Pseudodemenz – die maskierte Depression

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Bei der Pseudodemenz beruht die kognitive Leistungsschwäche auf Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen im Rahmen einer Depression.

Ist die kognitive Leistungsschwäche Zeichen für ­eine beginnende Alzheimer-Erkrankung, oder liegt eine sogenannte Pseudodemenz vor, wobei die kognitiven Einbußen auf ­Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen im Rahmen einer Depression zurückzuführen sind. Etwa ein Drittel der Patienten, die eine Gedächtnissprechstunde aufsuchen, leiden an Depression, ­erleben aber ihre kognitiven Schwächen auf Grund reduzierter Aufmerksamkeit und Konzentration im Rahmen ihrer Depression. Es kann allerdings auch eine Demenz und eine Depression manifestiert sein. Bei Pseudodemenz zeigen sich Symptome einer Demenz, der Patient ist jedoch nicht demenzkrank.

 

Differenzialdiagnose bei Verdacht auf Pseudodemenz

„Der Patient hat sich im letzten Halbjahr irgendwie verändert. Seine früher bevorzugten Tätigkeiten scheinen ihm nicht so leicht von der Hand zu gehen. Zerstreutheit und Ratlosigkeit unterbrechen seine Routinehandlungen. Die Hobbys werden vernachlässigt. Das Gedächtnis scheint sich zu verschlechtern.“

Alzheimer im Frühstadium und Depression haben gemeinsame Symptome. Es kann für den Arzt schwierig sein, die angegebenen Klagen zuzuordnen. Patienten im frühen Alzheimer-Demenz-Stadium können traurig verstimmt sein (»reaktiv depressiv«) oder zusätzlich auch an Depression leiden.

Im mittleren und schweren Alzheimer-Demenz-Stadium sind die Patienten meist nicht mehr imstande, differenziert über ihre Stimmung und Befindlichkeiten ­Auskunft zu geben.

Die klinische Unterscheidung zwischen Frühstadium einer Alzheimer-Demenz und einer Depression wird durch Symptomähnlichkeiten wie Traurigkeit, Interessensverlust, sozialer und emotionaler Rückzug, Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Gedächtnisschwäche etc. erschwert.

Im Verlauf der Alzheimer-Erkrankung reduziert sich die Kommunikationsfähigkeit, sodass die Depression bei Alzheimer-Demenz-Patienten schwerer zu erkennen ist.

Im mittleren und schweren Alzheimer-Demenz-Stadium sind die Patienten meist nicht mehr imstande, differenziert über ihre Stimmung und Befindlichkeiten Auskunft zu geben. Sogar Fragen, die den Nachtschlaf betreffen, werden mit „ich habe gut geschlafen“ beantwortet, obwohl der Patient nachweislich nachts umherirrte.

Um die Depression bei Alzheimer-Demenz-Patienten im fortgeschrittenen Stadium zu erkennen, ist der Arzt auf nonverbale Zeichen angewiesen und kann sich wenig bis gar nicht auf Patientenberichte verlassen.

In Anbetracht dieser explorativen Hürden kommt es vor, dass Patienten mit Depression fälschlicherweise temporär die Diagnose »Alzheimer« bekommen und vice versa. Die Unterscheidung ist allerdings für Patienten essenziell, da Depressionen im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz-Erkrankung klinisch wesentlich besser auf eine Therapie ansprechen – unabhängig davon, ob der Patient »nur« an einer Depression oder an einer Depression & Alzheimer leidet.

 

Abgrenzen der Alzheimer-Demenz von der depressiven Pseudodemenz

Für eine depressive Pseudodemenz sprechen

  • die persönliche Vorgeschichte (depressive Episoden),
  • ein rascher Beginn,
  • detaillierten Klagen und
  • eine eher konstante depressive Stimmungslage, sowie
  • Schuldgefühle und Versagensangst.

Depressive Symptome treten zeitlich vor den kognitiven Verlusten auf – das ist bei Alzheimer umgekehrt. Weiters haben depressive Pseudodemenz-Patienten kaum Orientierungsstörungen.

Der frühdemente Patient hingegen

  • bagatellisiert,
  • ist eher stimmungslabil,
  • negiert seine Depression,
  • fordert und
  • beschuldigt häufig andere für eigenes Versagen.

Hat ein Alzheimer-Demenz-Patient folgende Symptome, so ist die Verdachtsdiagnose »Depression« gerechtfertigt:

  • Eindeutig negativer Gemütszustand (Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit etc.)
  • Freudlosigkeit bzgl. sozialer Kontakte und an früher favorisierten Tätigkeiten
  • Soziale Isolation oder Rückzug
  • Zu viel oder zu wenig Appetit
  • Schlafstörungen (Ein-, Durchschlafen, zu frühes Aufwachen)
  • Agitation oder Lethargie
  • Vermehrte Reizbarkeit
  • Mattigkeit, Verlust der Lebensenergie
  • Reduziertes Selbstwertgefühl, unangemessenes Schuldgefühl
  • Wiederholt Selbstmordgedanken

Frauen und Männer mit Alzheimer-Demenz leiden etwa gleich häufig an Depression, während in der Gesamtbevölkerung Frauen häufiger von Depressionen betroffen sind.

Depressionsbesonderheiten bei Alzheimer-Patienten:

  • Symptome stellen sich klinisch weniger schwer dar
  • Episoden dauern kürzer und wiederholen sich seltener
  • Selbstmordäußerungen und Selbstmord-Versuche sind bei Alzheimer Demenz-Patienten selten

 

Therapieoptionen bei Pseudodemenz und Alzheimer-Demenz mit Depression

Gruppengespräche werden von Alzheimer-Demenz-Patienten als positiv empfunden, solange ihre Kommunikationsfähigkeit vorhanden ist. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI und NSRI) sind Mittel erster Wahl für depressive Alzheimer-Patienten. Hier kommen beispielsweise Citalopram, Sertralin, Paroxetin, Fluoxetin sowie Mirtazapin zum Einsatz.

In Publikationen wird weiters darauf hingewiesen, dass eine Art Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Depression und Alzheimer-Demenz-Erkrankung besteht, d.h. je schwerer und je öfter Depressionsepisoden im Lebensverlauf auftraten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine Alzheimer-Erkrankung in späteren Lebensjahren.

Weitere Forschung ist notwendig, um zu klären, ob eine effektive Depressionsbehandlung in frühen Lebensjahren das Alzheimer-Demenz-Risiko im Alter senken kann.

Fest steht jedenfalls, dass eine rechtzeitige Diagnose und der Einsatz adäquater Therapien bei älteren Menschen mit Depression für deren Lebensqualität größte Bedeutung haben. Egal ob sie nun zusätzlich an Alzheimer erkrankt sind oder nicht.

 

Fluorodesoxyglucose-Positronenemissionstomographie (FDG-PET)

Im Grunde genommen gibt es nur wenige und schlecht strukturierte Empfehlungen für die Verwendung der Fluorodesoxyglucose-Positronenemissionstomographie (FDG-PET) allgemein zur Unterstützung der Diagnose neurodegenerativer Demenz-Erkrankungen. Dennoch sahen Experten in einem rezenten Konsens das FDG-PET als nützlich für die Früherkennung und Differenzialdiagnose der wichtigsten neurodegenerativen Erkrankungen.

 

Fazit

Zahlreiche Studienergebnisse in den letzten vergangenen Jahrzehnten bestätigen, dass depressive Störungen die kognitiven Funktionen beeinträchtigen können – vor allem bei der Altersdepression. Trotz der Ähnlichkeiten erscheint es aber relativ plausibel zu sein, eine Pseudodemenz und frühe Stadien einer Alzheimer-Demenz (oder andere Formen) zu differenzieren.

Literatur:

Kang et al. Pseudo-dementia: A neuropsychological review. Ann Indian Acad Neurol. 2014 Apr-Jun; 17(2): 147–154. doi: 10.4103/0972-2327.132613

Nobili et al. European Association of Nuclear Medicine and European Academy of Neurology recommendations for the use of brain 18 F-fluorodeoxyglucose positron emission tomography in neurodegenerative cognitive impairment and dementia: Delphi consensus. Eur J Neurol. 2018 Oct; 25 (10): 1201-1217. doi: 10.1111 / ene.13728. Epub 2018 20. Juli.


Quelle:

» Pseudodemenz « – die maskierte Depression. Univ.-Prof. Dr. Peter Dal-Bianco (Leiter der Spezialambulanz für ­Gedächtnisstörungen, Medizinische Universität Wien). MEDMIX 10/2008;40-42.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4090838/

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About Author

Rainer Muller

MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

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