Mutterkuchen essen als Heilmittel ohne wissenschaftliche Bestätigung

0

Mutterkuchen essen nach der Geburt soll bei Frauen die Milchproduktion ankurbeln, gegen Wochenbett-Depressionen helfen und Mütter rasch wieder fit machen.

Im Grunde genommen beschreiben viele Print-Magazine und Internetplattformen vollmundig die Vorteile von Mutterkuchen essen. Und zwar von jungen Müttern nach der Geburt. Denn das Mutterkuchen essen soll die Milchproduktion ankurbeln und gegen Wochenbett-Depressionen helfen. Außerdem soll es die Mütter dabei unterstützen, dass sie schneller wieder fit werden.

 

Effekte des Mythos Mutterkuchen essen wissenschaftlich untersucht

Nicht nur in esoterischen Kreisen findet man Anhängerinnen von Mutterkuchen essen. Ob als Plazenta roh, getrocknet, als Smoothie oder in Globuliform: was ist dran an diesen Mythen? Auch am Universitätsklinikum Jena wenden sich Schwangere mit solchen Fragen an Ärzte und Hebammen. Das Problem: „Alles was im Umlauf ist, ist wissenschaftlich nicht belegt“, sagt Privatdozentin Dr. Tanja Groten, geschäftsführende Oberärztin an der Klinik für Geburtsmedizin. „Es gibt dazu noch kaum wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Studien“, ergänzt die Biologin Jana Pastuschek. Beide gehören zu den Wissenschaftlerinnen, die der Plazentophagie  im Placenta-Labor der Klinik für Geburtsmedizin auf den Grund gehen. Übrigens ist Plazentophagie der Fachbegriff für das Mutterkuchens essen.

 

Hormonelle Zusammensetzung der Plazenta, die das Kind im Mutterleib mit Nährstoffen, Vitaminen und Hormonen versorgt

Der etwa 500 Gramm schwere Mutterkuchen wird nach dem Kind als Nachgeburt geboren und hat in diesem Moment seine Aufgabe erfüllt. Für die Analyse wurden sechs Plazenten von komplikationslosen Geburten, die dem Labor von den Frauen zu Forschungszwecken überlassen wurden, ausgewählt.

Um mögliche Risiken des Plazentaverzehrs aufzuspüren, wurden die Organe auch mikrobiologisch auf mögliche bakterielle Verunreinigungen untersucht. Parallel dazu ging es darum, wie sich die Verarbeitung der Plazenta nach traditionellen Methoden – zum Beispiel durch Trocknen oder Pulverisieren – auf die Hormonkonzentration auswirkt. „Wir haben das ausschließlich im Labor untersucht“, betont Johnson. Die Frauen selbst verzehrten ihre Plazenta nicht – weder in rohem noch verarbeitetem Zustand.

„Man weiß, dass die Plazenta eine enorme Menge an unterschiedlichen Hormonen produzieren kann“, so die 34-jährige Ärztin Sophia Johnson, selbst Mutter von drei Kindern. Das Interesse der Forscherinnen konzentrierte sich auf einen kleineren Teil. Neben Sexualhormonen wie Östrogen und Progesteron auch Hormone, die die Milchbildung fördern und Stressreaktionen des Organismus regulieren wie Oxytocin. Dieses „Kuschelhormon“ steuert den Milchspendereflex und regt die Rückbildung der Gebärmutter an. Außerdem sorgt es dafür, dass zwischen Mutter und Kind eine Bindung entsteht. Zudem soll ja Mutterkuchen essen stressmindernd und entspannend wirken.

 

Hormonverlust bei Verarbeitung

Aufschlussreich waren die Messergebnisse beim Vergleich der verschiedenen Verarbeitungsmethoden der Plazenten: Der Hormongehalt sank dabei deutlich. „Beim Verarbeiten gemäß der traditionellen chinesischen Medizin zum Beispiel beträgt der Hormonverlust im Vergleich zum Rohzustand bis zu 99 Prozent“, sagt Jana Pastuschek. „Sie sind also faktisch nicht mehr nachweisbar.“

 

Placeboeffekt?

Damit stellt sich die Frage, was von dem in Erfahrungsberichten von Frauen geschilderten positiven Effekt durch die Einnahme von Plazentapulver wirklich zu halten ist. „Möglicherweise handelt es sich dabei um einen sehr guten Placeboeffekt“, vermutet Pastuschek. Wie der Organismus der Frauen die Wirkstoffe aus dem Mutterkuchen aufnimmt, könne in einer reinen Laborstudie nicht geklärt werden.

Auch angesichts der geringen Zahl von untersuchten Plazenten könne die Forschungsarbeit nur ein erster Schritt sein, betonen die Wissenschaftlerinnen. Eine weitere Doktorarbeit ist bereits in Arbeit. „Es ist uns wichtig, Frauen gut und wissenschaftlich fundiert zu dem Thema beraten zu können“, begründet Tanja Groten, die die Arbeit betreut. „Deshalb kümmern wir uns um dieses Thema.“

Literatur:

Johnson SK, Groten T, et. al. Human placentophagy: Effects of dehydration and steaming on hormones, metals and bacteria in placental tissue. PLACENTA, 2018; 67:8-14 DOI: 10.1016/j.placenta.2018.05.006


Quelle: Klinik für Geburtsmedizin, Universitätsklinikum Jena

Share.

About Author

Ann-Marie Nüsslein

MEDMIX-Redaktion, AFCOM Digital Publishing Team

Comments are closed.