Reisemedizin erfordert einen immer stärkere Horizont-Erweiterung

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Die Reisemedizin der heutigen Zeit macht es notwendig, dass Menschen ihren Horizont erweitern. Man spricht unter anderem von „Global Mobility Health“.

Im Grunde genommen ist Reisemedizin nichts Neues. Denn bereits schon Seneca hat sich über Sex-Tourismus in Kanopos beklagt und Shakespeare hat die epidemiologisch relevante Frage gestellt: „Alas, what danger will it be to us, Maids as we are, to travel forth so far?“ (As you like it).

Im 18. Jahrhundert haben Kommandanten militärischer Expeditionen größere Verluste durch Krankheiten als durch Waffen beklagt. Der Schiffsarzt James Lind führte die erste kontrollierte Studie durch, aus welcher resultierte, dass Zitrusfrüchte gegen Skorbut helfen.

Nach der Einführung von Düsenflugzeugen im Passagierverkehr in den 1960er-Jahren war es in Deutschland zuerst vor allem Werner Mohr in Hamburg, welcher Daten über eingeschleppte Infektionen sammelte. Im folgenden Jahrzehnt begann die systematische Erfassung epidemiologischer Daten über Krankheiten und Unfälle bei Reisenden.

Auf derartiger Evidenz basieren die vor allem für Touristen oder Arbeitnehmer im Ausland formulierten präventiven Empfehlungen zu Impfungen und Malariaprophylaxe, zudem auch für diejenigen, die zur Selbsttherapie unterwegs sind. Das waren die Schwerpunkte der „traditionellen Reisemedizin“.

 

Neue Herausforderungen für die Reisemedizin

Aktuell gibt es zahlreiche Herausforderungen. Nicht nur sind wir mit Massentourismus konfrontiert, große Anteile unserer Bevölkerung besuchen Länder mit niedrigerem Einkommen, mit schlechterer Infrastruktur und suboptimalen hygienischen Bedingungen.

Zunehmend reisen Senioren und auch Patienten, welche allenfalls einer engmaschigen medizinischen Überwachung bedürfen, beispielsweise einer Dialyse.

 

Schwere Infektionen durch Medizin-Touristen und Visiting Friends and Relatives“ (VFR) Travellers

Andere wieder sind Medizin-Touristen, welche sich im Ausland (billiger) behandeln lassen. Dabei schleppen solche Patienten immer wieder hochresistente Keime ein. Befürchtungen über die Einschleppung von Seuchen durch die Migrantenströme haben sich als unbegründet erwiesen. Aber diese Anteile der Bevölkerung besuchen oft ihre ehemaligen Heimatländer, das heißt, sie werden zu „Visiting Friends and Relatives“ (VFR) travellers.

Es hat sich gezeigt, dass diese Leute zurück in Europa oft an schweren Infektionen erkranken. Dabei kommt es dazu, weil die Besuche häufig in abgelegenen Gebieten stattfinden, wo deren Inzidenz noch besonders hoch ist. Außerdem meint diese Population oft naiv, dass ein Besuch in der Heimat ungefährlich sei. Und sich dadurch lässt man sich nur selten vor der Abreise beraten.

Letztlich besuchen Menschen aus unseren Breiten auch Massenveranstaltungen in exotischen Ländern. Beispielsweise gilt dies für Mekka zum Hadsch sowie anderen religiösen aber auch sportlichen Veranstaltungen. Zwar haben sich auch hierbei Bedenken über die Verbreitung von Pandemien, außer bei der H1N1-Influenza (Schweinegrippe), als unbegründet erwiesen. Aber dennoch könnten diese Mass Gatherings bei einer künftigen, neuartigen Infektion eine bedeutende Rolle spielen.  Im Vergleich dazu spielt der in naher Zukunft geplante Weltraumtourismus eine untergeordnete Rolle.

 

Reisemedizin wandelt sich

Zunehmend sind die Reisemediziner der Meinung, dass Menschen ihren Horizont erweitern müssen. Man spricht unter anderem von „Global Mobility Health“ (siehe Abbildung). Dabei ist wesentlich, dass zwar der individuelle Reisende weiterhin die Kosten tragen soll, wenn es nur um seinen persönlichen Schutz geht. Dass aber die öffentliche Hand, sprich das Gesundheitswesen, durchaus auch ein Interesse daran hat, gewisse Risiken zu senken.

Zur Illustration seien erwähnt: die in der Beratung vor der Abreise empfohlenen Impfungen gegen Masern oder auch Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Ebenso müssen wir danach trachten, hohe Therapiekosten oder Invalidität nach Reisen zu reduzieren. Beispielsweise gilt das bei Schädel-Hirn-Trauma oder auch Lebertransplantationen nach Hepatitis.

Quelle:

Statement » Reisemedizin im Wandel der Zeit «. Prof. Dr. med. Robert Steffen, Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. WHO Collaborating Centre for Travellers’ Health. CRM –Centrum für Reisemedizin zum 20. Forums Reisen und Gesundheit.

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