Polymedikation, OTC-Medikamente und ­Compliance im Alter

Medikamente © ewais / shutterstock.com

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Die Zahl multimorbider Patienten steigt, wobei im Alter Polymedikation, OTC-Medikamente und Compliance eine große Rolle spielen.

Etwa jeder zweite ältere Patient leidet an vier bis fünf behandlungsbedürftigen Erkrankungen, Polymedikation ist im Alter daher ein häufiges Phänomen in der Behandlung der betroffenen Patienten. Immer noch unterschätzt werden die Auswirkungen dieser Polymedikation – oft auch durch selbstverordnete OTC-Medikamente mitverursacht – auf den Gesundheitszustand und letztendlich das Überleben der Patienten.

 

Die Polymedikation im Alter in Zahlen

Die Zahlen zur Polymedikation zeigen eine große Schwankungsbreite. Unter dem Strich nehmen ältere Patienten über 75 Jahre durchschnittlich acht verschiedene Substanzen ein. Zu dienen ärztlich verordneten Medikamenten kommen meistens weitere drei bis vier (»over the counter«)-OTC-Medikamente dazu.

Davon sind zwei Drittel der eingenommen OTC-Präparate Schmerzmittel. Die Zahl der »drug-drug-interactions« steigt exponentiell mit der Zahl der verordneten Substanzen. Die Anzahl und Art der Interaktionen und Nebenwirkungen sowie die damit verbundenen Risiken sind für klinisch tätige Ärzte kaum noch überschaubar.

2,4 bis 6,7% aller Krankenhauseinweisungen werden auf unerwünschte Wirkungen und Interaktionen von Medikamenten zurückgeführt. Bei der Gruppe der Hochbetagten kann man von der zwei- bis dreifachen Prävalenz ausgehen. 20% der stationären Wiederaufnahmen älterer Patienten sind auf Nebenwirkungen und Interaktionen zurückzuführen. 20% aller durch Medikamente verursachten Einweisungen in das Krankenhaus werden durch OTC-Medikamente ausgelöst.

 

Die Rolle der Compliance des Patienten  ­

Der Erfolg der Pharmakotherapie hängt entscheidend von der Compliance des Patienten ab. Forscher konnten bereits 1984 zeigen, dass die Compliance mit der Anzahl der verordneten Substanzen signifikant abfällt. Bereits bei täglich vier erforderlichen Medikamenteneinnahmen sinkt die Compliance-Rate auf unter 50%. In diesem Zusammenhang muss man den Umstand beachten, dass Patienten in der Regel primär eine ärztlich verordnete Therapie beenden. Hingegen nehmen sie ihre selbst verordneten OTC-Medikamente weiterhin ein.

Dazu zeigen US-Daten, dass für 20% aller durch Medikamente verursachten Krankenhauseinweisungen OTC-Medikamente verantwortlich sind. Die zahlreichen Interaktionen, die unkontrollierte Einnahme der OTC-Medikamente sowie die mangelnde Compliance bleiben natürlich nicht ohne Folgen.

35% der älteren, selbstständig lebenden Bevölkerung leiden an unerwünschten Wirkungen ihrer Polymedikation. Ein Drittel davon nimmt ärztliche Hilfe in Anspruch. Weltweit kommt es jährlich zu hundertausenden Todesfällen durch unerwünschte Nebenwirkungen bzw. Wechselwirkungen. Dabei könnte man etwa die Hälfte der Fälle vermeiden.

 

Fazit

Die Polymedikation, Multimedikation, und die Compliance sind jedenfalls für den Patienten vor allem im Alter sehr gefährlich. Wobei die Fachwelt das Problem bislang bei weitem noch zu wenig beachtet.


Literatur:

Virtudes Pérez-Jover, José J. Mira, Concepción Carratala-Munuera, Vicente F. Gil-Guillen, Josep Basora, Adriana López-Pineda, Domingo Orozco-Beltrán. Inappropriate Use of Medication by Elderly, Polymedicated, or Multipathological Patients with Chronic Diseases. Int J Environ Res Public Health. 2018 Feb; 15(2): 310. Published online 2018 Feb 10. doi: 10.3390/ijerph15020310


Quelle: http://polypharmacyinitiative.com/otcs.html

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