Leichte kognitive Störung – eine Vorstufe zu Alzheimer

Leichte kognitive Störung – mit Minderung von Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit oder Denkvermögen – stellt ein Hochrisiko für Alzheimer © naeblys / shutterstock

Eine leichte kognitive Störung, Mild Cognitive Impairment, mit verminderter Gehirnleistung gilt als Hochrisiko und Vorstufe für Alzheimer und ­anderen Demenzen.

Die leichte kognitive Störung, Mild cognitive impairment, MCI, ist ein uneinheitliches Syndrom, das durch Minderung von Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit oder Denkvermögen gekennzeichnet ist. Die leichte kognitive Störung kann über altersbedingte Leistungsverluste hinausgehen, aber dennoch nicht den Grad einer Demenz beziehungsweise von Alzheimer erreichen. In 12 bis 15% pro Jahr schreitet sie zur Demenz fort, bleibt aber mitunter unverändert oder bildet sich sogar zurück.

Übrigens konnten jüngste Studien zeigen, dass das Geschlecht ein unterschiedliches Risiko für die Inzidenz und Prävalenz der Alzheimer-Krankheit birgt. Das ist vermutlich auf die längere Lebensdauer von Frauen im Vergleich zu Männern zurückzuführen ist. Im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz konnte man aber bei leichten kognitiven Störungen beziehungsweise Mild cognitive impairment keine geschlechtsspezifischen Unterschiede entdecken.

Im Grunde genommen weisen neuropsychologische, biochemische, bildgebende und morphologische Befunde vor allem die amnestische Form bei kognitiven Störungen als Frühstadium der Alzheimer-Krankheit aus. Um effektive Strategien zur Vorbeugung und Behandlung von Alzheimer und Ddemenz entwickeln zu können, sollten bei den Zielgruppen zukünftig die Anamnese in Blickpunkt gerückt werden.

 

Leichte kognitive Störung früh erkennen

Die Früherkennung kognitiver Leistungsstörungen als entscheidende Grundlage für erfolgreiche Vorbeugungs- und Behandlungsmöglichkeiten hat in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt. Als leichte kognitive Störung wird eine ätiologisch, psycho­pathologisch und prognostisch uneinheitliche Gruppe erworbener Zustände der Minderung von Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit oder Denkvermögen bezeichnet, die über altersbedingte Leistungseinbußen hinausgehen, aber nicht den Grad einer Demenz erreichen. Die diagnostischen Kriterien sind in Tabelle 1 zusammengefasst.

Epidemiologie und Konversion zur Demenz. Je nach der vorherrschenden Störung unterscheidet man:

  1. eine amnestische Form, gekennzeichnet durch umschriebene Störungen der Merkfähigkeit (besonders des episodischen Gedächtnisses),
  2. eine nicht-amnestische und
  3. zahlreiche kognitive Leistungen umfassende Formen.

Ihre Prävalenz wird je nach Definition auf 5–17% in der Bevölkerung über 65 Jahre und auf rund 30% der über 75-Jährigen geschätzt. Der Beginn ist meist schleichend. Personen mit MCI haben gegenüber kognitiv gleichaltrigen Gesunden ein höheres Risiko der Entwicklung einer Demenz im Sinne der Alzheimer-Krankheit (AK), vaskulärer und Mischtypformen oder anderer Demenzen.

Während nur 3–5% kognitiv intakter Senioren pro Jahr eine Demenz entwickeln, beträgt die Übergangsrate bei MCI-Patienten 12–23% pro Jahr, am häufigsten bei amnestischen und multiple Domänen erfassenden Formen.

Eine kognitive Beeinträchtigung ist jedenfalls mit einer verminderten Lebensqualität verbunden, wobei bislang nur wenige Studien die Auswirkungen einer komorbiden Sarkopenie untersucht haben. Allgemein gilt, dass häufig bei Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen auch an einer Sarkopenie leiden.

 

Ursachen und Pathologie

Die Ursachen für eine deichte kognitive Störung sind uneinheitlich. Morphologisch zeigt die Mehrzahl der Patienten mit amnestischer MCI Frühveränderungen der AK (extrazelluläre Ablagerungen von ß-Amyloidpeptid im Hirngewebe sowie von hyperphosphoryliertem Tau-Protein in Nervenzellen und ihren Fortsätzen – Neurofibrillenbündel, Neuropilfäden – sowie in neuritischen Plaques; Synapsen- und Nervenzellverlust mit Hirnatrophie).

Gegenüber altersgleichen Kontrollen ohne kognitiven Einbußen besteht eine deutliche Zunahme von neuritischen Plaques und Neurofibrillendegeneration in der Großhirnrinde, besonders im Scheitellappen, und im Mandelkern.

Signifikante Beziehungen bestehen zwischen Gedächtnisminderung und Zahl der Fibrillenveränderungen in entorhinaler Rinde und Hippokampus, den bei Alzheimer initial betroffenen Regionen. Früheste Veränderungen sind subtile Funktionsstörungen von Synapsen in diesen für die Gedächtnisverarbeitung wichtigen Hirn­arealen noch vor eindeutigen Nervenzellschäden, Ablagerungen von Amyloid oder Neurofibrillendegeneration.

Gegenüber einer frühen Alzheimer-Krankheit unterscheiden sich MCI-Fälle durch geringere Dichte neuritischer Plaques in limbischen Regionen (Mandelkern, Subikulum) sowie von Fibrillenveränderungen in zahlreichen limbischen und Neokortexarealen, nicht aber durch die Dichte von Amyloid-Plaques, die bei vielen kognitiv intakten älteren Menschen vorliegen. Damit entspricht nach jüngsten Untersuchungen die Mehrzahl der Patienten mit amnestischer MCI einem frühen Stadium der Alzheimer-Krankheit.

Die Konversion von MCI zur Demenz hängt vom Schweregrad der lokalen Alzheimer-Pathologie ab, wobei dem Befall von Entorhinalrinde und Hippokampus eine Schwellenfunktion zukommen dürfte. Da 10–15% aller kognitiv intakten Senioren alle morphologischen Merkmale einer Alzheimer-Krankheit aufweisen und 9–12% praktisch keine Alzheimer-Läsionen zeigen, kann die Abgrenzung zur Demenz schwierig sein.

Mitunter finden sich multiple kleine (lakunäre) Infarkte in Stirnlappen und Stammganglien sowie kortikale Lewy-Körper, häufig auch Schäden im subkortikalen Marklager. Auch andere degenerative oder sonstige Ursachen können bestehen.

 

Diagnostische Verfahren

Verfahren der strukturellen und funktionellen Bildgebung sind zur Früherkennung der Alzheimer-Krankheit wichtig. Die Magnetresonanztomographie (MRI) zeigt Volumenabnahme des Hippokampus von 8–15% im Vergleich zu gesunden Kontrollen, aber deutlich geringer als bei Alzheimer-Krankheit.

Volumetrische Messungen des mediobasalen Schläfenlappens und des Hippokampus gestatten eine Abgrenzung zu Kontrollen und Alzheimer-Krankheit. Frühester Indikator für eine Konversion von MCI zu Demenz ist eine umschriebene Atrophie der Entorhinalrinde.

Gedächtnisstörungen ohne sonstige kognitive Einbußen zeigen frühe Atrophie des linken Hippokampus, während Nervenzellverlust im rechten Amygdala-Hippokampus mit deklarativen Gedächtnisstörungen korrelieren.

Verlaufskontrollen der Atrophie-Entwick­­lun­­­­g sowie Messung von Durchblutung und lokalem Glukosestoffwechsel mittels Single Photon Emmissionstomographie (SPECT) und Positronenemissionstomographie (PET) sind wichtige Prädiktoren für die Konversion von MCI zur Demenz bzw. Progression der Alzheimer-Krankheit.

Mittels MRT nachweisbare Mark­lagerveränderungen (white matter lesions) treten bei normalen Senioren und früher Atrophie häufig ohne Beziehung zu kognitiven Störungen auf, können jedoch gemeinsam mit zerebralen Durchblutungsstörungen und frühen Alzheimer-Läsionen im Schläfenlappen zu geistiger Beeinträchtigung führen.

 

β-Amyloid und Tau-Protein

Die Diagnostik wird durch biochemische Untersuchungen des Liquor cerebrospinalis unterstützt, die bereits bei MCI beziehungsweise Frühstadien der Alzheimer-Krankheit eine deutliche Konzentrationserhöhung des Tau-Proteins als Hinweis auf Nervenzellschäden im Gehirn und eine Abnahme des β-Amyloids durch dessen Ablagerung im Hirngewebe anzeigt.

Die Kombination von biologischen Markern im Liquor und bildgebenden Verfahren erhöht die bisher etwa 90%-ige diagnostische Treffsicherheit für die Alzheimer-Krankheit. Die nichtinvasive Identifizierung von Amyloid-β  ist jedenfalls wichtig für ein besseres klinisches Management von Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI). Denn radiomische Modelle aus der MRT könnten hierzu beitragen, den Amyloid-β 42-Status der Liquor cerebrospinalis vorherzusagen und die Patienten möglicherweise auf invasive und kostspielige Aβ-Tests zu untersuchen.

In der Routinediagnostik ist zwar die Liquoruntersuchung als invasive Methode (Lumbalpunktion) verzichtbar, hat aber für die Abklärung der Diagnose sowie zu wissenschaftlichen Zwecken bei Einwilligung des Patienten große Bedeutung. In ihrer diagnostischen Wertigkeit noch ungeklärt ist die Bestimmung des β-Amyloidgehaltes im Plasma, das vor beziehungsweise in frühen Phasen der Alzheimer Demenz erhöht ist und danach absinkt, doch wird sein Gehalt von Begleiterkrankungen (wie Diabetes mellitus) und bestimmten Medikamenten beeinflusst.

 

Leichte kognitive Störung behandeln, Maßnahmen gegen Alzheimer und andere Demenzen

Wie man die leichte kognitive Störung behandeln sollte, ist bislang wenig bekannt. Es gibt nur ungenügende Erfahrungen und widersprüchliche Meinungen. Zum Einsatz kommen zahlreiche alternative pflanzliche und orthomolekulare Substanzen, wobei es keinen klinischen Nachweis für eine Wirksamkeit gibt.

Beispielhaft werden hier die B-Vitamine, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin C und E, Zink und Selen genannt. Doch es gibt zahlreiche weitere Empfehlungen.

Phytotherapeutisch kommt beispielsweise Ginkgo, Ginseng, Lecithin und die Taigawurzel sowie homöopathische Zubereitungen zum Einsatz.

Zu den wichtigen nichtmedikamentösen Behandlungsstrategien zählen u.a. ein Gedächtnistraining und die Schaffung eines »enriched environment«. Also einer Umgebung, die regelmäßige und angepasste cerebrale Leistungen erfordert. Ohne den Patienten zu überfordern oder reaktiv zu deprimieren.

Die leichte kognitive Störung ist ein Hochrisiko für die Entwick­lung von Alzheimer und anderer Demenzen. Diese sollte man dann in Bezug auf Verlauf und Therapiebeginn engmaschig kontrollieren. Das MCI-Syndrom steht heute im Mittelpunkt der neurowissenschaftlichen Forschung mit dem Ziel der Früherkennung als Grundlage für ­eine wirksame Vorbeugung, ­Risikominderung und effektive Behandlung.

 

Mentale Zeitreise

Eine mentale Zeitreise (Mental Time Travel, MTT) ist die Fähigkeit der Menschen, sich an die Vergangenheit zu erinnern und diese in die Zukunft zu projizieren. Das soll wichtige Lebensbereiche wie das Treffen von Entscheidungen und das Planen zukünftiger Maßnahmen beeinflussen. Es ist allgemein anerkannt, dass MCI-Patienten kognitive Defizite im episodischen Gedächtnis sowie Beeinträchtigungen im semantischen Gedächtnis aufweisen.

Eine rezente Studie untersuchte, ob Patienten mit leichter kognitiver Störung bei der Erzeugung einer mentalen Zeitreise beeinträchtig sind. Dazu analysierten die Forscher, wie genau die Patienten einzelne Details wiedergaben. Es zeigte sich, dass die Patienten, die eine leichte kognitive Störung hatten, auch Probleme hatten, eine mentale Zeitreise im Detail zu produzieren. verbreitete Defizite. Dabei hatten sie vor allem Defizite bei komplexen und vielfältigen kognitiven Aufgaben.


Literatur:

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Quelle: Leichte kognitive Störung – eine ­Vorstufe der Alzheimer-Krankheit, Univ.-Prof. Dr. Kurt A. Jellinger. MEDMIX 4/2006

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