Nahrungsmittel-Intoleranz – Fructose, Histamin, Lactose

Echte Nahrungsmittelallergien sind selten, viel häufiger tritt eine Nahrungsmittel-Intoleranz auf – wie intestinale Fructose-Intoleranz, Histamin- und ­Lactose-Intoleranz.

Unverträglichkeiten von Nahrungsmitteln – bzw. Nahrungsmittel-Intoleranz – werden oder wurden zumindest primär einer Allergie zugeordnet. Tatsächlich ist aber die Nahrungsmittelallergie eine »Kinderkrankheit«, die sich mit Eintritt in das Volkschulalter verliert und nur selten bei Erwachsenen gefunden wird. Allerdings gibt es Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten bei Erwachsenen im Rahmen von Pollenallergien mit Kreuzreaktionen zu Obst und Gemüse.

So vertragen Birkenpollenallergiker oft Äpfel, Nüsse und Sojaprodukte im Sinne eines oralen Allergiesyndroms (OAS) nicht. Bei Beifußallergikern werden Sellerie und Gewürze wie Petersilie oft nicht vertragen. Die durch diese Nahrungsmittel-Intoleranz verursachten Beschwerden sind Juckreiz und Brennen sowie Schwellungen der Lippen und der Mundschleimhaut (Tab. 1).

In Summe betrifft die juvenile Nahrungsmittelallergie weniger als 1% der Bevölkerung, das OAS etwa 2–3%. Echte Nahrungsmittelallergien sind also selten (Jarisch et al 2001). Viel häufiger sind so genannte Intoleranzen, wie die intestinale Fructose-Intoleranz, die Histamin- und Lactose-Intoleranz.

 

Nahrungsmittel-Intoleranz: Intestinale Fructose- und Lactose-Intoleranz

In einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie an Reizdarmpatienten wurde die Wirkung diätetischer Therapiemaßnahmen bezüglich lactose- und fructosefreier Diät untersucht.  320 Personen, die die Rome-II-Kriterien erfüllten, wurden in die Studie aufgenommen. 221 Pa­tien­ten hatten die Studie beendet.

Studiendesign: Die Patienten erhielten randomisiert eine lactose- oder fructosefreie Diät durch drei Wochen. Erst dann wurde eine Lactose- und Fructose-Unverträglichkeitstestung mittels H2-Atemtest durchgeführt. Nach den Testungen erhielten die Patienten Informationen bezüglich ihrer Unverträglichkeiten und die Empfehlung, die im Test positiven Substanzen in Hinkunft zu meiden. Das Testergebnis ergab eine Gruppe von Lactoseintoleranten, eine Gruppe von Fructoseintoleranten, eine Gruppe von Lactose- und Fructoseintoleranten und eine Gruppe, die im Test weder auf Laktose noch auf Fructose positiv reagierte. Die lactoseintolerante Gruppe zeigte durch die richtige Diät eine deutliche Besserung (p < 0,01). Alle anderen Gruppen zeigten durch die eingeschlagene Diät eine signifikante Besserung (p < 0,01), jedoch zeigte sich kein (!) Unterschied, ob der Patient die richtige oder die falsche Diät bekommen hat. Auch die Patienten, die im Test weder auf Lactose noch auf Fructose positiv reagierten, zeigten durch eine Lactose- oder Fructose-Diät eine signifikante Besserung (p < 0,01).

Das Ergebnis überrascht insofern, als zu erwarten gewesen wäre, dass die richtige Diät besser abschneidet als Placebo. Da dies nicht der Fall ist, muss davon ausgegangen werden, dass psychosomatische Ursachen bei Nahrungsmittel-Intoleranz im Vordergrund stehen – quasi der Darm als Seele des Patienten. Dennoch empfiehlt es sich, bei diesen Patienten die Lactose- und Fructose-Testung durchzuführen, da die Patienten das Vertrauen in den Arzt verlieren würden, wenn keinerlei Untersuchungen durchgeführt würden. Bei den Reizdarmpatienten kann in vielen Fällen eine Intoleranz festgestellt werden, die eine diesbezügliche Diät logisch erscheinen lässt, auch wenn sie sich in Summe nicht im Ergebnis niederschlägt.

 

Nahrungsmittel-Intoleranz: Histamin-Intoleranz

Histamin ist seit nunmehr 100 Jahren bekannt, die Histamin-Intoleranz (HIT) wurde von uns vor zehn Jahren erstmals beschrieben. Das im Thieme Verlag erschienene Buch war bisher siebenmal vergriffen, die dritte Auflage ist in Vorbereitung. Somit erscheint das Interesse für dieses Krankheitsbild in der Bevölkerung hinreichend dokumentiert. Interessant ist, dass Histamin lange nur dem Heuschnupfen zugeordnet wurde.

Bei der Paradigma-Erkrankung für Histamin, der Urticaria, spießte es sich lange, da die meisten Fälle von Urticaria normale Histaminwerte im Blut aufweisen (siehe auch unten). Auch scheint es Probleme gemacht zu haben, dass Histamin für physiologische und pathologische Funktionen verantwortlich sein konnte. Die Dosis macht das Gift: eine Prise Kochsalz kann das Essen verbessern, ein Esslöffel Kochsalz die Speise verderben. Als physiologische Funktion sind insbesondere die Magensaftsekretion und die Funktion als Neurotransmitter zu erwähnen.

Die klinischen Bilder reichen von Kopfschmerzen/Migräne über Unterlidschwellungen, Flush im Gesicht, rinnende oder verstopfte Nase postprandial, Asthma bronchiale, Herzrasen, Hypotonie, Durchfälle und Dysmenorrhoe. Etwa 80% der Patienten mit Histamin-Intoleranz sind weiblich und ca. 40 Jahre alt. Aus der Liste von Medikamenten, die als potenzielle Auslöser der Histamin-Intoleranz in Frage kommen, kann ACC (Acetylcystein) bestätigt werden.

Die Histamin-Intoleranz ist definiert als Ungleichgewicht zwischen Histamin und Diaminoxydase (DAO, Histamin-abbauendes Enzym). Meist liegt ein Mangel an DAO vor. Es kann auch Histamin erhöht und gleichzeitig die DAO erniedrigt sein, meist ist aber die DAO bei erhöhtem Histamin aufreguliert, also über dem Normalwert. Dies ist wichtig zu wissen für den Fall, dass nur die DAO bestimmt wird! Die Diagnose kann nicht mittels Hauttest gestellt werden, wenngleich manche atopische Kinder im Hauttest auf Histamin mit polynukleären Quaddeln reagieren und sich dann in einigen Fällen eine Histamin-Intoleranz herausstellt. Histamin kommt (neben anderen biogenen Aminen) in vielen Nahrungsmittel vor. Deshalb wird die Verdachtsdiagnose einer HIT primär über eine Unverträglichkeit von histaminhältigen Nahrungsmitteln gemacht.

Der quasi Opinionleader der Histamin-Intoleranz ist die Unverträglichkeit von alkoholischen Getränken, allen voran Rotwein, da von diesen Histamin leicht und schnell im Verdauungstrakt resorbiert wird. Wir untersuchten daher 100 österreichische Rotweine und verschiedene Sektsorten der letzten Jahre auf deren Histamingehalt und fanden sehr unterschiedliche Werte von sehr niedrig bis sehr hoch.

Das heißt aber, dass eine Rotweinverträglichkeit eine Histamin-Intoleranz bei niedrigem Histamingehalt nicht ausschließt! Das Gleiche gilt auch für andere Nahrungsmittel wie Hartkäse und Salami mit großer Bandbreite an Histamin. Somit ist es leicht verständlich, dass die Verdachtsdiagnose Histamin-Intoleranz in der Hälfte der Fälle nicht zutrifft, also falsch ist. Das heißt also, dass die Anamnese eine Verdachtsdiagnose erlaubt, aber auch, dass mit der Anamnese alleine keine Diagnose gestellt werden kann!

Die beste Diagnosestellung erfolgt zweifellos durch doppelblinde, placebokontrollierte Provokation. Da Provokationen grundsätzlich nicht ungefährlich sind und insbesondere His­tamin schwere Reaktionen auslösen kann, haben wir den Weg der »negativen Provokation« gewählt. Das heißt, statt dem Patienten Histamin zuzuführen und die Symptome zu verschlechtern, haben wir mittels histaminfreier Diät Histamin »weggenommen« und somit die exogene Zufuhr gestoppt. Bei Vorliegen einer Histamin-Intoleranz würden sich dabei die Symptome verbessern.

In praxi sieht das so aus: Nach klinischer Verdachtsdiagnose wird dem Patienten Blut zur Bestimmung von Histamin und DAO abgenommen und eine 14-tägige histaminfreie Diät eingeleitet. Die Kontrolle erfolgt nach 14 Tagen mit neuerlicher Blutabnahme. Liegt eine Histamin-Intoleranz vor, sinkt der His­taminspiegel signifikant und die DAO steigt signifikant an. Gleichzeitig ist das Krankheitsbild gebessert oder verschwindet. Bei Nichtvorliegen einer Histamin-Intoleranz ändert sich an Histamin und DAO nichts, die klinischen Beschwerden bleiben gleich.

In einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie an nicht allergischen und nicht Histamin-intoleranten Patienten konnte gezeigt werden, dass die häufigsten Symptome einer Histamin-Intoleranz Diarrhoe, Rhinitis und Rhinopathie, Pruritus und Cephalea sind. Für die Dermatologie sind neben Pruritus, Urticaria und Neurodermitis von Interesse. Bei Urticariapatienten fanden wir in einem Viertel der Fälle eine Histamin-Intoleranz, sodass die histaminfreie Diät bei diesem Krankheitsbild Sinn macht. Die Maximalvariante der histaminfreien Diät wird als Kartoffel-Reis-Diät von den Dermatologen seit Jahrzehnten mit Erfolg eingesetzt.

Auch bei der Neurodermitis wurde von verschiedenen Forschern eine Histamin-Intoleranz in etwa einem Viertel der Fälle gefunden. Eine periorale Rötung bei Kindern nach Verzehr von Ketchup oder Spinat ist sicher ein starker Hinweis. Eine Histamin-Intoleranz erhöht das Risiko einer Kontrastmitteluntersuchung und das Operationsrisiko. Auch ist die Gefahr des postoperativen Erbrechens größer (dieses Risiko kann übrigens durch Antihistaminikagabe halbiert werden). Insektengiftallergien verlaufen schwerer und die spezifische Immuntherapie funktioniert meist nicht (p < 0,003). Die Beobachtung, dass Schwangere ab der 12. SSW nicht mehr unter Heuschnupfen, Asthma bronchiale sowie Kopfweh und Migräne leiden, erklärt sich durch die Tatsache, dass die DAO auf das Hundert- bis Fünfhundertfache ansteigt und somit Histamin sofort abbaut. Die Plazenta ist die »Fabrik« der DAO! Da der Uterus Histamin sensibel ist, dürfte der massive Anstieg der DAO wohl der Ruhigstellung des Uterus dienen.

Für Patienten mit Asthma bronchiale ist das Einhalten der histaminfreien Diät besonders wichtig, da Asthma durch inhalative Provokation mit Histamin ausgelöst werden kann. Ein Glas Rotwein kann übrigens das Gleiche! Das Spektrum der Histaminwirkungen ist breit gestreut: Es gibt Anhaltspunkte, dass die Drogentoten am Histamin und nicht primär am Heroin sterben, da Heroin bekanntlich ein His­taminliberator ist. Es gibt Anhaltspunkte, dass His­tamin bei der Parodontitis eine Indikatorrolle spielt. Und nicht zuletzt wird die Seekrankheit durch Histamin ausgelöst.

Quelle: Nahrungsmittel-Intoleranz. Univ.-Prof. Dr. Reinhart Jarisch. MEDMIX 4/2008.

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