Pseudodemenz – die maskierte Depression – von Alzheimer abgrenzen

Die Unterscheidung von Alzheimer und einer depressiven Pseudodemenz ist für Patienten im Sinne der Therapie essenziell.

Die Unterscheidung von Alzheimer und einer depressiven Pseudodemenz ist für Patienten im Sinne der Therapie essenziell.

Bei der Pseudodemenz tritt eine kognitive Leistungsschwäche deswegen auf, weil Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen durch die Depression bestehen.

Oft stellt sich die Frage, ob die kognitive Leistungsschwäche Zeichen für ­eine beginnende Alzheimer-Erkrankung ist, oder eine Pseudodemenz – die maskierte Depression – vorliegt. Wobei wichtig ist, ob die kognitiven Einbußen auf ­Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen im Rahmen einer Depression zurückzuführen sind. Im Grunde genommen umfasst die Differentialdiagnose der Alzheimer-Demenz jedenfalls einen leichten kognitiven Rückgang, Pseudodemenz, Depression, Lewy-Körper-Demenz, vaskuläre Demenz sowie gemischte Demenz und frontotemporale Demenz.

 

Demenz und Depression

Etwa ein Drittel der Patienten, die eine Gedächtnissprechstunde aufsuchen, leiden an Depression. Sie erleben aber ihre kognitiven Schwächen auf Grund reduzierter Aufmerksamkeit und Konzentration im Rahmen ihrer Depression. Es kann allerdings auch eine Demenz und eine Depression manifestiert sein. Bei der Pseudodemenz zeigen sich Symptome einer Demenz. Der Patient ist jedoch nicht an Demenz erkrankt.

Zudem kann die Beurteilung der Gesichtserkennung und des Volumens des linken Hippocampus zuverlässig bei der Unterscheidung von Pseudodemenz und Alzheimer helfen.

 

Differenzialdiagnose bei Verdacht auf Pseudodemenz

Fallbeispiel: Der Patient hat sich im letzten Halbjahr irgendwie verändert. Seine früher bevorzugten Tätigkeiten scheinen ihm nicht so leicht von der Hand zu gehen. Er ist oft zerstreut und unterbricht völlig ratlos seine normalen Handlungen im Alltag. Zudem vernachlässigt der Patient auch sein Hobbys. Im Grunde genommen scheint sich sein Gedächtnis immer mehr zu verschlechtern.

 

Alzheimer-Demenz und Depression

Alzheimer im Frühstadium und Depression haben gemeinsame Symptome. Es kann für den Arzt schwierig sein, die angegebenen Klagen zuzuordnen. Patienten im frühen Alzheimer-Demenz-Stadium können traurig verstimmt sein (»reaktiv depressiv«). Zudem können sie zusätzlich auch an Depression leiden.

Im mittleren und schweren Alzheimer-Demenz-Stadium können die Patienten meist nicht mehr ihre Stimmung und ihre Befindlichkeiten beschreiben.

Verschiedene ähnliche Symptome erschweren die klinische Unterscheidung zwischen Frühstadium einer Alzheimer-Demenz und einer Depression. Dazu gehören beispielsweise Traurigkeit, Interessensverlust, sozialer und emotionaler Rückzug. Weiter treten oft auch Aufmerksamkeits-, Konzentrations- sowie Gedächtnisschwäche gemeinsam auf.

Im Verlauf der Alzheimer-Erkrankung verlieren die Patienten immer mehr die Fähigkeit, in ihrem alltäglichen Umfeld ordentlich zu kommunizieren. Viel schwerer ist es, die Depression bei Alzheimer-Demenz-Patienten zu erkennen.

Im mittleren und schweren Alzheimer-Demenz-Stadium können Patienten meistens nicht mehr differenziert über ihre Stimmung und Befindlichkeiten Auskunft geben. Sogar Fragen, die den Nachtschlaf betreffen, werden mit „ich habe gut geschlafen“ beantwortet. Und zwar, obwohl der Patient nachweislich nachts umherirrte.

Um die Depression bei Alzheimer-Demenz-Patienten im fortgeschrittenen Stadium zu erkennen, ist der Arzt auf nonverbale Zeichen angewiesen. Denn er kann sich wenig bis gar nicht auf Patientenberichte verlassen.

In Anbetracht dieser Hürden kommt es vor, dass Patienten mit Depression fälschlicherweise temporär die Diagnose »Alzheimer« bekommen und vice versa. Die Unterscheidung ist allerdings für Patienten essenziell. Denn Depressionen kann man im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz-Erkrankung klinisch wesentlich besser behandeln. Und zwar unabhängig davon, ob der Patient »nur« an einer Depression oder an einer Depression und Alzheimer leidet.


Ärzte müssen die Alzheimer-Demenz von der depressiven Pseudodemenz abgrenzen!

Für eine depressive Pseudodemenz sprechen

Die depressiven Symptome treten zeitlich vor den kognitiven Verlusten auf. das ist bei Alzheimer umgekehrt. Weiters haben depressive Pseudodemenz-Patienten kaum Orientierungsstörungen.


Was dafür spricht, dass der Patient an einer frühen Demenz leidet


Wenn ein Alzheimer-Demenz-Patient folgende Symptome hat, dann ist die Verdachtsdiagnose »Depression« gerechtfertigt!

Im Grunde genommen leiden Frauen und Männer mit Alzheimer-Demenz etwa gleich häufig an Depressionen. Allerdings sind in der Gesamtbevölkerung die Frauen häufiger von Depressionen betroffen.


Besonderheiten einer Depression bei Alzheimer-Patienten sind:


Die Möglichkeiten zur Behandlung unterscheiden sich bei der Pseudodemenz und der Alzheimer-Demenz mit maskierter Depression!

Viele Alzheimer-Demenz-Patienten empfinden die Gruppengespräche als sehr positiv und angenehm. Und zwar tun sie das, solange sie die Gespräche aktiv mit gestalten und sich beteiligen können.

Die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI und NSRI) sind die Mittel der ersten Wahl, um die Depressionen bei Alzheimer-Patienten zu behandeln. Dazu gibt es verschiedene Medikamente wie beispielsweise das Citalopram, Sertralin, Paroxetin, Fluoxetin sowie das Mirtazapin zum Einsatz.

In Studien zeigten Forscher zudem darauf hin, dass eine Art Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Depression und Alzheimer-Demenz-Erkrankung besteht. Denn je schwerer und je öfter Depressionen im Lebensverlauf auftraten, desto größer war die Wahrscheinlichkeit für Alzheimer. Und zwar in späteren Lebensjahren.

Wichtig ist es zu klären, ob die effektive Depressionsbehandlung in frühen Lebensjahren das Alzheimer-Demenz-Risiko im Alter senken kann.

Jedenfalls hat die rechtzeitige Diagnose und eine angemessene Behandlung bei älteren Menschen mit Depression für deren Lebensqualität größte Bedeutung. Egal ob die Patienten zusätzlich an Alzheimer erkrankt sind oder nicht.

 

Diagnostik mit einem FDG-PET

Im Grunde genommen gibt es nur wenige und schlecht strukturierte Empfehlungen für die Verwendung der Fluorodesoxyglucose-Positronenemissionstomographie (FDG-PET). Und zwar allgemein zur Unterstützung der Diagnose neurodegenerativer Demenz-Erkrankungen. Dennoch sahen Experten in einem Konsens das FDG-PET als nützlich für die Früherkennung und Differenzialdiagnose der wichtigsten neurodegenerativen Erkrankungen.

Jüngste Studien konnten mittels neuer bildgebender Verfahren Unterschiede bei strukturellen Veränderungen des Gehirns in der weißen und grauen Substanz bestimmter Areale zeigen.

 

Fazit

Unter dem Strich bestätigen zahlreiche Studienergebnisse in den vergangenen Jahrzehnten, dass depressive Störungen die kognitiven Funktionen beeinträchtigen können. Wobei das vor allem bei der Altersdepression gilt. Jedenfalls gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen Pseudodemenz und Alzheimer. Daher ist es auch plausibel, eine Pseudodemenz und frühe Stadien von einer Alzheimer-Demenz (oder andere Formen) zu unterscheiden.


Literatur:

Anil Kumar; Jack W. Tsao. Alzheimer Disease. StatPearls [Internet]. Last Update: March 9, 2020.

Kang et al. Pseudo-dementia: A neuropsychological review. Ann Indian Acad Neurol. 2014 Apr-Jun; 17(2): 147–154. doi: 10.4103/0972-2327.132613

Nobili et al. European Association of Nuclear Medicine and European Academy of Neurology recommendations for the use of brain 18 F-fluorodeoxyglucose positron emission tomography in neurodegenerative cognitive impairment and dementia: Delphi consensus. Eur J Neurol. 2018 Oct; 25 (10): 1201-1217. doi: 10.1111 / ene.13728. Epub 2018 20. Juli.

Sevki Sahin, Tugba Okluoglu Önal, Nilgun Cinar, Meral Bozdemir, Rahmi Çubuk, Sibel Karsidaga. Distinguishing Depressive Pseudodementia from Alzheimer Disease: A Comparative Study of Hippocampal Volumetry and Cognitive Tests. Dement Geriatr Cogn Dis Extra. 2017 May-Aug; 7(2): 230–239. Published online 2017 Jul 4. doi: 10.1159/000477759

Rashidi-Ranjbar N, Rajji TK, Kumar S, et al. Frontal-executive and corticolimbic structural brain circuitry in older people with remitted depression, mild cognitive impairment, Alzheimer’s dementia, and normal cognition [published online ahead of print, 2020 May 18]. Neuropsychopharmacology. 2020;10.1038/s41386-020-0715-y. doi:10.1038/s41386-020-0715-y


Quelle:

» Pseudodemenz « – die maskierte Depression. Univ.-Prof. Dr. Peter Dal-Bianco (Leiter der Spezialambulanz für ­Gedächtnisstörungen, Medizinische Universität Wien). MEDMIX 10/2008;40-42.

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