Körperliches Training bei Diabetes Typ 2 als wichtige Behandlung

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Körperliches Training bei Diabetes Typ 2 soll helfen, Körpergewicht abzubauen. Es gehört wie die Patientenschulung zu den wichtigsten Maßnahmen bei Diabetes.

Wie bei jedem Medikament, muss auch körperliches Training bei Diabetes Typ 2 richtig dosiert sein. Wenn man damit einen medizinischen Effekt erzielen will, gibt es ähnliche Probleme. Denn wenn zu wenig trainiert, bleibt der gewünschte Effekt aus. Wenn man aber zuviel trainiert, dann droht eine Überforderung. Dadurch können im Extremfall sogar schwerwiegende Folgen auftreten. Und zwar von der Unterzuckerung bis hin zum diabetischen Koma.

Unter dem Strich gehören die umfassende Patientenschulung mit effektiver Gesundheitsinformation sowie Ernährung und Bewegung zu wichtigsten Maßnahmen. Hierzu zeigen rezente Daten der SHINE-Studie (2-jährige Diabetes Prevention Programm-Untersuchung), dass die Selbstmotivation ein große Bedeutung hat. Eine aktuelle große asiatische Metaanalyse zeigte wiederum, dass eine optimierte, gesunde Ernährung und körperliches Training Patienten mit Diabetes Typ 2 auf jeden Fall nutzen. Und zwar sogar dann, wenn die Änderung des Lebensstils nur bescheidene Auswirkungen auf die erhoffte Verringerung des Körpergewichts bringt.

 

Körperliches Training bei Diabetes Typ 2  richtig gemacht

Im Grunde genommen ist es aber auch wichtig, dass man Körperliches Training bei Diabetes Typ 2  richtig und individuell definiert. Denn hier gibt es sehr vielschichtige Ansätze – von der Gartenarbeit bis zum Marathonlauf. Wenn nun der Arzt eine sportlichen Tätigkeit empfiehlt, dann spricht man von einer medizinischen Trainingstherapie.

Vor allem auch bei Diabetes Typ 2 empfehlen Experten als körperliches Ausdauertraining ein sogenanntes extensiven aeroben Ausdauertraining. Das ist eine exakte Quantifizierung des Trainings mit vier Messgrößen. Dazu gehören Intensität, Dauer, Häufigkeit und wöchentliche Trainingsnettozeit.

 

Intensität der Belastung

Das ist die während eines Trainings angewandte Belastung bezogen auf die individuelle maximale Leis­tungsfähigkeit, d.h. jene Leis­tung, die man nach maximaler Belastung z.B. am Fahrradergometer ermittelt. Der Schwellenwert ist dabei 50%, wobei beim extensiven Ausdauertraining ein Intensitätsbereich von 55%–70% anzustreben ist. Die Trainingsherzfrequenz lässt sich am Besten durch einen Pulsfrequenzmesser kontrollieren.

 

Belastungsdauer

Unter der Belastungsdauer versteht man die Zeit, in der der Betroffene ein Training wirksam mit ausreichender Intensität ausübt. Zu Trainingsbeginn sollte man eine Dauer von mindestens zehn Minuten erreichen. Wobei die Aufwärmzeit nicht dazuzählt. Das zeitliche Außmaß der Trainingsperiode ist dann nach oben offen. Denn wenn das Training mit richtiger Intensität zu kurz isz, dann kann man keinen gewünschten Trainingseffekt erzielen.

 

Häufigkeit des Trainings

Unter der Häufigkeit versteht man die Anzahl der Trainingseinheiten, die pro Woche mit richtiger Intensität und Dauer durchgeführt werden. Auch hier gibt es wieder ein Mindestmaß, nämlich zwei Trainingseinheiten pro Woche. Sollte auch hier das Minimum von zweimal pro Woche nicht erfüllt werden, wird der gewünschte Trainingseffekt ausbleiben. Mit fortlaufender Trainingsdauer kann die Häufigkeit auf drei- bis viermal pro Woche erhöht werden.

 

Wochentrainingszeit bei

Unter der wöchentlichen Nettotrainingszeit (WTNZ) versteht man die Summe der Trainingszeiten, die innerhalb einer Woche mit richtiger Intensität (also mit einer Trainingsherzfrequenz von mindestens 50% der maximalen Leistungsfähigkeit), mit richtiger Dauer (mindestens 10 Minuten) und ausreichender Häufigkeit (also mindestens 2x/Woche) absolviert worden sind. Sollte auch nur eine der drei Voraussetzungen nicht erfüllt werden (z.B.: man konnte diese Woche aus beruflichen Gründen nur einmal trainieren, auch wenn man dies dann doppelt solange, bzw. besonders intensiv durchgeführt hat), bleibt der gewünschte Trainingseffekt aus.

Wird jetzt eine angemessene Wochentrainingszeit 6–8 Wochen lang eingehalten, so ist der maximal mögliche Effekt erreicht und es kann bei Beibehaltung dieses Trainingsprogramms keine weitere Steigerung der Leistungsfähigkeit erzielt werden.

Wenn man eine weitere Steigerung der Leistungsfähigkeit anstrebt, so sollte man die wöchentliche Nettotrainingszeit um 25–50% erhöhen. Wobei das einer Erhöhung der Trainingszeit um 5 min/pro Trainingseinheit entspricht. Dies ist dann solange möglich, bis der Diabetiker entweder die individuell angestrebte Leistungsfähigkeit erreicht. Oder er die für sportliche Tätigkeit verfügbare Zeit erschöpft hat.

Eine weitere Regel in der Sportmedizin ist die Angemessenheit des Trainings: Man muss bei der wöchentlichen Nettotrainingszeit darauf achten, dass eine ausreichende Erholungs- und Regenerationszeit eingehalten wird. Allgemein gilt: Ist die wöchentliche Nettotrainingszeit gering, ist nur eine geringe Regenerationszeit notwendig, ist sie hoch, bedarf es einer längeren Erholungsphase. Als abschließende Regel sei hier die notwendige Ganzjährigkeit des Trainings zu erwähnen. Jede Unterbrechung der Trainingsphase, bzw. ein Reduzieren der wöchentlichen Nettotrainingszeit hat eine Verminderung, bis den Verlust der erreichten Leis­tungsfähigkeit zur Folge.

 

Krafttraining als zusätzliches körperliches Training bei Diabetes Typ 2, aber auch Typ 1

Auch bei der Durchführung von Krafttraining zur Verbesserung der Muskelkraft und der Erhöhung der Muskelmasse sollte man gewisse Regeln einhalten. Ebenso ist auf Intensität, Dauer und Häufigkeit zu achten. Eine praktikable Trainingsempfehlung: Wird Krafttraining an Fitnessgeräten durchgeführt, sollte zuerst eine Aufwärmphase von zehn Minuten mit leichten Gewichten erfolgen.

In den ersten zwei Wochen kann man das Trainingsgewicht für jeden Muskel so wählen, dass sich die Muskulatur einerseits an die neue Bewegung gewöhnen kann. Andererseits sollte man auch in der Lage sein, die Übungen korrekt durchzuführen. Hierzu erhält man am besten Anweisungen durch einen Trainer.

 

Pro Woche und pro Muskel drei Sätze

Später sollte man die Trainingsgewichte für jeden trainierten Mus­kel so wählen, dass 10 bis 15 Wiederholungen bei der gleichen Übung möglich sind. Dabei spricht man von einem Satz. Wenn mehr als 15 Wiederholungen möglich sind, sollte man das Trainingsgewicht steigern. Insgesamt sollen pro Woche und pro Muskel drei Sätze (zu je 10–15 Wiederholungen) durchgeführt werden.

Mit fortlaufender Zeit und Gewöhnung an die Fitnessgeräte kann man die Anzahl der Sätze pro Woche für jeden einzelnen Muskel auf 4–6 erhöhen.Für ein ausgewogenes Krafttraining sollte man mindestens sechs Muskelgruppen trainieren (Schulter und Brust, Bauch und Beine).

 

Körperliches Training bei Diabetes Typ-1

Selbstverständlich darf und soll ein Typ-I-Diabetiker sämtliche sportliche Aktivitäten wie bereits für Diabetes Typ-II-Patienten erwähnt durchführen, solange eine gute Stoffwechselkontrolle gewährleistet ist. Die Möglichkeit, das therapeutische Regime (die meisten sporttreibenden Typ-I-Diabetiker absolvieren eine funktionelle Insulintherapie) jederzeit verändern zu können, erlaubt fast jede sportliche Aktivität mit unterschiedlichster Intensität.

Sehr wichtige Rollen spielen die Selbsterkenntnis und eine genau durchgeführte BZ-Dokumentation bei jedem einzelnen Patienten. Durch die individuell unterschiedlichen Reaktionen des Blutzucker-Spiegels auf unterschiedliche körperliche Belastungen bei jedem Einzelnen ist durch eine genaue Dokumentation ein Lernen und Verbessern der BZ-Werte möglich.

 

Wichtige Regeln bei Diabetes Typ 1

Als häufigste Komplikation steht die Hypoglykämie, die während, aber auch mehrere Stunden nach der körperlichen Belastung auftreten kann, im Vordergrund. Deshalb sollten Typ-I-Diabetiker folgende Faustregeln beachten:

  • Bei BZ < 100 mg/dl eine extra Broteinheit (BE) vor Sportbeginn. n Bei BZ zwischen 100 und 250 mg/dl kann die Sportfähigkeit als gegeben angesehen werden.
  • Bei BZ > 250–300 mg/dl sollte man den Harn mit einem Harnstick auf Ketone untersuchen. Wenn das Harnketon positiv ist, dann sollte man die sportliche Aktivität verschieben und zunächst Insulin verabreichen.
  • Bei BZ-Werten über 250–300 mg/dl (= Zustand des Insulinmangels) kommt es beim Training zu einer Zunahme des BZ-Spiegels und der Ketonkörper im Blut mit Gefahr des Ketoazidotischen Komas.

Um den Körper vor dem Training nicht unnötig zu belasten, sollten Patienten auf üppige Mahlzeiten verzichten. Für Sportler ist es empfehlenswert eine der körperlichen Aktivität angepasste, leicht verdauliche Kost zu sich zu nehmen. Die großen Hauptmahlzeiten sollten mindestens drei Stunden zurückliegen. Ist eine sportliche Aktivität von hoher Intensität, bzw. längerer Dauer (> 60 min) geplant, sollten folgende zusätzliche Broteinheiten eingenommen werden:

  • Bei BZ 80 mg/dl zusätzlich 3–4BE,
  • bei BZ von 80–150 mg/dl 2 BE.

 

Insulin reduzieren

Wird das sportliche Training bei Diabetes für einen längeren Zeitraum geplant, ist eine Reduktion der Insulintherapie zu empfehlen (sowohl im Basal- als auch im Bolus-Insulinbereich [30–60%]). Auch während und nach – vor allem länger dauernder – sportlicher Betätigung sind Blutzuckerkontrollen durchzuführen. Denn auch nach dem Sport nehmen die Muskel vermehrt Glucose auf. Deswegen gilt Vorsicht vor nächtlichen Hypoglykämien nach Sport.

Übrigens ist auch Leistungssport mit der Diagnose Diabetes mellitus möglich. Der Schwimmer Gary Hall, ein Diabetes mellitus Typ-I-Patient, war beispielsweise bei den olympischen Sommerspielen in Sydney sehr erfolgreich. Denn er gewann eine Goldmedaille sowie und schaffte in der Staffel einen Weltrekord.

Literatur:

Jenum AK. Effects of dietary and physical activity interventions on the risk of type 2 diabetes in South Asians. Meta-analysis of individual participant data from randomised controlled trials. Diabetologia. 2019 Aug;62(8):1337-1348. doi: 10.1007/s00125-019-4905-2. Epub 2019 Jun 15.

J Behav Med. 2017 Jun;40(3):483-493. doi: 10.1007/s10865-016-9816-9. Epub 2016 Dec 21.
Self-determination theory and weight loss in a Diabetes Prevention Program translation trial.
Trief PM1, Cibula D2, Delahanty LM3, Weinstock RS4.


Quelle: Körperliches Training bei Diabetes. Prim. Priv.-Doz. Dr. Edmund Cauza. MEDMIX 1 / 2009

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About Author

Rainer Muller

MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

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