Warum sich Kinder an der Mehrheit orientieren

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Eine wichtige Lern-Strategie ist es, sich an der Mehrheit zu orientieren, für die Kleinsten sind gute Vorbilder besonders wichtig.

Kinder stehen vor der enormen Aufgabe, sich in die spezifischen sozialen und ökologischen Gegebenheiten vor Ort einzufügen. Sie lernen, indem sie ihre Umwelt beobachten. Eine von mehreren parallelen Lern-Strategien ist es, sich an der Mehrheit zu orientieren. Wissenschaftler der Universität Leipzig haben untersucht, inwieweit sich Kinder verschiedener Kulturen im Laufe ihrer Entwicklung ihre Welt durch diese Art des Lernens, also durch das Abschauen bei der Mehrheit, erschließen.

 

Stärke, sich an der Mehrheit zu orientieren, variiert ebenfalls interkulturell

Ein Forscherteam um Prof. Dr. Daniel Haun vom Leipziger Forschungszentrum für frühkindliche Entwicklung hat zwei Hauptaspekte der sozialen Informationsnutzung gemessen: allgemeine Abhängigkeit von sozialen Informationen und Mehrheitspräferenz. Inwiefern soziales Lernen bei Kindern über kulturelle Kontexte hinweg stabil oder aber kontextabhängig ist, untersuchten die Forscher bei Kindern aus sieben verschiedenen Kulturen.

Erhoben wurde die Entwicklung der sozialen Informationsnutzung bei insgesamt 605 Kindern im Alter von 4 bis 14 Jahren. Dabei erhielten Kinder aus Brasilien, Deutschland, Indonesien, Kenia, Namibia, Sambia und der Zentralafrikanischen Republik eine standardisierte Lernaufgabe. Die Studie zeigt: Das Ausmaß, in dem sich Kinder auf soziale Informationen verlassen, hängt von ihrem kulturellen Hintergrund ab.

Die Stärke der Orientierung an der Mehrheit variiert ebenfalls interkulturell. Die Forschungsergebnisse zeigen neben der Vielfalt im Bereich des menschlichen sozialen Lernens, aber auch kulturelle Kontinuität. Sie deuten außerdem darauf hin, dass es eine der Grundfesten menschlichen sozialen Lernens ist, sich an der Mehrheit zu orientieren.

„In manchen Gesellschaften verlassen sich Kinder mit dem Alter immer stärker auf soziale Vorbilder, das heißt gleichaltrige Kinder, in anderen nimmt deren Einfluss mit dem Alter ab“, sagt Prof. Dr. Daniel Haun. Der Einfluss der Mehrheit unterscheide sich zwar von Ort zu Ort, aber der Entwicklungsverlauf der Mehrheitsorientierung sei auf der ganzen Welt scheinbar gleich. „Während sich Kinder in jungen Jahren von 4 bis 6 und die älteren Kinder in unserer Stichprobe von 10 bis 14 relativ stark an der Mehrheit orientieren, berücksichtigen Kinder im Alter von 7 bis 9 die Mehrheit wesentlich seltener als jüngere und ältere Kinder ihrer Gemeinschaft. Warum das so ist, ist noch nicht klar.“

Zum Beispiel deutsche Kinder zwischen 4 und 14 Jahren verlassen sich mit zunehmendem Alter immer weniger auf das soziale Lernen. „Dies trifft nicht auf Kinder aus allen Gesellschaften zu“, erläutert Haun. „Dennoch zeigen auch die deutschen Kinder den scheinbar universalen Entwicklungsverlauf, dass sich die jüngsten und ältesten Kinder am stärksten nach der Mehrheit orientieren.“ Außerhalb dieses geteilten Entwicklungsverlaufes verhalten sich Kinder in den verschiedenen Gesellschaften ausgesprochen unterschiedlich. „Wenn man die Kinder einer Altersgruppe in den verschiedenen Gesellschaften ansieht, zeigen sich in der Regel große Unterschiede in der Nutzung der sozialen Information und in der Mehrheitsorientierung.“

Der vorgenommene Kulturvergleich ermöglicht es den Wissenschaftlern einerseits, zu verstehen wie sich verschiedene Entwicklungsprozesse im Kindesalter in verschiedenen sozialen und ökologischen Umgebungen entfalten. Andererseits, können sie so auch Entwicklungsprozesse identifizieren, die unter verschiedensten Umständen ähnlich ablaufen, und somit vielleicht ein Teil des stabilen Fundamentes kindlicher Entwicklung sind.

 

Gute Vorbilder für die Kleinsten besonders wichtig – in Lehr- und Lernsituationen kulturelle Hintergründe berücksichtigen

Gerade junge deutsche Kinder der Stichprobe sind im Alter von 4 bis 6 in einer Entwicklungsphase, die von starkem sozialen und starkem Orientieren an der Mehrheit geprägt ist. „Das heißt, dass sich jetzt viele der Vorlieben und Eigenschaften des sozialen Umfeldes auf die Kinder übertragen“, erklärt Haun. „Wir sollten uns also der Verantwortung bewusst sein, ihnen gerade in dieser Entwicklungsphase ein Umfeld voller guter Vorbilder zu bieten.“ Aber genauso sei es wichtig, in einer zunehmend kulturell diversen Gesellschaft, Gleichberechtigung nicht mit Gleichheit zu verwechseln. „Kinder, die in unterschiedlichen sozialen Gefügen aufgewachsen sind, haben im Zweifelsfall sehr unterschiedliche Erwartungen und Strategien in sozialen Interaktionen und vor allem auch in Lehr- und Lernsituationen.“ Wichtig sei es, diese Variationen kindlicher Erwartungen in unseren frühkindlichen Bildungseinrichtungen zu berücksichtigen und zu lernen, reüssieren die Wissenschaftler.

Literatur:

Nature Communications: „Die Entwicklung des menschlichen sozialen Lernens in sieben Gesellschaften“ / „The development of human social learning across seven societies“, DOI: 10.1038/s41467-018-04468-2


Quelle: www.lfe.uni-leipzig.de

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