Reaktive Arthritis: Gelenkentzündungen durch unterschiedliche Krankheiten

Manchmal gelingt es trotz frühzeitiger und adäquater Therapie nicht eine Gelenksentzündung – eine reaktive Arthritis – zu stoppen. © design36 / shutterstock.com

Manchmal gelingt es trotz frühzeitiger und adäquater Therapie nicht eine Gelenksentzündung – eine reaktive Arthritis – zu stoppen. © design36 / shutterstock.com

Reaktive Gelenkentzündungen – reaktive Arthritis – bezeichnet eine große Gruppe unterschiedlicher Krankheiten mit Gelenkbeteiligung.

Es ist keinesfalls eine Seltenheit, dass im Rahmen einer Erkältung auch gleichzeitig heftige Gelenk- und Muskelschmerzen auftreten. Ein weiteres Beispiel ist, dass zu einer Grippe oder Darminfektion die Gelenke anschwellen. In den meisten Fällen verschwinden solche unliebsamen Begleiterscheinungen nach wenigen Tagen, nachdem die Erkrankung vorbei ist. Doch es kann auch ganz anders kommen. Gelenkbeschwerden können monatelang bestehen und in eine chronische Gelenkentzündung übergehen. Deshalb ist eine rechtzeitige Diagnose und Therapie auch bei noch so harmlos aussehenden Gelenkschmerzen absolut notwendig. Die reaktive Arthritis kann nach einer Infektion eher harmlos verlaufende oder aggressivere Symptome mit Gelenkbeeinträchtigung (Gelenkentzündung) verursachen.

 

Reaktive Gelenkentzündung (Arthritis)

Reaktive Gelenkentzündungen (= Arthritiden) sind keine einzelne Erkrankung, sondern eine große Gruppe unterschiedlicher Krankheiten. Experten unterscheiden dabei im Wesentlichen zwei Gruppen: die eher harmlos verlaufenden Gelenkbeschwerden im Rahmen von Virusinfekten und die aggressivere Gelenkentzündung nach bakterieller Infektion.

 

Parainfektiöse virale Arthritiden

Im Rahmen einer Virusinfektion treten häufig gleichzeitig Gelenk- und Muskelschmerzen aber auch Gelenkschwellungen auf. Die Infektion und die Gelenkbeschwerden verlaufen fast immer zeitgleich. Typische Auslöser dieser Erkrankungen sind das Röteln- und Ringelröteln-Virus (Parvovirus B19), Hepatitis-B- und -C-Virus, das Mumpsvirus, Grippeviren wie Influenza- und Parainfluenza-Virus, Darmviren wie Coxsackie- und Echoviren, das Epstein-Barr-Virus(auch als Erreger des Pfeiffer´schen Drüsenfiebers bekannt), das HIV-Virus und einige eher selten vorkommende exotische Viren, die man sich bei einer Fernreise zuziehen kann.

Die Ursache der Gelenkbeteiligung dürfte eine überschießende Reaktion unseres Immunsystems auf den Infekt sein. Die Symptome reichen von flüchtigen Gelenk- und Muskelschmerzen bis hin zu wochenlangen schweren Gelenkschwellungen. Dazu kommen Fieber, Abgeschlagenheit, Krankheitsgefühl und Hautausschläge.

Üblicherweise klingen die Gelenkbeschwerden mit dem Ausheilen des Infektes ab. Allerdings sind auch chronische Verläufe mit Gelenkzerstörungen möglich.

Eine spezifische Therapie ist meistens nicht möglich. Der Einsatz von Antirheumatika und Schmerzmittel ist bei stärkeren Beschwerden aber notwendig. Man sollte sich außerdem körperlich schonen.

 

Postinfektiöse reaktive Arthritis

Die Infektion geht den Gelenkbeschwerden in der Regel in einem zeitlichen Abstand von zwei bis drei Wochen voraus. Meist tritt eine Gelenkentzündung nach einem vorhergehenden Darminfekt (postenteritische ) oder einem Infekt im Urogenitalbereich (posturethritische Arthritis) auf.

Die typischen Erreger für Darminfekte sind dabei Salmonellen, Yersinien, Shigellen und Campylobacter, für urogenitale Infekte Chlamydien, Mycoplasmen und Ureaplasmen. Neben diesen Keimen können auch Streptokokken eine Arthritis auslösen. Diese Bakterien verursachen meist Infekte im HNO-Bereich wie beispielsweise eine Angina tonsillaris und lösen danach das rheumatische Fieber aus. Auch die durch Zeckenbisse und Insektenstiche übertragenen Borrelien verursachen häufig eine reaktive Arthritis.

 

Reaktive Arthritis mit klassischem zeitlichen Ablauf.

Zuerst kommt es zu einer Infektion im Darm oder Urogenitaltrakt mit Durchfällen, Bauchschmerzen, Ausfluss aus der Harnröhre oder einem Harnwegsinfekt. Diese Beschwerden klingen dann je nach Behandlung vollständig ab, der Patient fühlt sich gesund. Aber nach ein paar Wochen treten ganz plötzlich Schmerzen und Schwellungen an den Gelenken auf.

Klassisch für eine reaktive Arthritis ist es, dass sehr häufig die großen Gelenke der Beine wie Knie und Sprunggelenke betroffen sind – meist nur einem Gelenk, manchmal sind aber auch mehrere Gelenke betroffen. Typisch für eine reaktive Arthritis ist auch, dass eine vollständige Schwellung einer Zehe oder eines Fingers auftritt. Relativ häufig sieht man auch eine entzündliche Beteiligung der Wirbelsäule und der Kreuzdarmbeingelenke sowie Sehnen- und Muskelschmerzen. Augenentzündungen und Hautveränderungen werden ebenfalls beobachtet.

 

Ursachen

Die Ursache für eine reaktive Arthritis sind noch nicht restlos aufgeklärt. Eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf den Infekt dürfte die Entzündung in den Gelenken auslösen. Dabei werden in den geschwollenen Gelenken keine vermehrungsfähigen Keime mehr festgestellt.

Der Erregernachweis ist aber äußerst sinnvoll, da durch eine entsprechende Antibiotikatherapie die Erkrankung gestoppt werden kann. Dies geschieht durch Abstriche aus Harnröhre und Scheide sowie durch Stuhlkulturen. Unbedingt sollte auch ein gründlicher Labortest durchgeführt werden. Neben den allgemeinen Entzündungsparametern wie Blutsenkung und CRP weisen Antikörper (gegen Salmonellen, Chlamydien, Borrelien) auf einen durchgemachten Infekt und damit die Ursache der Entzündung hin. Bei einem hohen Prozentsatz der Betroffenen ist auch HLAB27, ein genetischer Rheumamarker, nachweisbar.

 

Reaktive Arthritis frühzeitig therapieren

Die Behandlung der reaktiven Arthritiden läuft auf mehreren Ebenen und richtet sich vor allem nach dem auslösenden Erreger der Gelenkentzündung. Bei bakteriell verursachten Entzündungen müssen je nach Keimart entsprechende Antibiotika eingesetzt werden. Der frühe Einsatz der Antibiotika und die Dauer der Behandlung sind entscheidend für den weiteren Verlauf der Symptomatik der Gelenke.

Auch rheumatisches Fieber ist eine klassische reaktive Arthritis und tritt nach einem Infekt der oberen Atemwege auf.

Daneben ist eine effiziente Schmerztherapie unverzichtbar. Antirheumatika und Analgetika wirken entzündungshemmend und schmerzstillend und sind ein wesentlicher Bestandteil jeder Behandlung.

Neben der oralen Einnahme von Antirheumatika zur zeitweiligen Schmerzbekämpfung hat sich gerade bei akuten Schüben die Gabe von antirheumatischen Infusionen mit hochdosiertem Vitamin-B-Komplex zur raschen Unterdrückung der Beschwerden besonders bewährt.

Zeigt sich eine reaktive Arthritis in akutem Stadium, so kommt manchmal auch Kortison in kleinen Mengen zum Einsatz. Die lokale Verabreichung von geringen Dosen direkt in die entzündeten Gelenke ist dabei besonders wirksam.

 

Chronische Verläufe

Manchmal gelingt es trotz frühzeitiger und adäquater Therapie nicht, eine Gelenkentzündung zu stoppen, die reaktive Arthritis entwickelt sich dann zu in einer chronischem Arthritis. Und zwar ähnlich wie bei einer chronischen Polyarthritis. In diesen Fällen kommen sogenannte »Basismedikamente« zum Einsatz. Diese Arzneien drosseln das überaktive Immunsystem und bringen es auf ein gesundes normales Niveau. Entzündungen in den Gelenken und Wirbelsäule lassen nach.

Die am meisten eingesetzten Substanzen sind dann Sulfasalazin und Methotrexat, die beide oral eingenommen werden. Wird damit kein Erfolg erzielt, kann alternativ die Verabreichung von Biologika erwogen werden. Diese Medikamente blockieren spezielle entzündliche Botenstoffe unseres Immunsystems – wie beispielsweise TNF-Alpha. Und sie verhindern dadurch eine weitere Gelenkentzündung. Biologika, Biologicals, kann sich der Patient selbst unter die Haut spritzen, ähnlich einer Thromboseprophylaxe. Wobei die Erfolge und Verträglichkeit sehr gut sind.

 

Das rheumatische Fieber

Auch das rheumatische Fieber ist eine klassische reaktive Arthritis und tritt nach einem Infekt der oberen Atemwege auf. Verursacher sind Streptokokken.

Streptokokken lösen Mandel- und Rachenentzündungen, Lymphknotenschwellungen, hohes Fieber, Schweißausbrüche und starkes Krankheitsgefühl aus. An den großen Gelenken treten Rötungen, Schmerzen und Schwellungen auf.

Das rheumatische Fieber ist besonders gefährlich, da bei dieser Erkrankung eine Beteiligung von Herzmuskel und Herzklappen auftreten kann, die in manchen Fällen sogar tödlich verläuft. Eine gründliche Herzuntersuchung ist hier immer notwendig. Im Blut finden sich stark erhöhte Entzündungszeichen. Diagnostisch beweisend ist der oft extreme Anstieg des Antikörperspiegels gegen die Streptokokken (ASLO).

Das rheumatische Fieber sollte mit geeigneten Antibiotika, Antirheumatika und bei Herzbeteiligung mit hohen oralen Kortisondosen therapiert werden. Absolute körperliche Schonung und engmaschige Kontrollen beim Facharzt sind unbedingt notwendig.

 

Gelenkentzündungen durch Borreliose

Die durch Zecken- oder Insektenstiche übertragene Borreliose wird ebenfalls als reaktive Arthritis definiert. Der prominente Erkrankungsfall Justin Bieber ging nun durch alle Medien und zeigt, dass die Gefahr überall lauert.

Der die Krankheit auslösende Erreger wurde erst 1982 entdeckt und heißt Borrelia burgdorferi. Eine Borrelien-Arthritis verläuft aber nicht nur mit Gelenksymptomen wie beispielsweise eine Gelenkentzündung. Sondern sie befällt auch andere Organsysteme wie Haut und Nervensystem und verursacht damit eine Fülle von Beschwerden.

Die Borreliose verläuft in typischen Stadien. zu Beginn kommt es zum Auftreten von schmerzlosen Hautausschlägen, die auch ohne Therapie nach einigen Wochen wieder vergehen. Dazu finden sich manchmal grippeähnliche Symptome.

Wird Borreliose nicht behandelt, können nach einigen Wochen bis Monaten Gelenk- und Muskelschmerzen, Augenentzündungen aber auch neurologische Symptome wie Nervenlähmungen und Gehirnhautentzündung dazukommen. Im chronischen Stadium nach Monaten bis Jahren überwiegen dann die Gelenkschmerzen und Gelenkschwellungen.

Beweisend für Borreliose ist der Nachweis entsprechender Antikörper im Blut. Der sofortige Einsatz gezielter Antibiotika ist in jedem Stadium der Borreliose notwendig. Die Behandlung der Arthritis erfolgt wieder mit Antirheumatika, Schmerzmitteln und eventuell kleinen Kortisonmengen.

 

Septische Arthritiden

Von den reaktiven Arthritiden, bei denen die auslösenden Erreger nicht im Gelenk nachgewiesen werden können, müssen septische Arthritiden unterschieden werden.

Septische Arthritiden sind hochakute eitrige Infektionen eines Gelenks mit Bakterien. Die Patienten haben starke Schmerzen, gerötete und geschwollene Gelenke – weiters Allgemeinzeichen wie Fieber und Schüttelfrost.

Septische Arthritiden sind sehr gefährliche Gelenkentzündungen, da die betroffenen Gelenke oft innerhalb weniger Tage vollständig versteifen können. Die häufigsten Erreger sind Staphylokokken, Streptokokken und Gonokokken. Sie werden entweder nach äußeren Verletzungen direkt in das Gelenk eingeschleppt. Oder sie wandern von einem Eiterherd im Körper über die Blutbahn zum Gelenk.

Septische Arthritiden gehören sofort in die Hand eines Spezialisten, der das entzündete Gelenk punktiert und damit die Keime nachweisen kann. Eine sofortige hochdosierte Antibiotika-Therapie ist zwingend indiziert. Oft sind auch orthopädische Maßnahmen wie Gelenkspülung oder sogar eine Gelenkeröffnung notwendig.

 

Fazit

Unter dem Strich können im Rahmen von Infekten jedenfalls sehr unterschiedliche rheumatische Beschwerden auftreten. Je stärker eine reaktive Arthritis mit Schmerzen und Schwellungen einhergeht, desto eher sollten Betroffene ein Experten konsultieren. Denn eine gründliche Abklärung ist bei einer Gelenkentzündung in jedem Fall sinnvoll.


Anmerkung der Redaktion: Update zu reaktiver Arthritis, Pathophysiologie, klinischen Merkmalen, Diagnostik und zu therapeutischen Ansätzen der Krankheit

Die Epidemiologie zu Reaktiver Arthritis ändert sich weltweit aus mehreren Gründen. Dazu zählen unterschiedliche Ansätze bezüglich der Diagnose und klinische Erscheinungsformen, unterschiedliche Infektionsgrade, Mikrobiomveränderungen usw.

Das Verständnis pathophysiologischer Modelle ist schwierig, wenngleich neuere Studien zur Aufklärung der Hauptfaktoren, die an der Entwicklung der Krankheit beteiligt sind, beitragen.

Speziell der Zusammenhang zwischen Veränderungen des Mikrobioms und Reaktiver Arthritis wird immer deutlicher. Zudem sind die Ergebnisse einer Behandlung mit Biologika vielversprechend.


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