Liquid Profiling und molekulare Tumormarker

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Liquid Profiling und molekulare Tumormarker sind vielversprechende und für neue Therapien wichtige neue diagnostische Möglichkeiten für Krebspatienten.

Die Tumordiagnostik basierte bis vor kurzem auf der Biopsie sowie dem Nachweis klassischer Tumormarker im peripheren Blut. In den letzten Jahren kommen neue Methode dazu. Das sogenannte Liquid Profiling beruht auf dem Nachweis von im Blut zirkulierenden Zellen oder DNA solider Tumoren. Es ist hinsichtlich der Suche nach bestimmten Mutationen beim nichtkleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) bereits klinische Routine und steht beim Darmkrebs kurz davor. Ein weiterer Fortschritt sind sogenannte molekulare Tumormarker.

 

Liquid Profiling  im klinischen Alltag

Das Prinzip des Liquid Profiling funktioniert als Forschungsmethodik bereits einige Jahre sehr zuverlässig. Die aktuellen Herausforderungen bestehen nun darin, das Verfahren im Alltag einzugliedern und zu etablieren. Dazu gehört u.a. die Identifizierung geeigneter Nachweissysteme und deren Standardisierung, um ähnliche Sensitivitätslevel wie mit bioptischen Verfahren zu erreichen.

Derzeit stehen verschiedene Systeme wie etwa die Gensequenzierung oder die digitale PCR (Polymerase-Kettenreaktion) auf dem Prüfstein. In Graz wurden beispielsweise Blutproben von rund 60 Patienten parallel mit zwei unterschiedlichen Methoden (spezielle PCR und digitale PCR) untersucht. Dabei wurde verglichen, inwieweit die Testergebnisse übereinstimmen bzw. die sensitivere und aufwändigere digitale PCR genauere Diagnosen ermöglicht.

 

Liquid Profiling als schonende Verlaufskontrolle

Bisher wurde Liquid Profiling in erster Linie eingesetzt, um herauszufinden, ob bestimmte Mutationen vorhanden sind oder nicht, und darauf mögliche Therapieentscheidungen aufzubauen. Mittlerweile wird diese Methode jedoch zunehmend zur schonenden Verlaufskontrolle verwendet – also in einem Krankheitsstadium, in dem eine herkömmliche Biopsie nicht mehr durchgeführt wird, sei es, weil sie für den Patienten zu belastend ist oder bereits multiple Metastasen vorhanden sind.

Durch Liquid Profiling ist es einerseits möglich, zu überprüfen, ob neue Mutationen entstanden sind. Andererseits lässt sich feststellen, ob existierende Mutationen, die beispielsweise den Einsatz eines bestimmten Medikaments verboten haben, im Laufe einer Behandlung verschwunden sind. Dies kann die Möglichkeit eröffnen, eine neue Therapieoption einzusetzen oder aber ein bereits verwendetes Mittel erneut zur Anwendung zu bringen.

 

Beispiel Darmkrebs

Beim Darmkrebs wird häufig ein EGFR-Antikörper solange eingesetzt, bis der Tumor weiterwächst bzw. die Erkrankung fortschreitet. Meistens geht diese Therapieresistenz mit einer sogenannten RAS-Mutation einher. In Studien konnte mittels Liquid Profiling festgestellt werden, dass diese Mutation bei Patienten, die einige Monate eine andere Therapie erhalten, wieder verschwinden kann. In diesen Fällen besteht nun die Option, den EGFR-Antikörper erneut zu verabreichen.

 

Zukunftsperspektiven

Neben NSCLC und Darmkrebs könnte auch Brustkrebs in absehbarer Zeit zu einem Einsatzgebiet von Liquid Profiling werden. Allerdings stehen aktuell erst wenige Medikamente zur Verfügung, bei denen diese Testung Sinn macht. Derzeit wird üblicherweise so vorgegangen, dass zuerst ein bei einer bestimmten Krebsart wirksames Medikament entwickelt wird und erst im Anschluss die dazu passende Diagnostik. Damit kann geprüft werden, ob ein individueller Patient für diese bestimmte Therapie besonders empfänglich ist und ein hohes Ansprechen zu erwarten ist oder ob er im Gegenteil sogar resistent dagegen ist.

Letztendlich wird Liquid Profiling vermutlich für fast alle Krebsarten eine Rolle spielen. Die Etablierung der Methode erfolgt jedoch schrittweise, weil auch die neuen Arzneimittel nur nach und nach in die Therapie eingeführt werden.

Grundsätzlich liegen die Kosten für eine einmalige Liquid Profiling-Untersuchung bei einigen hundert Euro. Bei Kontrollen im Vier- bis Acht-Wochen-Intervall summieren sich die Kosten naturgemäß. Allerdings ist nach aktuellem Wissensstand davon auszugehen, dass diese Beträge das Gesundheitssystem nicht wesentlich belasten, weil durch diese Tests unnötige oder unwirksame Medikamente, die üblicherweise sehr teuer sind, eingespart werden können.

 

Gesamtüberblick genetischer Veränderungen

Grundsätzlich könnte Liquid Profiling auch einen Gesamtüberblick über genetische Veränderungen erlauben.
Ein Routineeinsatz ist jedoch auf diesem Gebiet noch nicht möglich, weil die Fülle an Informationen noch sehr
schwer zu interpretieren ist. Längerfristig wird jedoch durchaus darüber nachgedacht, ob Liquid Profiling – in
Zusammenschau mit Familienanamnese, Lebensstil etc. – zur Tumorfrüherkennung verwendet werden könnte.

 

Molekulare Tumormarker

Die klassischen Tumormarker konnten leider in den letzten Jahren keine bahnbrechenden Erfolge mehr bringen. Derzeit laufen Forschungsaktivitäten an zirkulierenden Tumorzellen, wobei hier nicht nach DNA gesucht wird, sondern die Tumorzellen selbst. Von einer Routineanwendung ist man jedoch noch relativ weit entfernt. Grundsätzlich liegt auf dem Gebiet der Tumormarker der Fokus nicht mehr auf der Suche nach klassischen prognostischen Markern, weil sie wenig Hilfestellung für die konkrete Therapiewahl bieten.

Vielmehr steht nun die Identifikation therapieassoziierter Tumormarker im Vordergrund. Diese sollen vor Einleitung einer Behandlung einen Hinweis darauf liefern, ob eine spezielle Behandlung bei einem individuellen Patienten wirksam sein wird oder nicht. Der Trend geht dahin, dass molekulare Marker mit einer bestimmten Therapie assoziiert sind und bei der Entwicklung eines Medikaments wie z.B. Biologika von den Herstellerfirmen bereits im Rahmen von Studien mitbeforscht werden.

Dieses Procedere macht insofern auch Sinn, als dabei bereits eine Selektion von Patienten stattfindet, welche besonders gut oder schlecht auf ein Arzneimittel ansprechen. Damit werden auch wesentliche Schritte in Richtung personalisierter Medizin unternommen.

In Zukunft wird es dadurch zunehmend möglich sein, einen individuellen Patienten nicht nur nach der Grunderkrankung – beispielsweise Brustkrebs – zu therapieren, sondern maßgeschneidert nach den Eigenschaften und Mutationen des vorliegenden Tumors. Durch diese gezielte Strategie werden sich deutlich höhere Erfolgsraten erzielen lassen als noch vor wenigen Jahren.

Quelle:

Liquid Profiling und molekulare Tumormarker als neue diagnostische Möglichkeiten für Krebspatienten. Assoz.-Prof. Univ.-Doz. Mag. Dr. Wilfried Renner, Medizinische Universität Graz, Klinisches Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik. Anlässlich der 7. Jahrestagung, im November 2018 in Salzburg, Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin und Klinische Chemie (ÖGLMKC).

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