Pseudodemenz – die maskierte Depression – von Alzheimer abgrenzen

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Rainer Muller
Rainer Mullerhttp://www.afcom.at
MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

Bei der Pseudodemenz tritt eine kognitive Leistungsschwäche deswegen auf, weil Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen im Rahmen einer Depression bestehen.

Oft stellt sich die Frage, ob die kognitive Leistungsschwäche Zeichen für ­eine beginnende Alzheimer-Erkrankung ist, oder eine Pseudodemenz vorliegt. Wobei wichtig ist, ob die kognitiven Einbußen auf ­Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen im Rahmen einer Depression zurückzuführen sind.

Etwa ein Drittel der Patienten, die eine Gedächtnissprechstunde aufsuchen, leiden an Depression. Sie erleben aber ihre kognitiven Schwächen auf Grund reduzierter Aufmerksamkeit und Konzentration im Rahmen ihrer Depression. Es kann allerdings auch eine Demenz und eine Depression manifestiert sein. Bei der Pseudodemenz zeigen sich Symptome einer Demenz. Der Patient ist jedoch nicht an Demenz erkrankt.

Zudem kann die Beurteilung der Gesichtserkennung und des Volumens des linken Hippocampus zuverlässig bei der Unterscheidung von Pseudodemenz und Alzheimer helfen.



 

Differenzialdiagnose bei Verdacht auf Pseudodemenz

„Der Patient hat sich im letzten Halbjahr irgendwie verändert. Seine früher bevorzugten Tätigkeiten scheinen ihm nicht so leicht von der Hand zu gehen. Er ist oft zerstreut und unterbricht völlig ratlos seine normalen Handlungen im Alltag. Zudem vernachlässigt der Patient auch sein Hobbys. Im Grunde genommen scheint sich sein Gedächtnis immer mehr zu verschlechtern.“

Alzheimer im Frühstadium und Depression haben gemeinsame Symptome. Es kann für den Arzt schwierig sein, die angegebenen Klagen zuzuordnen. Patienten im frühen Alzheimer-Demenz-Stadium können traurig verstimmt sein (»reaktiv depressiv«). Zudem können sie zusätzlich auch an Depression leiden.

Im mittleren und schweren Alzheimer-Demenz-Stadium können die Patienten meist nicht mehr ihre Stimmung und ihre Befindlichkeiten beschreiben.

Verschiedene ähnliche Symptome erschweren die klinische Unterscheidung zwischen Frühstadium einer Alzheimer-Demenz und einer Depression. Dazu gehören beispielsweise Traurigkeit, Interessensverlust, sozialer und emotionaler Rückzug. Weiter treten oft auch Aufmerksamkeits-, Konzentrations- sowie Gedächtnisschwäche gemeinsam auf.

Im Verlauf der Alzheimer-Erkrankung verlieren die Patienten immer mehr die Fähigkeit, in ihrem alltäglichen Umfeld ordentlich zu kommunizieren. Viel schwerer ist es, die Depression bei Alzheimer-Demenz-Patienten zu erkennen.

Im mittleren und schweren Alzheimer-Demenz-Stadium können Patienten meistens nicht mehr differenziert über ihre Stimmung und Befindlichkeiten Auskunft geben. Sogar Fragen, die den Nachtschlaf betreffen, werden mit „ich habe gut geschlafen“ beantwortet. Und zwar, obwohl der Patient nachweislich nachts umherirrte.

Um die Depression bei Alzheimer-Demenz-Patienten im fortgeschrittenen Stadium zu erkennen, ist der Arzt auf nonverbale Zeichen angewiesen. Denn er kann sich wenig bis gar nicht auf Patientenberichte verlassen.

In Anbetracht dieser Hürden kommt es vor, dass Patienten mit Depression fälschlicherweise temporär die Diagnose »Alzheimer« bekommen und vice versa. Die Unterscheidung ist allerdings für Patienten essenziell. Denn Depressionen kann man im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz-Erkrankung klinisch wesentlich besser behandeln. Und zwar unabhängig davon, ob der Patient »nur« an einer Depression oder an einer Depression und Alzheimer leidet.




Ärzte müssen die Alzheimer-Demenz von der depressiven Pseudodemenz abgrenzen!

Für eine depressive Pseudodemenz sprechen

  • die persönliche Vorgeschichte (depressive Episoden),
  • ein rascher Beginn,
  • detaillierten Klagen und
  • eine eher konstante depressive Stimmungslage sowie
  • Schuldgefühle und Versagensangst.

Die depressiven Symptome treten zeitlich vor den kognitiven Verlusten auf. das ist bei Alzheimer umgekehrt. Weiters haben depressive Pseudodemenz-Patienten kaum Orientierungsstörungen.


Was dafür spricht, dass der Patient an einer frühen Demenz leidet

  • Ein Patient mit Symptomen für eine frühe Demenz bagatellisiert seine Vergesslichkeit.
  • Zudem ist er eher stimmungslabil, das heißt, dass bereits geringfügige Reize bei ihm rasche und starke Schwankungen der Grundstimmung verursachen.
  • Der frühdemente Patient negiert auch seine Depression.
  • Schließlich ist er fordernd und beschuldigt häufig andere für das eigene Versagen.

Wenn ein Alzheimer-Demenz-Patient folgende Symptome hat, dann ist die Verdachtsdiagnose »Depression« gerechtfertigt!

  • Es liegt eindeutig ein negativer Gemütszustand unter anderem mit Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit vor.
  • Er zeigt sich freudlos bezüglicher seiner sozialen Kontakte und hat auch keine Lust auf Tätigkeiten, die er früher favorisierte.
  • Es kommt zur sozialen Isolation sowie großteils zum Rückzug aus dem Gesellschaftsleben.
  • Der Patient hat auch teilweise zu viel oder auch zu wenig Appetit.
  • Es bstehen Schlafstörungen wie Ein- und Durchschlafstörungen sowie zu frühes Aufwachen.
  • Außerdem besteht eine krankhafte Unruhe (Agitation) sowie eine Lethargie mit körperlicher und psychischer Trägheit.
  • Dementsprechend ist ein Alzheim-Demenz-Patient mit Depression auch oft sehr reizbar.
  • Die betroffenen Patienten fühlen sich matt und verlieren immer mehr an Lebensenergie.
  • Zudem besteht ein reduziertes Selbstwertgefühl sowie auch unangemessene Schuldgefühle.
  • Schließlich plagen immer wieder Selbstmordgedanken die Betroffenen.

Im Grunde genommen leiden Frauen und Männer mit Alzheimer-Demenz etwa gleich häufig an Depressionen. Allerdings sind in der Gesamtbevölkerung die Frauen häufiger von Depressionen betroffen.

Depressionsbesonderheiten bei Alzheimer-Patienten sind:

  • Symptome, die sich klinisch weniger schwer darstellen.
  • Episoden, die kürzer dauern und sich seltener wiederholen.
  • Selbstmordäußerungen und Selbstmord-Versuche sind bei Alzheimer Demenz-Patienten selten.



 

Die Möglichkeiten zur Behandlung unterscheiden sich bei der Pseudodemenz und der Alzheimer-Demenz mit Depression!

Viele Alzheimer-Demenz-Patienten empfinden die Gruppengespräche als sehr positiv und angenehm. Und zwar tun sie das, solange sie die Gespräche aktiv mit gestalten und sich beteiligen können.

Die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI und NSRI) sind die Mittel der ersten Wahl, um die Depressionen bei Alzheimer-Patienten zu behandeln. Dazu gibt es verschiedene Medikamente wie beispielsweise das Citalopram, Sertralin, Paroxetin, Fluoxetin sowie das Mirtazapin zum Einsatz.

In Studien zeigten Forscher zudem darauf hin, dass eine Art Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Depression und Alzheimer-Demenz-Erkrankung besteht. Denn je schwerer und je öfter Depressionen im Lebensverlauf auftraten, desto größer war die Wahrscheinlichkeit für Alzheimer. Und zwar in späteren Lebensjahren.

Wichtig ist es zu klären, ob die effektive Depressionsbehandlung in frühen Lebensjahren das Alzheimer-Demenz-Risiko im Alter senken kann.

Jedenfalls hat die rechtzeitige Diagnose und eine angemessene Behandlung bei älteren Menschen mit Depression für deren Lebensqualität größte Bedeutung. Egal ob die Patienten zusätzlich an Alzheimer erkrankt sind oder nicht.

 

Diagnostik mit einem FDG-PET

Im Grunde genommen gibt es nur wenige und schlecht strukturierte Empfehlungen für die Verwendung der Fluorodesoxyglucose-Positronenemissionstomographie (FDG-PET). Und zwar allgemein zur Unterstützung der Diagnose neurodegenerativer Demenz-Erkrankungen. Dennoch sahen Experten in einem Konsens das FDG-PET als nützlich für die Früherkennung und Differenzialdiagnose der wichtigsten neurodegenerativen Erkrankungen.

 

Fazit

Unter dem Strich bestätigen zahlreiche Studienergebnisse in den vergangenen Jahrzehnten, dass depressive Störungen die kognitiven Funktionen beeinträchtigen können. Wobei das vor allem bei der Altersdepression gilt. Jedenfalls gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen Pseudodemenz und Alzheimer. Daher ist es auch plausibel, eine Pseudodemenz und frühe Stadien von einer Alzheimer-Demenz (oder andere Formen) zu unterscheiden.



Literatur:

Kang et al. Pseudo-dementia: A neuropsychological review. Ann Indian Acad Neurol. 2014 Apr-Jun; 17(2): 147–154. doi: 10.4103/0972-2327.132613

Nobili et al. European Association of Nuclear Medicine and European Academy of Neurology recommendations for the use of brain 18 F-fluorodeoxyglucose positron emission tomography in neurodegenerative cognitive impairment and dementia: Delphi consensus. Eur J Neurol. 2018 Oct; 25 (10): 1201-1217. doi: 10.1111 / ene.13728. Epub 2018 20. Juli.

Sevki Sahin, Tugba Okluoglu Önal, Nilgun Cinar, Meral Bozdemir, Rahmi Çubuk, Sibel Karsidaga. Distinguishing Depressive Pseudodementia from Alzheimer Disease: A Comparative Study of Hippocampal Volumetry and Cognitive Tests. Dement Geriatr Cogn Dis Extra. 2017 May-Aug; 7(2): 230–239. Published online 2017 Jul 4. doi: 10.1159/000477759


Quelle:

» Pseudodemenz « – die maskierte Depression. Univ.-Prof. Dr. Peter Dal-Bianco (Leiter der Spezialambulanz für ­Gedächtnisstörungen, Medizinische Universität Wien). MEDMIX 10/2008;40-42.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4090838/

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