Myogelosen aus anatomisch-histologischer Sicht

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Myogelosen – oft Folge von sportlichem Ehrgeiz – sind Muskelverhärtungen, die oft Schmerzen neben der Wirbelsäule und in den Rückenstreckern verursachen.

Der Begriff „Myogelose“ findet häufige Anwendung bei chronischen Schmerzzuständen in bestimmten Bereichen des Rumpfes. In der Praxis finden sich oft druckdolente Areale in der Muskulatur, die auffallend therapieresistent sind. Betroffen sind vor allem die Pars descendens des M. trapezius, der M. glutaeus und der M. errector trunci. Wir beobachteten, dass die myogelotischen Areale auch post mortem tastbar bleiben.

Da in der Literatur wenig über ein morphologisches Substrat der Myogelose-Areale vorliegt, haben wir einerseits an 11 unkonservierten Humanpräparaten unter Sicht, gezielt größere Biopsien entnommen. Zusätzlich dazu wurden bei drei PatientInnen im Rahmen von Diskusprolaps-Operationen Biopsien aus anamnestisch und klinisch bekannten Myogelosearealen entnommen. (Bei allen früher durchgeführten Studien wurde das Biopsiematerial mittels Feinnadelpunktion gewonnen.)

Aus dem Biopsiegut wurden Gefrierschnitte, Paraffinschnitte und Semidünnschnitte angefertigt und entsprechend den neuropathologischen Standardtechniken gefärbt. Im Anschluss an die histopathologische Aufarbeitung wurden die Präparate lichtmikroskopisch untersucht und computergestützt morphometriert. Bei der lichtmikroskopischen Inspektion der Präparate fällt zunächst der deutlich verengte, bzw. überhaupt verschwundene endomysiale Raum auf, welcher bei den Kontrollbiopsien aus unveränderten Muskelarealen deutlich zu erkennen ist. Da sämtliche Präparate demselben Fixansvorgang unterzogen wurden, scheidet ein Artefakt aus.

Zusätzlich zeigt sich aus den histochemischen Färbungen der Morphometrie, dass die rasch kontrahierenden TypII Muskelfasern vereinzelt eine atrophe Verkleinerung des Querschnitts aufweisen. Die langsam kontrahierenden TypI Fasern hingegen, (für die Haltemuskulatur typisch), weisen mitunter eine signifikante Querschnittsvergrößerung von durchschnittlich 60µm auf 100µm auf. Diese vereinzelt auftretenden stark vergrößerten Muskelfasern wurden schon von Begtson et al, 1986, als „Mottenfraßzellen“ beschrieben. In manchen dieser vergrößerten Muskelzellen konnten wir auch ein degeneratives, zystisch vakuolisiertes Zytoplasma beobachten.

Weiters kann man in der Goldnerschen Trichromierung eine intensive Orangefärbung der vergrößerten, degenerativen Muskelzellen erkennen, die wir als „Orange-G-Philie“ bezeichnen. Vereinzelt sieht man sowohl etwas vergrößerte, als auch eigentümlich in Gruppen oder perlschnurartige angeordnete Zellkerne. Myogelosen finden sich typischerweise in Muskeln, welche durch die aufrechte Körperhaltung besonders beansprucht werden. Durch andauernde Überlastung kommt es zu schmerzhaften Verspannungen und Verhärtungen dieser Muskulatur.

Die damit einhergehende Schonhaltung verschärft die Situation, in der Folge bilden sich in besagten Muskeln (z.B. M. trapezius, M. errector trunci, M. glutaeus medius) myogelotische Areale aus. Da die Myogelosen auch post mortem tastbar bleiben, liegt der Schluss nahe, dass Myogelosen einen quasi fixierten Zustand darstellen. Auch die von Mense 1999 beschriebene Vergrößerung in Teilen myogelotischer Muskelfasern mit einem verschmälerten Abstand der A-Banden passt zu unseren Ergebnissen.

Offensichtlich handelt es sich dabei um die einzelnen degenerativ hypertrophen Muskelzellen. Die A-Banden bestehen aus Myosin und Myosin bestimmt die Kontraktionseigenschaften der Muskulatur. So ist es nahe liegend, dass gerade dieser Bereich der Muskelfaser auf die anhaltende Überbeanspruchung reagiert.

 

Therapie der Myogelosen

Die Therapie von Myogelosen erfolgt mit einem polypragmatischen Ansatz. In der Praxis haben sich neben Muskelrelaxantien und lokalen, sowie systemisch wirksamen Schmerzmitteln, spezielle Massagetechniken (z.B. nach Dr. Marnitz, AORT etc), neuraltherapeutische Interventionen sowie die Akupunktur bewährt.

Quelle und weitere Informationen:

Myogelosen als Folge andauernder Muskel­überbelastung aus anatomisch-histologischer Sicht. Ass. Prof. Dr. Alfred Windisch, Univ. Ass. Dr. Hannes Traxler. MEDMIX 04/2005

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10398386

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Ass.-Prof. Dr. Hannes Traxler

ARZT FÜR ALLGEMEINMEDIZIN FACHARZT FÜR ANATOMIE MEDIZINISCHE UNIVERSITÄT WIEN

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