.

Schon beim Erstkontakt muss der Therapeut dem Patienten klar machen, dass es sich im Großteil der Fälle um eine chronische Erkrankung handelt, bei der ein gleichberechtigtes Therapeuten-Patientenverhältnis unumgänglich für den Erfolg ist. Die Beibehaltung des konventionellen hierarchischen Verhältnisses zwischen Arzt und Patient hat sich als wesentlich geringer effektiv herauskristallisiert. Eine ausführliche Aufarbeitung aller bisher durchgeführten diagnostischen und therapeutischen Schritte, die Erarbeitung eventuell noch offener diagnostischer oder passiver therapeutischer Interventionen, bereits vom Beginn an mit Mitbeachtung von offensichtlich psycho-sozialen Erschwernisfaktoren und natürlich der professionelle Ausschluss wirklich schwerwiegender somatischer Ursachen der Schmerzen hat in dieser zumindest einstündigen Sitzung zu erfolgen. Dabei gibt es genaue ­Algorhythmen, die das Über­sehen von Tumor, Fraktur, Entzündung, schwerer neuro­logi­scher Symptomatik, Wirbel­kanalsenge, Wirbelgleiten usw. zu einem hohen Prozentsatz vermeiden helfen.

Schritt 2 – Therapie­algorhythmus: Die effiziente Schmerzausschaltung

Als nächster Schritt ist es notwendig, die Schmerzintensität und -häufigkeit drastisch zu reduzieren – mit allen zur Verfügung stehenden Maßnahmen:

  • adäquater und ausreichender Schmerzmedikation nach dem WHO-Schema (oft auch bei langjährigen Patienten sträflich vernachlässigt),
  • begleitende eventuell rückenmarksnahe oder an betroffene Strukturen erfolgende Infiltrationen mit Lokalanästhetikum und Spuren eines Depotkortikoids (dabei reichen fast immer 5–10mg zur Absättigung lokaler Rezeptoren)
  • unter Unterstützung mit komplementären Methoden wie z.B. der Akupunktur (energiestärkende, allgemein schmerzstillende Punkte, Meister­punkte, Stärkung über korrespon­dierende Meridiane, evtl. auch Dauernadeln im Ohr),
  • Neuraltherapie (bei eindeutiger Identifikation Unterspritzung von suspekten Narben, Abklärung von chronischen Zahn- Tonsillen-, NNH-Infektionen).

Unterstützend soll der Arzt dem Rückenschmerzpatienten das Gefühl geben, sehr stark in die Rückenschmerzen-Behandlung einbezogen und ernst genommen zu werden. Auch indem entsprechende Informationen über das Krankheitsbild vermittelt werden.

Die therapeutischen Erwartungen sollten – denn aus der Verhaltensmedizin wissen wir: jede Aussage, die eintrifft, stärkt die Bindung und Suggestibilität des Patienten an den Therapeuten, jede nicht eingetroffene Prognose treibt ihn wieder weg.

Schritt 2 – Ausführliche Aufklärung über die Notwendigkeit einer ­gezielten medikamentösen Intervention: Medikamentöse Rückenschmerzen-Behandlung als Mittel zum Zweck

Auch wenn Patienten dazu neigen zu sagen: „Ich will eigentlich keine Medikamente nehmen“, sollte der Arzt sofort eine Erklärung für ein aggressive medikamentöse Rückenschmerzen-Behandlung zu Beginn parat haben.

Seit etlichen Jahren ist bekannt, dass bereits nach wenigen Wochen von permanentem Schmerz es zu morphologisch-strukturellen Umbauten im Rückenmarksbereich kommt. Dabei wird definitiv (und auch im Mikroskop sichtbar) dem Schmerz eine »Schmerzfabrik« gebaut – die zentrale Sensibilisierung.

Außerdem bekommt der Schmerz im Gehirn eine größere Repräsentationszone zugeteilt. Dies kann im Extremfall bedeuten, dass die ­Ursache des Schmerzes schon längst wieder behoben ist, der Patient aber trotzdem an massiven Schmerzen leidet.

Die gute Nachricht: dieser Prozess ist reversibel – dafür muss aber der ­periphere Schmerzeinstrom drastisch reduziert werden. Dies stellt die ­erste Begründung für eine ausreichende und aggressive analgetische Therapie dar.

Der zweite wichtige Punkt bezieht sich auf das eingelernte Schonverhalten, die Schon-Bewegungen und das Angstvermeidungsverhalten, das unwillkürlich bei fast 100% der Schmerzpatienten nach länger dauerndem Schmerz das normale Bewegungsprogramm ersetzt. Dies ist maßgeblich für die Aufrechterhaltung der Rückenschmerzen verantwortlich, da durch Fehlbelastungen und Überlastungen von an und für sich nicht belasteten passiven und aktiven Strukturen des Bewegungsapparates neue Schmerzrezeptoren gereizt werden, die eine weitere Schonung bewirken. Dadurch wird aber die einzige schützende schmerzhemmende Struktur – die Muskulatur – immer weiter abgeschwächt und auch koordinativ stark in Mitleidenschaft gezogen.

So wird das körpereigene »Korsett« unaufhaltsam immer weiter abgeschwächt, das uns die dreidimensionalen Bewegungen des Alltags, die statischen Anforderungen längeren Sitzens und Stehens sowie auch leichtere sportliche Aktivitäten angst- und vor allem schmerzfrei durchführen lässt.

Eine adäquate Schmerztherapie ermöglicht auch, schnellstmöglich in einen reaktivierenden, kräftigenden und koordinationsverbessernden Aktivprozess wiedereinzusteigen – und diese Wiederherstellung von normaler Kraft, Kraftausdauer, Koordination und damit Bewegungsverhalten ist in Kombination mit einer sensibilisierten Körperwahrnehmungsfähigkeit der derzeit unumstrittene Schlüssel für einen mittel- und langfristigen Erfolg in der Bewältigung von chronischen Rückenschmerzen.

Hilfsmittel. Als unterstützende moderne Hilfsmittel haben sich international und national spezielle computergestützte Analyse- und Trainingstherapiegeräte in Kombination mit 3-dimensionalem Koordinationstraining (wie z.B. am Spacecurl) und therapeutischem Klettern bewährt, mit deren Hilfe sich sicher und effektiv der oben beschriebene Kreislauf bei mehr als 90% der chronischen Rückenschmerz­patienten durchbrechen lässt. Wenn psychosoziale Faktoren, die bei der Erstuntersuchung zu Tage gefördert wurden, sehr ­prominent sind, hat sich die Kombination von analgetischen ­Methoden, intensiven Aktivierungsprogrammen mit Entspan­nungsmethoden wie Muskelentspannung nach Jacobson, Hypnose oder Biofeedback sehr gut bewährt.

Quelle:  Erfolg versprechende Strategien zur Rückenschmerzen-Behandlung. Dr. Bernhard Stengg, MEDMIX 4/2004.

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About Author

Rainer Muller

MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

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