Lungenheilkunde im Nationalsozialismus

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Lungenheilkunde im Nationalsozialismus: Hitler hatte die Tuberkulose bereits 1919 als Metapher für sein antisemitisches Weltbild und „für den Juden allgemein“ gewählt.

Die Geschichte der Lungenheilkunde war lange Zeit von der Tuberkulose dominiert. In den 1920er- Jahren war der Tuberkulosefacharzt als eigene Disziplin im Gespräch, zahlreiche Zeitschriften, Bücher und Fachorganisationen führten die Tuberkulose in ihrem Namen. So auch die heutige Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), die, als „Vereinigung der Lungenheilanstaltsärzte“ gestartet, von 1926 bis 1964 Deutsche Tuberkulose-Gesellschaft (DTG) hieß und erst 1990 die Tuberkulose namentlich ablegte.

Hitler hatte die Volkskrankheit Tuberkulose bereits 1919 als Metapher für sein antisemitisches Weltbild und „für den Juden allgemein“ gewählt („Sein Wirken wird in seinen Folgen zur Rassentuberkulose der Völker“) und ihr den Kampf angesagt. Solange es kein Heilmittel gab, versuchte man, mit allen Mitteln der Prävention gegen die Krankheit vorzugehen. In der Zeit des Nationalsozialismus mündeten die Bemühungen in einem Katalog inhumaner Maßnahmen, die mit Eheverbot und Zwangseinweisung anfingen, Zwangsasylierung und Zwangsarbeit beinhalteten, zu tödlichen TB-Experimenten an Menschen führten und in gezielten Tötungen unheilbar erkrankter TB-Patienten gipfelten.

Die DGP holt nun eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Thema nach, die sie in früheren Publikationen ansatzweise begonnen hatte. Darin möchten wir die teilweise nur graduellen Verschiebungen im „Tuberkulose-Diskurs“ aufzeigen und wie diese zum Teil auf unmenschliche Art realisiert wurden. Denn was in der Weimarer Republik nur theoretisch diskutiert worden war, setzte der Nationalsozialismus rigoros in die Tat um. Es gilt zu klären, mit welchen Maßnahmen die NS- Gesundheitspolitik versuchte, den Kampf gegen die Tuberkulose zu gewinnen? Wie positionierten sich die Protagonisten der Lungenheilkunde und der Gesellschaft unter den veränderten Rahmenbedingungen – als Vorkämpfer, als Mitläufer oder „nur“ als schweigende Masse? Und wie eng war die „Zweckbeziehung“ zwischen NS-Regime und den Wortführern in Tuberkulosepraxis und Tuberkuloseforschung?

Auf diese Fragen hat die vom DGP-Vorstand eingesetzte Arbeitsgruppe gemeinsam mit zahlreichen Medizinhistorikern Antworten zu finden versucht: Antworten, die für zukünftige ideologische und ethische Umbrüche in der Medizin sensibilisieren und an die Verantwortung der Ärzteschaft gemahnen sollen. Im Einzelnen geht es um das NS-Gesundheitswesen und den Stellenwert der Tuberkulose in der damaligen Forschung, um Ausmaß und Umgang mit der Krankheit in der

Bevölkerung, um Strategien ihrer Bekämpfung im Öffentlichen Gesundheitsdienst, im Versicherungswesen sowie in der Wehrmacht, um Diskriminierung und Verfolgung bis hin zu Humanexperimenten an Tuberkulosepatienten, um das Verhalten von Organisationen und  Personen innerhalb der NS-Tuberkulosepolitik – und um die Vor- und Nachgeschichte. Auch werden die Einbettung des NS-Diskurses um die Tuberkulose im zeitgeschichtlichen Zusammenhang beleuchtet und die Kontinuitäten von Personen und Institutionen nachverfolgt.

Quelle:

Statement » Vorkämpfer, Mitläufer und die schweigende Masse: Lungenheilkunde im Nationalsozialismus« von. Professor Dr. med. Robert Loddenkemper, Berlin

Die genannten Themenschwerpunkte werden in einem über 300 Seiten starken Buch, das zum Kongress erscheint, ausführlich geschildert. Die dazugehörige Ausstellung „Die Lungenheilkunde und ihre Institutionen im Nationalsozialismus“ können Besucher vom 14. bis 17. März 2018 während des DGP-Kongresses in der Messe Dresden begutachten.

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