Männer sind anders, Frauen auch – zwei Gesundheitskulturen

© mnstudio / shutterstock

Männer sind anders:  Es ist schon erstaunlich, wie sehr die Gesundheit und letztlich die Lebenser­wartung eines Menschen von seinem Geschlecht beeinflusst wird.

Männer sind anders und ­haben im Vergleich zu Frauen ein unterschiedlich ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein und -verhalten. Männer und Frauen sind von vielen Krankheiten in einem unterschiedlichen Ausmaß bedroht und be­wältigen das Kranksein auf verschiedene Art und Weise. Es gibt also zwei ­»Gesundheitskulturen«, die bei Vorsorge und Versorgung in ­Zukunft viel stärker als bisher berücksichtigt werden müssen.

Mit dem biologischen Geschlecht kommen wir auf die Welt, werden dann aber von einer Vielzahl von Einflüssen in unserem geschlechtsspezifischen Verhalten geprägt. Wir haben also auch ein psychosoziales Geschlecht, für das im Englischen der Begriff »Gender« verwendet wird, und das hat einen zumindest ebenso großen Einfluss auf die Gesundheit wie das biologische Geschlecht.

Mit »Gender Medicine« sollen für Männer und Frauen optimale Voraussetzungen geschaffen werden, um bestmögliche Gesundheit zu erlangen und zu erhalten, um bestmögliche Betreuung im Krankheitsfall zu sichern und um Diskriminierung auf beiden Seiten zu verhindern. Historisch gesehen ist die naturwissenschaftliche Medizin eine männerdominierte Disziplin – nicht nur, was die führenden Köpfe, sondern auch, was den »Gegenstand« der Lehre betrifft. Denn der Mann wurde als Bild des Menschen schlechthin genommen. Geschlechtsunterschiede wurden nur im Hinblick auf die Fortpflanzung, also Schwangerschaft und Geburt, wahrgenommen.

Aus mittlerweile zahlreichen Forschungsarbeiten geht inzwischen eindeutig hervor, dass es bei allen Faktoren, die die Gesundheit und letztlich die Lebenserwartung beeinflussen, geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. Dazu gehören:

Biologische Gegebenheiten – Gene und Hormone: Männliche Säuglinge und Kinder sind aus verschiedenen Gründen anfälliger für bestimmte Krankheiten. Die männlichen und weiblichen Geschlechtshormone wirken sich auf vielfache Art und Weise auf die Gesundheit aus.

Risikoverhalten: Männer sind mehr Gesundheitsrisiken ausgesetzt und legen vielfach auch ein stärker ausgeprägtes Risikoverhalten an den Tag. In manchen Punkten steigt jedoch auch die Risikobereitschaft der Frauen.

Bereitschaft, etwas für die ­Gesundheit zu tun: Das Gesundheitsbewusstsein ist bei Frauen generell stärker ausgeprägt. Auch hier kommt es im Zuge der sich ändernden Geschlechterrollen aber tendenziell zu einer An­näherung.

Geschlechtsspezifische Krank­heiten: Bedingt durch biologische Voraussetzung, unterschiedliche Lebensgewohnheiten und unterschiedliche »Reaktionszeiten« auf Symptome ergeben sich ­verschiedene Krankheiten bei Männern und Frauen.

Umgang mit Krankheiten: Männer gehen mit krankheitsbedingten Einschränkungen anders um als Frauen und haben andere Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem.

Sozioökonomische Faktoren: Bildungsstand, Einkommen und soziales Umfeld sind für Frauen und Männer anders bzw. werden anders gestaltet.

 

Frauen leben länger

In nahezu allen Ländern der Welt leben Frauen länger als Männer. In Deutschland und Österreich beträgt der Unterschied derzeit fast sechs Jahre (durchschnittliche Lebenserwartung D: 75,4 Jahre Männer/81,2 Frauen, Ö: 75,9 bzw. 81,7 Jahre). Heute stehen Männer bei der durchschnittlichen Lebenserwartung dort, wo Frauen vor 20 Jahren standen und sie werden die Frauen auch nicht so bald einholen.

Was macht das Leben für Männer aber so gefährlich? Aus verschiedenen Untersuchungen wurden von Experten fünf besondere Risikofaktoren für die Gesundheit der Männer zusammengefasst:

  1. Lebensstil – Ernährung, Alkohol, Bewegung, Rauchen.
  2. Stress.
  3. Höhere Unfallhäufigkeit, die besonders bei jungen Männern auf ein ganz bewusst erhöhtes Risikoverhalten zurückzuführen ist. Allerdings sind dabei auch Kriege zu berücksichtigen, die über die Zeiten die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer immer gedrückt haben.
  4. Körperliche Belastungen, z.B. durch Schwer- und Schichtarbeit.
  5. Geringe oder verspätete Annahme von Gesundheitsleistungen, vor allem in der Gesundheitsvorsorge.

Männer erleben weniger gesundheitliche Beeinträchtigungen, wenngleich diese insgesamt bei beiden Geschlechtern in den vergangenen Jahren gestiegen sind. Frauen leben also zwar länger, leben aber auch verhältnismäßig länger mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

 

Männer und Gesundheit

Für Männer ist Gesundheit eng mit dem Gefühl der Leistungsfähigkeit verbunden. Männer definieren Gesundheit häufig im engsten Sinn des Wortes, nämlich als Abwesenheit von Krankheit. Der Körper wird gewissermaßen als Instrument betrachtet, um den Anforderungen des Lebens entgegenzutreten. Die Funktion steht im Vordergrund. Das behindert die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers und erst recht die Wahrnehmung von Beschwerden. Außerdem klassifizieren Männer Krankheitssymptome in gewisser Weise nach »männlichen« und »unmännlichen« und reagieren nur dann darauf, wenn die Symptome mit dem männlichen Selbstbild vereinbar sind. Erst wenn die Beschwerden wirklich schwerwiegend sind, gehen sie zum Arzt. Dort werden ihnen dann im Gegensatz zu Frauen überwiegend somatische Diagnosen gestellt.

Männer nehmen weniger Medikamente als Frauen. Eine Wiener Untersuchung kommt zu einem ganz typischen Ergebnis: Von sieben Medikamentengruppen wurden nur die Herzmittel von Männern mehr verbraucht. Eine deutsche Analyse hat ergeben, dass nur halb so viele Männer wie Frauen das täglich verordnete Medikament zu sich nehmen. Solange Männer berufstätig sind, sehen sie laut Wiener Gesundheitsbericht ihre Gesundheit vor allem durch Stress gefährdet, weiters durch Schlaf- und Bewegungsmangel. Ungesunde Ernährung wird ebenso genannt wie ein generell gering ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein. Mehr als jeder fünfte Mann glaubt, dass seine Gesundheit durch entsprechend ungünstige Bedingungen am Arbeitsplatz (z.B. Arbeit am Hochofen, mit Chemikalien etc.) bzw. durch die mit dem Beruf verbundenen Gefahrenquellen (z.B. Arbeit am Bau, Polizist usw.) gefährdet ist. Männer nannten aber auch das Rauchen oder die zu geringe Sensibilität für Warnsignale ihres Körpers. Sie sind sich ihrer zum Teil selbst verursachten Gesundheitsrisiken also durchaus bewusst.

 

Männer fühlen sich gesund

Es passt zum unterschiedlichen Körperbewusstsein von Männern und Frauen und zur unterschiedlichen Häufigkeit von Arztbesuchen, dass sich Männer laut Umfragen für gesünder halten als Frauen. In den vergangenen Jahren hat sich der subjektive Gesundheitszustand aber auch bei Frauen »gebessert«, wie etwa eine Untersuchung aus Österreich zeigt: Während 1983 nur 28% ihren Gesundheitszustand als »sehr gut« bezeichneten, waren es 1999 schon 32%. Bei den Männern ist der Anteil der subjektiv »sehr Gesunden«in diesem Zeitraum gleich geblieben und lag bei 36%. Interessant ist dabei der Hinweis, dass in Österreich doppelt so viele Frauen wie Männer Pflegegeld beziehen.

Beschwerden. 58,7% der österreichischen Frauen geben an, an mindestens einer gesundheitlichen Beschwerde zu leiden, bei den Männern waren es lediglich 53,1%. Frauen leiden deutlich häufiger unter mehreren Beschwerden: 17,1% der Frauen (gegenüber 11,8% der Männer) gaben in der österreichischen Untersuchung an, an vier oder mehr Beschwerden zu leiden. Hier ist freilich mit dem Alter auch eine Zunahme festzustellen. Und prinzipiell eine Annäherung der Geschlechter – vor etwa 15 Jahren war der Unterschied noch markanter. Bei beiden Geschlechtern ist also eine Zunahme von gesundheitlichen Beschwerden festzustellen, wobei Männer langsam »aufholen«. Auffallend ist dabei vor allem der starke Anstieg bei jüngeren Erwachsenen und sogar in der Altersgruppe der Unter-14-Jährigen. Hier werden vor allem zwei Ursachen vermutet: Das gestiegene Gesundheitsbewusstsein bzw. eine gestiegene Aufmerksamkeit gegenüber Körpersignalen sowie zunehmende stressbedingte Belastungen.

Gesundheitsvorsorge. Bei den geschlechtsspezifischen Vorsorgeuntersuchungen liegen Männer noch immer weit hinter den Frauen zurück. Doch Daten aus Wien zeigen auch, dass Männer den Wert einer Gesundheitsvorsorge durchaus zu schätzen wissen bzw. zu schätzen beginnen. So hat die Hälfte der Männer über 60 im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen schon einmal ihre Prostata untersuchen lassen (bei Pflichtschulabsolventen waren es ein Drittel, bei Akademikern mehr als die Hälfte).

 

Sozioökonomische Aspekte

Gesundheitszustand und Lebenserwartung werden ganz wesentlich von sozioökonomischen Faktoren mitbestimmt. Dazu gehören:

In diesem Zusammenhang ist es durchaus von Bedeutung, dass nach wie vor weniger Frauen als Männer der Oberschicht zuzurechnen sind. Je höher aber die soziale Schicht, umso besser die Gesundheit. In sozial schwachen Schichten wird von fast allen therapeutischen Arzneimitteln mehr verbraucht, in sozial besser gestellten Schichten ist der Konsum von vorbeugenden Präparaten deutlich höher.

Auch wenn dem Einkommen nicht der allergrößte Einfluss auf die Gesundheit bescheinigt wird, so ist er doch allemal beträchtlich, vor allem, wenn es mit anderen Einflussgrößen zusammenspielt. Hier sind Frauen eindeutig im Nachteil. So lag das Durchschnittseinkommen der Frauen in Österreich 1999 bei 67% der Männer, in Deutschland ist es ebenfalls um ein Viertel bis ein Drittel niedriger.


Quelle:

Zwei Gesundheitskulturen: Männer sind anders – Frauen auch. Univ.-Prof. Dr. Gabriele Fischer. MEDMIX 12/2006

Warum Frauen gesünder leben & Männer früher sterben; Gabriele Fischer; Beltz; ISBN: 978-3-407-22170-4

Die mobile Version verlassen