Kopfschmerzen und Migräne ernster nehmen

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Kopfschmerzen und Migräne sind weit verbreitete neurologische Erkrankungen, werden aber nach wie vor häufig unterschätzt und unzureichend behandelt.

Experten wollten Anfang September mit dem Europäischen Kopfschmerz- und Migränetag die Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger auf Kopfschmerzen und Migräne – einer Gruppe von neurologischen Erkrankungen – aufmerksam machen, auch um über die Bedeutung von akkurater Diagnostik und effektiver Behandlung zu informieren und auf bestehende Defizite in der Versorgung von Kopfschmerz- und Migräne-Patienten hinzuweisen.

 

Global Burden of Neurological Disease

Daten der WHO zufolge gehören Spannungskopfschmerz und Migräne zu den zweit- und dritthäufigsten Erkrankungen weltweit. Die Global Burden of Neurological Disease-Studie [1] liefert darüber hinaus wichtige Informationen zur Dimension des Problems. Neurologische Erkrankungen insgesamt sind etwa für ein Zehntel der von Menschen in Krankheit und mit Einschränkungen und Beschwerden verbrachten und verlorenen Lebensjahre (DALY) verantwortlich.

Innerhalb dieser Gruppe von Erkrankungen wiederum nehmen Kopfschmerzen und Migräne die Spitzenplätze ein – noch vor Demenzerkrankungen. Spannungskopfschmerz als häufigste Kopfschmerzform belastet 1,5 Milliarden Menschen, an wiederkehrenden Migräne-Attacken leiden rund 986 Millionen Menschen weltweit. 58,5 Millionen Menschen leiden an Schmerzmittel-bedingten Kopfschmerzen, häufig aufgrund lang andauernder Selbstmedikation.

Auch österreichische Daten zeigen, welches Problem chronische Kopfschmerzen darstellen:[2] So litten etwa 56,4 Prozent der befragten Patienten an episodischen Kopfschmerzattacken, 38,3 Prozent an chronischen Beschwerden. 79 Prozent der Betroffenen sind dieser Untersuchung zufolge Frauen – ähnlich wie in internationalen Studien. Mit einem Anteil von 45,5 Prozent stellten Migränepatienten die größte Gruppe von Betroffenen dar. Die Häufigkeit von Spannungskopfschmerzen lag bei 6,3 Prozent.

Trotz dieser deutlichen Fakten bestehen gegenüber Kopfschmerzen erhebliche Vorurteile und Missverständnisse. Kopfschmerzen und Migräne werden häufig nicht als ernst zu nehmende chronisch wiederkehrende Erkrankung wahrgenommen. Sie bedürfen jedoch einer fundierten und möglichst früh einsetzenden Behandlung.

 

Versorgungsnetz mit Lücken

Problematisch ist aber auch die Versorgungssituation. Was wir für diese große Zahl an Betroffenen brauchen, ist eine abgestufte und koordiniert funktionierende Versorgung der Kopfschmerz- und Migränepatienten, die von den Hausärzten als zumeist erste Ansprechpartner der Betroffenen über niedergelassene Neurologen bis hin zu einer ausreichenden Zahl spezialisierter Zentren reicht – wovon derzeit in Österreich allerdings nicht die Rede sein kann. Die Zusammenarbeit zwischen Primärversorgern, Spezialisten und Spezialeinrichtungen ist wichtig, um Patienten möglichst niederschwellig im Alltag und möglichst schnell von Spezialisten im Bedarfsfall zu versorgen.

Dafür, dass wir mehr Spezialversorgung brauchen würden, gibt es gute Gründe: Das Know-how von Spezialisten und Spezialeinrichtungen ist für die adäquate Versorgung von chronischen Kopfschmerz- und Migränepatienten wesentlich, damit rasch eine präzise Diagnose gestellt wird, mit einem sinnvollen, aber nicht überbordenden Einsatz bildgebender Untersuchungen, und die Erkrankung von anderen potenziellen Krankheitsbildern abgegrenzt wird. Wichtig ist aber auch die korrekte Einschätzung von Komorbiditäten – immerhin wiesen in der bereits erwähnten österreichischen Erhebung etwa ein Drittel der befragten Patienten zusätzlich Anzeichen einer Angststörung und ein Viertel Hinweise auf eine Depression auf.

Problematisch ist auch das verbreitete Auseinanderklaffen zwischen Experten-Empfehlungen und der Praxis. So hat eine Erhebung in acht österreichischen Kopfschmerzzentren[3] gezeigt, dass viele Patienten vor der Überweisung in ein spezialisiertes Zentrum keine ausreichende Therapie erhalten haben. Triptane als spezifische Mittel zur Akuttherapie wurden nicht mehr als 6 Prozent der Erwachsenen mit Migräne verordnet, viele Migränebetroffene bekommen also keine ausreichend wirksame Therapie.

Mit Aktionen wie dem Europäischen Kopfschmerz- und Migränetag wollen wir also über den Stellenwert von Kopfschmerz und Migräne und die Notwendigkeit einer kompetenten Behandlung aufklären und Betroffenen eine wichtige Botschaft mitgeben: Immer dann, wenn wiederkehrende Kopfschmerzen mit eigenen Maßnahmen nicht ausreichend beherrschbar sind und die Kopfschmerzen Alltagsaktivitäten beeinträchtigen oder unmöglich machen, sollte ärztliche Hilfe gesucht werden. Spezialisten für die Behandlung von Kopfschmerzen sind die Fachärzte für Neurologie.

Literatur:

[1] Global, regional, and national burden of neurological disorders during 1990-2015: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015. Lancet Neurol 2017 Nov;16(11):877-897. doi: 10.1016/S1474-4422(17)30299-5. Epub 2017 Sep 17.

[2] Zebenholzer et al, Prevalence, management and burden of episodic and chronic headaches–a cross-sectional multicentre study in eight Austrian headache centres. J Headache Pain. 2015;16:531

[3] Zebenholzer K, Gall W, Wöber C. Triptan use and overuse in Austria – a survey based on nationwide sickness healthcare claims data. 18th Congress of the International Headache Society, Vancouver 2017


Quelle:

Statement » Kopfschmerzen und Migräne: Weit verbreitet, häufig unterschätzt und unzureichend behandelt « von Prim. Univ.-Prof. Dr. Mag. Eugen Trinka, FRCP, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN); Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie, Christian Doppler Universitätsklinik Salzburg zum Europäischen Kopfschmerz- und Migränetag 2018

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MEDMIX Online-Redaktion

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