Psychische Erkrankungen durch die moderne Arbeitswelt

Moderne Arbeitswelt © Mushakesa / shutterstock.com

Die moderne Arbeitswelt führt zu einem deutlich höheren Risiko für psychische Erkrankungen und dadurch in Folge für eine Arbeitsunfähigkeit.

Arbeitsverdichtung, Restrukturierungen und erhöhte Anforderungen an Flexibilität und Mobilität tragen zusätzlich zum Bedarf an frühen psychosomatisch-psychotherapeutischen Beratungsmöglichkeiten bei. Psychische Erkrankungen haben in den letzten Jahrzehnten zu doppelt so vielen Krankschreibungen geführt, während die Arbeitsunfähigkeit aufgrund anderer Erkrankungen etwa gleich geblieben ist – die moderne Arbeitswelt mit ihren immensen Anforderungen trägt dazu ein Gutteil bei.

 

Schattenseiten der moderner Arbeitswelt: Arbeitsunfähigkeit durch psychische Erkrankungen

Psychische Erkrankungen sind nach den Muskel-Skelett-Erkrankungen jetzt der zweithäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit. Außerdem sind sie mit großem Abstand der häufigste Grund für Erwerbsminderungsrenten. Und zwar gilt das für über 40 Prozent der Frühberentungen.

Betroffene erhalten nur zu einem kleinen Teil die adäquate Behandlung, um längerer Krankheit, Arbeitsunfähigkeit oder Frühberentung entgegenzuwirken. Um diesem Problem ansatzweise zu begegnen, wurde als neues Versorgungskonzept die sogenannte „Psychosomatische Sprechstunde im Betrieb“ (PSiB) entwickelt. Dies bedeutet, dass Arbeitnehmer zusätzlich zum Angebot der ambulanten kassenfinanzierten Psychotherapie die Möglichkeit haben, am Arbeitsplatz selbst oder unmittelbar vom Arbeitsplatz aus vermittelt eine Beratung und gegebenenfalls Kurzzeittherapie durch Psychotherapeuten zu erhalten.

Das heißt der Psychosomatiker / Psychotherapeut geht selbst in das jeweilige Setting des Arbeitsplatzes. Somit wartet er nicht, bis potenzielle Ratsuchende in die Praxis oder die Klinik kommen. Es hat sich gezeigt, dass man so Betroffene früher im Krankheitsverlauf erreichen kann. Damit kann man Chronifizierung vermeiden. Zudem sind notwendige Behandlungen kürzer, weil eine weniger chronifizierte psychische Erkrankung in der Regel besser zu behandeln ist. Dieses Konzept ist in der Praxis zunehmend nachgefragt.

 

Weniger Arbeitsunfähigkeitszeiten

In einer rezenten Studie hat man der grundsätzliche formale Rahmen der Sprechstunde und bisherige klinische Erfahrungen berücksichtigt. Es ergaben sich auch neue positive Befunde zu Nutzerzufriedenheit und Reduktion von Arbeitsunfähigkeitstagen. Beispielsweise untersuchten die Forscher erstmals, wie sich Arbeitsunfähigkeitszeiten vor und nach Teilnahme in einer Psychosomatische Sprechstunde im Betrieb entwickeln. Dazu wurden Arbeitsunfähigkeitszeiten von 155 Teilnehmern einer Psychosomatischen Sprechstunde in einem mittelständischen Unternehmen anonymisiert aus Daten einer Krankenkasse untersucht. Die Zeiträume ein Jahr vor dem ersten Beratungstermin und zwei Jahre danach wurden verglichen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Arbeitsunfähigkeit der Teilnehmer mit psychischen Erkrankungen im zweiten Jahr nach Beginn der Sprechstunde statistisch signifikant zurückgeht. Die Mittelwerte sanken von 65 Arbeitsunfähigkeitstage im Jahr vor der Sprechstunde auf 50 Arbeitsunfähigkeitstage im zweiten Jahr danach. Für circa ein Drittel der Teilnehmer war die Beratung und Kurzzeittherapie in der Psychosomatische Sprechstunde im Betrieb ausreichend. In einer weiteren Stichprobe war bei n= 189 Nutzern der Psychosomatischen Sprechstunde im Betrieb die persönliche Zufriedenheit mit der Behandlung signifikant höher als in der Regelversorgung.

Diese aktuellen Ergebnisse zeigen, dass die Psychosomatische Sprechstunde im Betrieb zu einer besseren Versorgung psychosomatischer Beschwerden mit guter Zufriedenheit der Nutzer mit diesem neuen Versorgungsangebot beitragen und zusätzlich Arbeitsunfähigkeitszeiten reduzieren kann.


Quelle:

Statement »Schneller, höher, weiter: Löst die moderne Arbeitswelt Depressionen aus? Wie Kurzzeittherapie und Betriebssprechstunde zur Prävention beitragen « von Professor Dr. med. Harald Gündel – Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinik Ulm

Die mobile Version verlassen