Personalisierte Medizin in der Kardiologie

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Univ.-Prof. Dr. Julia Mascherbauer zu personalisierte Medizin in der Kardiologie, effektivere Therapien, weniger unerwünschte Effekte und geringere Kosten.

Die personalisierte Medizin in der Kardiologie ist nicht nur ein Schlagwort: Personalisierte Medizin möchte durch modernste Diagnostik und den nachfolgenden Einsatz neuer, auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten ausgerichteter Therapieverfahren die Effektivität der Behandlung steigern, unerwünschte Effekte vermeiden und Kosten reduzieren.

 

Personalisierte Medizin durch Patienten bezogene Faktoren

Hinter gängigen Krankheitsdiagnosen verbergen sich eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheitsbilder mit unterschiedlicher Prognose und unterschiedlichem Ansprechen auf bestimmte Therapien. Ausschlaggebend sind unter anderem patientenbezogene Faktoren wie Geschlecht, Alter, Begleiterkrankungen und genetischer Hintergrund.

Personalisierte Medizin erfolgt – über die reine Krankheitsdiagnose hinaus – unter Einbeziehung individueller Gegebenheiten der Patienten, einschließlich fortlaufender Anpassungen der Therapie. Derzeit kommt personalisierte Medizin vor allem in der Onkologie erfolgreich zum Einsatz. Individualisierte oder personalisierte Medizin basiert auf der Überzeugung, dass nur das genaue Verständnis der Ursachen einer Krankheit zu einer wirksamen Therapie führen kann. Vor allem bei Erkrankungen mit vielfältigen Ursachen sind komplexe Analysen notwendig.

 

Schnellere und bessere Diagnosen durch Magnetresonanztomographie

Wenngleich diese Entwicklung in der Kardiologie auch noch nicht so weit fortgeschritten ist wie in der Onkologie, bewegt sie sich doch zweifellos in die gleiche Richtung.

Beispielhaft ist das Vorgehen bei Patienten, die mit Luftnot den Arzt aufsuchen: Bei ihnen kann eine Untersuchung des Herzens mittels Magnetresonanztomographie (MRT) einen wesentlichen Beitrag zu einer raschen und korrekten Diagnosestellung leisten. Mittels Herz-Magnetresonanztomographie ist neben der Beurteilung der Pumpleistung der Grad der Fibrosierung, also der diffusen Narbenbildung, im Herzmuskel messbar. Außerdem sind Herzmuskelspeicher-Erkrankungen wie zum Beispiel eine Herzamyloidose mit dieser Methode leicht zu diagnostizieren. So kann rasch eine adäquate Therapie gewählt werden.

Die Kombination mehrerer bildgebender Verfahren, die multimodale Bildgebung, kann zusätzliche Informationen liefern. Beispielsweise kann mittels Magnetresonanztomographie und Herzultraschall zwischen verschiedenen Formen der Herzinsuffizienz (Herzschwäche) differenziert werden. Ebenfalls wichtige Informationen liefern kann die invasive Vermessung der Druckwerte in den Lungengefäßen mittels Herzkatheter zur Diagnosestellung bei unklarer Luftnot.

 

Biomarker und Risikoscores erleichtern die personalisierte Medizin

Ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur individualisierten Diagnostik und Therapie werden in Zukunft Biomarker spielen. Das können bestimmte Proteine sein, die in unterschiedlich hohen Konzentrationen im Blut des Patienten nachgewiesen werden können.

Von besonderem Interesse ist gegenwärtig das NTproBNP, ein Prohormonfragment aus der Gruppe der natriuretischen Peptide. Es eignet sich einerseits zur Früherkennung von Herzinfarkten, darüber hinaus aber auch zur Abschätzung des individuellen Risikos. So legen Untersuchungen, an denen die MedUni Wien maßgeblich beteiligt war, nahe, dass Diabetiker mit erhöhtem NTproBNP ein massiv erhöhtes Herzinfarktrisiko aufweisen und eine entsprechend aggressive Therapie beispielsweise eines Bluthochdrucks benötigen. Große Studien, die entsprechende Sicherheit geben, sind allerdings erst im Laufen.

Untersuchungen aus Österreich zum Fetthormon Chemerin zeigen, dass dieses eine Rolle als Biomarker für das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall übernehmen könnte. Chemerin könnte sowohl bei der Identifikation von neuen Patienten mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko, als auch zur Überwachung der Wirksamkeit der Therapie nützlich sein. Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall traten wesentlich häufiger bei Menschen mit hohen Chemerin-Konzentrationen auf – unabhängig davon, ob deren Nierenleistung bereits beeinträchtigt war, ob sie Übergewicht, Diabetes oder die koronare Herzkrankheit hatten. Diese Erkenntnisse könnten Einfluss auf die Art und Intensität von Therapien haben.

Interessant sind auch Risikoscores wie der unter Beteiligung der Harvard Medical School entwickelte DAPT (Duale Antiplättchen-Therapie)-Risikoscore, die dabei helfen sollen, die Therapie zu individualisieren. Eine längere als 12-monatige duale Plättchenhemmung nach einem Katheter-Eingriff beugt Herzinfarkten vor, erhöht aber zugleich das Blutungsrisiko. Der DAPT-Score soll bei der individualisierten Entscheidung helfen, welche Patienten von einer verlängerten Therapie profitieren und welche nicht.

 

Bessere Ressourcennutzung durch personalisierte Medizin

Nicht zuletzt ist verstärkte Individualisierung auch aus ökonomischen Gründen das Gebot der Stunde. Aus der Entwicklung der letzten Jahre kann man zweifelsfrei schließen, dass die Geschwindigkeit der Entwicklung im Bereich der Kardiologie alles übertrifft, was jemals erwartet wurde. Dieser Effekt eines rasanten medizinischen Fortschritts ist sehr wahrscheinlich auch auf die Zukunft übertragbar.

Wir können daher davon ausgehen, dass die im Bereich der Herz- Kreislauf-Erkrankungen benötigten Ressourcen zunehmen werden. Diesem steigenden Bedarf stehen allerdings immer knappere Geldmittel gegenüber, sodass sehr intensiv darüber nachgedacht werden muss, wie die vorhandenen Ressourcen optimal genutzt werden können. Einen wesentlichen Beitrag zu einer optimalen Ressourcen-Nutzung wird die personalisierte Medizin leisten.

Personalisierte Medizin zu Diagnostik und Therapie ist allerdings nicht mehr von einzelnen Kliniken und Instituten zu leisten, weil sie Kompetenzen aus verschiedenen Bereichen erfordern. Es ist ein intensives Zusammenspiel verschiedener Fachbereiche notwendig.

Quelle: Statement Univ.-Prof. Dr. Julia Mascherbauer, Universitätsklinik für Innere Medizin II/Kardiologie, MedUni/AKH Wien, Vorstandsmitglied der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft bei der PK zur Jahrestagung der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft; 31. Mai 2016, 1010 Wien

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