Physikalische Medizin bei Gelenkschmerzen

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MEDMIX Online-Redaktion
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Die Physikalische Medizin ist integraler Bestandteil bei der Behandlung von Gelenkschmerzen. Dabei gibt es zahlreiche wirksame Methoden, aber auch Limitationen bestehen.

Die Physikalische Medizin bietet eine individuelle und Symptom orientierte Behandlung von Gelenkschmerzen, bei der durch planmäßigen Einsatz manueller, mechanischer, thermischer und elektrischer Methoden ein oft bestehender Teufelskreis unterbrochen werden soll.

 

Physikalische Medizin soll Mobilisation unterstützen

Grund für den erwähnten Teufelskreis sind die durch Schmerzen assoziierte Bewegungsarmut, eine herabgesetzte Belastbarkeit, Muskeldysbalancen und Immobilisation. Hinzu kommt, dass Schmerzpatienten oft Angst haben, ihre Selbständigkeit zu verlieren – was wiederum mit einer immensen Verschlechterung der Lebensqualität einhergehen würde. Vor allem hier kann die physikalische Medizin mit ihren Methoden entgegenwirken.

 

Physikalische Medizin kann limitiert sein

Die Physikalische Medizin mit ihren Methoden kann aber durch Faktoren wie eingeschränkte Belastbarkeit –durch Alter und Multimorbidität –, Begleiterkrankungen oder Unverträglichkeiten gegenüber einzelnen Behandlungsformen begrenzt sein. In diesem Zusammenhang ist zu bedenken, dass Schmerzen auch zu einer Verschlechterung von Begleiterkrankungen wie Diabetes oder kardio-pulmonalen Erkrankungen führen können.

Dementsprechend gelten auch spezifische Indikationen und Kontraindikationen für die physikalische Medizin. Da physiotherapeutische Maßnahmen zumeist für den Organismus belastend sind, muss die Auswahl und Dosierung immer individuell abgestimmt sein. Allgemein gilt, dass die Anwendungsintensität der gewählten Verfahren umso vorsichtiger, schonender und milder vorzunehmen ist, je akuter ein Krankheitsprozess ist.

 

Verschiedene Methoden für individuelle Bedürfnisse

Die Physikalische Medizin zielt zu Beginn der Schmerztherapie auf Abklärung der Strukturen, die den Schmerz verursachen und welche Funktionen gestört sind. Dabei werden die Ansatzpunkte für sinnvolle physikalische Methoden festgelegt.

Die Physikalische Medizin verfolgt folgende allgemeine Ziele:

  • Schmerzlinderung,
  • Entzündungsdämpfung,
  • Wiederherstellung und Verbesserung der gestörten Beweglichkeit und Muskelfunktion (Kraft, Beweglichkeit, Koordination),
  • Regulierung der Muskelspannung,
  • Verbesserung der Durchblutung und Gewebetrophik,
  • Verhütung bzw. Korrektur von Fehlstellungen,
  • Einsparung symptomatischer Medikation (wie Analgetika) sowie
  • Krankengymnastik.

Heilgymnastische Methoden. Nahezu unverzichtbar ist bei Gelenkschmerzen die heilgymnastische Therapie. Dabei sollen durch gezielte Bewegungsübungen die Schmerzen gelindert, die Funktion der Bewegungsorgane erhalten und funktionelle Defizite ausgeglichen werden. Erreicht werden soll das durch Kräftigung und Entspannung der Muskulatur, Koordinations- und Ausdauertraining, Gelenkschutz und Haltungsschulung.

Bewährte Methoden zur Schmerzlinderung sind beispielsweise

  • Traktionen – Behandlung mit dosierter Zugkraft auf Gelenke, Extremitäten oder Wirbelsäule,
  • passive und aktiv-assistive Bewegung,
  • Massagen zur Lockerung der Muskulatur,
  • Mobilisation mithilfe des Schlingentisches – schwereloses Aufhängung einer Extremität, des Rumpfes oder des ganzen Körpers mit Hilfe von speziellen Seilzügen und Schlingen – oder
  • Bewegungsbäder.

Die Kräftigung der Muskulatur spielt eine zentrale Rolle, da eine kräftige gelenkübergreifende Muskulatur die Gelenke stabilisiert und damit schützt. Bei all diesen Methoden muss jedoch immer die Schmerzgrenze des Patienten beachtet werden.

Ergotherapie. Ziel der Ergotherapie ist die Förderung der Selbständigkeit durch Schmerzreduktion, Funktions- und Krafterhalt, Vermeidung von Gelenkfehlstellungen und Verzögerung von Gelenkdestruktion. Die dabei angewendeten Verfahren sind beispielsweise Funktions-, Selbsthilfetraining und Versorgung mit Hilfsmitteln (Rheumamesser, Griffverdickung, Anziehhilfe), Schienenanpassung (Orthesen), aber auch die Vermittlung von Gelenkschutzmaßnahmen (Gelenke körpernahe einsetzen, Gewicht verteilen, Hebelgesetze anwenden, Einsetzen elektrischer Geräte) und die Unterstützung bei einer ergonomischen  Arbeitsplatzgestaltung.

Massagen. Die Verordnung von Massagen ist bei Gelenkschmerzen vor allem dann sinnvoll, wenn es infolge einer schmerzbedingten Schonhaltung zu Muskelverspannungen kommt. Beeinflusst die klassische Massage primär den Muskeltonus, so fördert die Lymphdrainage den Lymphabfluss, beispielsweise bei Ödemen der Extremitäten. Durch die sanften Grifftechniken kommt es zu einer Dämpfung des vegetativen Nervensystems und damit ebenfalls zu einer Schmerzlinderung.

ThermotherapieKältetherapie oder Wärmeanwendungen können entzündungsbedingte Gelenkschmerzen lindern, wobei Kälte eher im akuten Schub empfohlen wird, um Entzündungsprozesse zu stoppen. Bei chronischen Beschwerden und insbesondere bei Muskelverspannungen sind jedoch Wärmebehandlungen indiziert. Für die Kältetherapie (Kryotherapie) stehen Eisanwendungen in Form von Packungen oder Abreibungen, Kältemanschetten, Kaltluft oder Kältekammern zur Verfügung. Wärmeanwendungen können in Form von warmen Bädern, Güssen, Wickeln oder Packungen (Fango, Moor, Torf, Paraffin), Heißluft etc., eingesetzt werden – ebenso kommen Ultraschall, Infrarot oder Rotlicht zur Anwendung.

Elektrotherapie. Auch durch Elektrostimulation kann eine Beschwerdelinderung bei Gelenkschmerzen erzielt werden. Bei der Elektrotherapie kommen verschiedene Stromqualitäten zur Anwendung: Gleichstrom, nieder-, mittel- oder hochfrequente Ströme. Zu den Gleichstromverfahren zählen die Galvanisation, die Iontophorese (Galvanisation mit Medikamentenzusatz) und hydroelektrischen Bäder. Ebenso sind TENS (Transkutane Elektrische Nervenstimulation) und EMS (Elektrische Muskelstimulation) Varianten der Elektrotherapie. Hierfür stehen verschiedene Kleingeräte zur Verfügung, die auf Leihgerätebasis ärztlich verordnet werden und vom Patienten nach entsprechender Schulung selbstständig angewendet werden können.

Weitere physikalische Verfahren. Auch der Stellenwert komplementärmedizinischer Therapien – wie der Akupunktur oder Neuraltherapie – hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Entspannungsverfahren wie beispielsweise autogenes Training stellen ebenfalls eine sinnvolle Ergänzung dar. Bei chronischen Gelenkschmerzen ist auch ein psychologisches Schmerzbewältigungstraining in Erwägung zu ziehen.

Allgemein lässt sich sagen, dass

  • im entzündlichen Schub tägliches Durchbewegen der Gelenke im schmerzfreien Bereich, schonende Lagerung, Orthesen, milde Kältetherapie oder Elektrotherapie geeignete Verfahren sind,
  • bei Schwellung sind dies Lymphdrainage und Kompression und
  • bei muskulären Überlastungssyndromen sind das Massage, Elektrotherapie und Wärme.
  • Bei chronischen Rückenschmerzen sind es vor allem aktive physiotherapeutische Übungen zur Rumpfstabilisation, zur Verbesserung der Koordination, Kraft und Ausdauer der Rückenmuskulatur, Massagen, Wärme, Elektrotherapie, manuelle Techniken und Alltagstraining.

Entscheidend ist aber immer die Anleitung der Betroffenen zur Eigentherapie, inklusive Hausaufgabenprogramm und regelmäßiger Therapieüberwachung.

 

Physikalische Medizin-Methoden zur Eigentherapie bei Gelenkschmerzen

Primärprävention von Gelenkschmerzen – Erkrankung vermeiden. Zielgruppe der Primärprävention sind gesunde Personen. Im Fokus stehen ausgewogene Ernährung und regelmäßige körperliche Bewegung (Ausdauer- Koordination- und Krafttraining), wobei Überbelastungen (Extremsport) vermieden werden sollten.

Wichtig ist auch das Einhalten ausreichender Ruhepausen, denn dadurch reduziert sich auch das Verletzungsrisiko. Ebenso sollten auch einseitige Belastungen wie das Tragen schwerer Schultertaschen vermieden werden.

Ein wesentlicher Faktor in Primärpräventionist auch die Gewichtskontrolle, da Übergewicht beispielsweise das Gonarthroserisiko steigert.1,2 Ein weiterer präventiver Faktor ist die Reduktion von psychischen Belastungen und ausreichender Stressausgleich.

Sekundärprävention von Gelenkschmerzen – Erkrankungsrisiko frühzeitig erkennen und gegensteuern. Zielgruppe der Sekundärprävention sind Personen mit Risikofaktoren für Gelenksschmerzen, beispielsweise mit bestehenden Verletzungen (Meniskusriss, Frakturen), instabile Gelenke, Stoffwechselerkrankungen wie Gicht, Achsenfehlstellungen, etc.

Bei diesen „Risikopersonen“ steht die Erhaltung der Mobilität bei gleichzeitigem Gelenkschutz im Vordergrund, durch Anpassung des Lebensstils und der Bewegung an die Prädisponierung.

Bei der Wahl der Sportarten sollte jenen der Vorzug gegeben werden, bei denen große Impulsbelastung und Extrembewegungen der Gelenke vermieden werden. Wenn eine Kniegelenkarthrose droht, sollte auf Sportarten wie Tennis oder Squash- verzichtet werden.

Gelenkschonend sind beispielsweise gleichmäßige rhythmische Sportaren mit geringer Bewegungsenergie wie Schwimmen, Aquajogging und Radfahren, Walking, Skilanglauf oder Rudern.

Tertiärprävention von Gelenkschmerzen – Rückfälle vermeiden. Sobald die akuten Gelenkschmerzen einschließlich Rötung und Schwellung abgeklungen sind, gilt es einer erneuten Aktivierung der Gelenkbeschwerden vorzubeugen.

Regelmäßiger, gelenkschonender Sport verbessert die Beweglichkeit, der Aufbau der Muskulatur stabilisiert die Gelenke. Auch die Rückenschule hilft für die Wirbelsäule schädliche Haltungen abzubauen, alltägliche Tätigkeiten rückenschonend zu verrichten, Entlastungspositionen zu erlernen und die Rückenmuskulatur zu stabilisieren.

Auch eine Gewichtsreduktion bewirkt eine Verbesserung hinsichtlich Schmerzen und Funktion bei symptomatischer Arthrose, wie das Australische „Health Weight for Life“-Programm zeigte. Die Gruppe mit dem größten Gewichtsverlust – über 10 Prozent – zeigte dabei die stärkste Verbesserung.

Quelle und weitere Informationen:

Statement Prim. Dr. Daniela Gattringer, MSc, Leiterin des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern Linz; Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft

1 Engelhardt M: Epidemiologie der Arthrose in Westeuropa. Dt. Zeitschrift für Sportmedizin, 54, Nr. 6, 171-175, 2003
2 Höfer J, Enneper J: Prophylaxe Gonarthrose. Dt. Zeitschrift für Sportmedizin, 54, Nr. 6, 184-187, 2003
3 Atukorala I et al, Osteoarthrits Cartilage 2014; Supplement (22): S50

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