Mikrobiom und hormonelle Veränderungen im Körper

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Unter dem Strich sind noch viele Aspekte zum Mikrobiom nicht hinreichend erforscht. Recht neu ist sein Einfluss auf hormonelle Veränderungen im Körper.

Im Grunde genommen hat es in der Medizin immer wieder überraschende Entdeckungen gegeben. Eine davon war vor einigen Jahren die Tatsache, dass wir an nahezu allen Stellen des Körpers von Mikroorganismen besiedelt werden. Dabei ist mit Mikrobiom die Gesamtheit von winzigen Lebewesen, Bakterien, Archäen – einige der „urtümlichsten“ Lebewesen der Erde –, aber auch Pilzen und Viren gemeint. Schließlich verfügen diese Mikroorganismen zusammen über deutlich mehr Zellen und DNA als unser Körper.

 

Human Microbiome Project

An der Zusammensetzung und Funktion dieses Mikrobioms wird intensiv geforscht, unter anderem gab es seit 2007 in den USA das „Human Microbiome Project“, das durch die National Institutes of Health (NIH) gefördert wurde und uns gemeinsam mit vielen anderen Forschungsprojekten die Dimensionen und die mögliche zukünftige Bedeutung dieser Mikroben-Besiedelung erst vor Augen geführt hat. Sie werden sich jetzt möglicherweise fragen, was dieses unglaublich dynamisch expandierende Forschungsgebiet mit der Endokrinologie zu tun hat.

Tatsächlich sind bisher Darmerkrankungen, Krebsrisiko und unter anderem Hautveränderungen mit dem Mikrobiom assoziiert worden. Dazu gibt es sehr gute Daten und erste Therapieversuche. So machen wir an der Medizinischen Universität Graz beispielsweise bereits Interventionen des Darmmikrobioms – „faecal microbiome transfer“ (FET), das bedeutet Stuhltransplantationen bei Patienten mit schwersten entzündlichen Darmerkrankungen, die sehr erfolgreich sind und große Beachtung gefunden haben [1].

 

Mikrobiom und sein Einfluss auf hormonelle Veränderungen im Körper

Ein völlig neuer Aspekt zum Mikrobiom ist sein Einfluss auf hormonelle Veränderungen im Körper. Dabei gehen Experten davon aus, dass die Zusammensetzung des Mikrobioms im Darm oder in der Mundhöhle nicht nur mit dem Energiestoffwechsel, also dem Glukose- und Lipidmetabolismus, sondern unter anderem auch mit dem Profil der Geschlechtshormone verbunden ist. Beispielweise erforschen Experten in Graz aktuell diese Zusammenhänge am Beispiel des polyzystischen Ovar-Syndroms (PCOS).

Diese Hormonveränderung ist mit zehn bis 20 Prozent aller Frauen weltweit sehr häufig und wurde erst in den letzten Jahren als wichtiger Symptomenkomplex wahrgenommen. Das PCOS umfasst erhöhte männliche Hormone, die zu betont männlicher Körperbehaarung, Akne und Haarausfall führen können, Zyklustempoanomalien mit unregelmäßiger Regelblutung oder Amenorrhoe und polyzystischen Ovarien (zahlreichen Follikelbläschen in den Eierstöcken) – wobei zwei von drei Symptomen laut Rotterdam-Kriterien bereits für die Diagnosestellung ausreichen.

 

Mikrobiota und Hormonveränderungen

Frauen mit PCOS können in wechselnder Ausprägung Hirsutismus (unter anderem „Damenbart“), Gewichtsprobleme oder unerfüllten Kinderwunsch haben und neigen zu Diabetes mellitus Typ 2 und zu Depressionen oder Angststörungen. Wir konnten in bisher publizierten Studien bereits einen Zusammenhang der Mikrobiota mit Symptomen und Hormonveränderungen bei PCOS nachweisen. Dabei scheinen nicht nur die Zahl und Art der Mikroben, sondern auch die Darmpermeabilität und Entzündungsfaktoren bei PCOS verändert zu sein, die mit Hormonwerten, anthropometrischen Daten und sogar Depressions-Scores korrelieren [2].

Ein wesentlicher Aspekt ist, dass es offenbar einen Zusammenhang zwischen dem Darmmikrobiom und der Fähigkeit zur Bildung von aktiven hormonellen Metaboliten aus unserer pflanzlichen Nahrung gibt. Phytohormone wie Isoflavone, unter anderem Genistein und Daidzein, können von etwa einem Drittel der Europäerinnen und Europäer zum aktiven Metaboliten Equol umgewandelt werden.

 

Pilotstudie zu PCOS

Dies erfolgt ausschließlich durch Darmbakterien. Forscher konnten kürzlich in einer Pilotstudie unter anderem mit metagenomischen Analysen nachweisen, dass viele Symptome bei PCOS, von Hormonspiegeln über klinische Symptome bis zu Depressions-Scores, mit dieser Aktivität verbunden sind. Schließlich kann das möglicherweise ein völlig neues Licht auf die Entstehung und die Ausprägung von hormonellen Veränderungen etwa beim PCOS werfen. Dabei könnten therapeutische Veränderungen des Mikrobioms durch prä- oder probiotische Ansätze, aber auch durch Insulinsensitizer wie Metformin als wichtige Behandlungsstrategien identifiziert und mit diesem neuen Wissen besser eingesetzt werden.

Was die Mikrobiomforschung mit der gastgebenden Endokrinologie hier in Göttingen verbindet, ist vielfältig. Ein ganz wichtiger Zusammenhang sind die Inkretinforschungen des berühmten Professors Creutzfeld hier in Göttingen. Er hat in den 1970ern beschrieben, dass die Insulinsekretion nicht nur durch erhöhte Glukosespiegel im Blut stimuliert wird, sondern auch durch Hormone aus dem Magen-Darm-Trakt – die Inkretine [3]. Jüngste Forschungsergebnisse weisen nun darauf hin, dass gerade diese Inkretine, unter anderem das glukoseabhängige insulinotrope Peptid (GIP), durch das Darmmikrobiom reguliert werden [4].

Schließlich konnte man viele Aspekte der Interaktion von Mikrobiom und Mensch noch nicht richtig erforschen. Man darf daher sehr gespannt auf die zukünftigen Entwicklungen sein.

Literatur:

[1] Kump P, Wurm P, Gröchenig HP, Wenzl H, Petritsch W, Halwachs B, Wagner M, Stadlbauer V. Eherer A, Hoffmann KM, Deutschmann A, Reicht G, Reiter L, Slawitsch P, Gorkiewicz G, Högenauer C. The taxonomic composition of the donor intestinal microbiota is a major factor influencing the efficacy of faecal microbiota transplantation in therapy refractory ulcerative colitis. Aliment Pharmacol Ther. 2018;47(1):67-77.

[2] Lindheim L, Bashir M, Münzker J, Trummer C, Zachhuber V, Leber B, Horvath A, Pieber TR. Gorkiewicz G, Stadlbauer V, Obermayer-Pietsch B. Alterations in Gut Microbiome Composition and Barrier Function Are Associated with Reproductive and Metabolic Defects in Women with Polycystic Ovary Syndrome (PCOS). A Pilot Study. PLoS One. 2017;12(1):e0168390.

[3] Creutzfeldt M. Candidate hormones of the gut. XV. Insulin-releasing factors of the gastrointestinal mucosa (Incretin). Gastroenterology. 1974;67(4):748-50.

[4] Lee EY, Zhang X, Miyamoto J, Kimura I, Taknaka T, Furusawa K, Jomori T, Fujimoto K, Uematsu S, Miki T. Gut carbohydrate inhibits GIP secretion via a microbiota/SCFA/FFAR3 pathway. J Endocrinol. 2018 Dec 1;239(3):267-276.


Quelle:

Neue Aspekte zum Mikrobiom: der Einfluss auf hormonelle Veränderungen im Körper. Professor Dr. med. Barbara Obermayer-Pietsch Klinische Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie, Medizinische Universität Graz. Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Endokrinologie und Stoffwechsel (ÖGES). 62. Kongress für Endokrinologie der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) März 2019, Göttingen

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