Gegen psychische Belastungen und Störungen: Kinder brauchen Geborgenheit

Noch nie waren so viele Kinder von psychischen Störungen betroffen wie heutzutage © Kate Chombokosh / shutterstock.com

Noch nie waren so viele Kinder von psychischen Störungen betroffen wie heutzutage © Kate Chombokosh / shutterstock.com

Viele Kinder und Jugendliche ­leiden unter psychischer Belastung und chronischen Ängsten, oft sind schlechte familiäre Verhältnisse schuld daran, denn Kinder brauchen Geborgenheit.

Weltweit beobachten Experten einen dramatischen Anstieg bei psychische Belastungen, der Ängste und Depressionen bei heranwachsenden Kindern und Jugendlichen. Die aktuelle Corona-Pandemie mit den Lockdowns und Zusammenleben auf engsten Raum haben die Situation noch deutlich verschärft. Doch schon in den letzten Jahren haben zahlreiche Untersuchungen zeigen können, dass die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die unter Angst und Furcht leiden, dramatisch angestiegen ist. Selbst Durchschnittskinder weisen heutzutage Symptome auf, die Fachleute in den 1950er Jahren nur psychisch kranken Kindern zuordneten. Oft ist eine fehlende familiäre Geborgenheit der Grund für diese Belastungen der Psyche. Im Grunde genommen brauchen Kinder und Jugendliche vor allem viel Geborgenheit, um psychische Belastungen und Störungen besser meistern zu können, vor allem auch jetzt in der Corona-Pandemie.

 

Kinder brauchen Geborgenheit in der Familie, aber auch soziale Dienste können dazu beitragen

Wobei bereits die postnatale Phase und die frühe Kindheit eine sehr gefährdete Zeit für Eltern und Kinder darstellt. Das Vermeiden psychosozialer Stresssituationen und die Behandlung psychischer Störungen bei den Eltern sowie die Nutzung von Gesundheits- und Sozialdiensten in der frühen Kindheit können hier eine wichtige Rolle spielen. Verbesserte Präventions- und Behandlungsstrategien könnten die Situtation verbessern helfen und die Eltern-Kind-Beziehung stärken. Schließlich könnte man der anhaltenden Anfälligkeit von Kindern und Jugendlichen für psychische Störungen verringern. Zudem kann auch eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung und der sozialen Dienste dabei helfen, dass Kinder und Jugendliche psychische Belastungen besser meistern und auch mehr Geborgenheit empfinden, die sie eben dringend dazu brauchen.

 

Mangelnde Geborgenheit, psychische Belastungen und physische Folgeerkrankungen sind große Herausforderungen unserer Zeit für Kinder und Jugendliche

US-Psychologen assoziieren mit dieser Entwicklung auch eine Reihe von Folgeproblemen wie beispielsweise steigender Alkohol- und Drogenkonsum, damit verbunden steigende Kriminalität sowie eine höhere Anfälligkeit für Aggressionen, denn diese stehen in engem Zusammenhang mit Ängstlichkeit. Auch sind Langzeitschäden für die körperliche Gesundheit zu erwarten.

Verschiedene Studien belegen, dass Angst das Risiko für Asthma, Darmerkrankungen, Geschwüre und koronare Herzkrankheit erhöht und mithin die Lebenserwartung verringert. Verglichen mit Untersuchungen der letzten 40 Jahre ist ein ­signifikanter Zuwachs an Personen festzustellen, die unter chronischer Angst und Depression leiden.

Verantwortlich für das Leiden der betroffenen Kinder und Jugendlichen ist die zunehmende soziale Isolation. Die hohen Scheidungsraten sowie die geringe soziale Vernetzung und das Auf-sich-alleine-Gestelltsein gibt den Betroffenen zwar auf der einen Seite einen scheinbar größeren individuellen Spielraum. Andererseits steigt aber auch der Druck, die damit einhergehende Isoliertheit zu meistern. Und genau dies kann insbesondere bei Kinder und Jugendlichen ein auslösender Faktor für chronische Angst werden, resümieren Psychologen.

 

Depressionen ab dem ­Kindergartenalter

Experten warnen, dass noch nie so viele Kinder unter Depressionen litten wie in der Gegenwart. Eine Studie ergab beispielsweise, dass bereits ein Fünftel aller Kindergarten- und Schulkinder weltweit Verhaltensauffälligkeiten wie Ag­gressionen, Konzentrationsprobleme oder Ängstlichkeit zeigen. Die Dunkelziffer könnte jedoch noch höher liegen. Viele Depressionen würden oft nicht erkannt, weil es an geeigneten Diagnoseverfahren fehlt. Insbesondere jüngeren Kindern fällt es sehr schwer, über ihr seelisches Befinden zu sprechen.

 

Wie äußert sich nun eine Depression beim Kind?

Eltern ahnen oft nicht, dass seelisches Leid ihre Kind quält und das der Grund dafür sein kann, wenn sinnlos Dinge zerstört werden oder das Kind beim Spielen mit Gleichaltrigen immer Außenseiter ist. Zeichen für psychische Störungen sind auch chronische Schlafstörungen oder Bettnässen – also wenn mit sieben Jahren noch immer oder immer wieder ins Bett genässt wird, wobei dies auch hormonbedingt sein kann.

Depressionen verstecken sich meist hinter einer Verhaltensauffälligkeit, die der Laie auf Erziehungsmängel zurückführt. Typisch sei, so Experten, die Kombination von Depression mit einer Angststörung, aber auch Hyperaktivität und ein gestörtes Sozialverhalten treten häufig parallel zu Depressionen auf. Zudem können ständig wiederkehrende körper­liche Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Kopfweh Anzeichen einer Depression sein.

Bei Jungen äußern sich die seelische Erkrankung vielfach in Zerstörungswut oder ständigem Streiten. Charakteristisch ist, dass sie genau das kaputt machen, was ihnen besonders lieb ist.

Mädchen dagegen reagieren mit Rückzug und Hemmungen und verkriechen sich in ihr Schneckenhaus. Viele hungern bis zum Abmagern, manche verletzen oder zerstören sich selbst. Kinder erfahren Leere und Langeweileu nd sind seelisch verarmt.

Wer den Schmerz nicht aushaltet, bedroht oftmals andere oder verweigert und schwänzt die Schule – so lange, bis jemand den Hilferuf hört. Als Gründe für die Zunahme von Ängstlichkeit und Depressionen bei Kindern wird auch vermutet, dass den Kindern die „gemüthafte Bindung in der Familie“ fehle. Wo früher vorgelesen, gespielt und gemeinsam gewandert wurde, regieren heute Fernsehgeräte, Computerspiele, Internet und Smartphones.

 

Dramatisch die Situation in den USA

Jugendforscher beklagen, dass Kinder heute zu viel Stress, zu wenig Schlaf und zu wenig Bewegung haben. Laut Experten greifen bereits Grundschüler – angeregt und unterstützt durch ihre Eltern – regelmäßig zu Schmerz-, Aufputsch- oder Beruhigungsmitteln, wobei besonders schlimm die Situation in den USA ist, wo bereits jedes siebente Kind im Alter von zwei bis vier Jahren Psychopharmaka einnimmt. So sind in den USA die Verschreibungen einzelner Präparate bei Kindern und Jugendlichen in den letzten zehn Jahren um siebenhundert Prozent gestiegen.

 

Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS

In manchen amerikanischen Schulen werden Medikamente sogar bedenkenlos an auffällige, unkonzentrierte Kinder verteilt. Amerikanische Ärzte verschreiben nur allzu rasch – oft auf Verlangen der Eltern – ohne Einblick in die Familien­situation zu haben. So nehmen in den USA derzeit circa acht Millionen Kinder täglich ein Psychopharmakon gegen Hyperaktivität beziehungsweise dem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS. In Deutschland und Österreich raten Ärzte zu großer Vorsicht.

 

Natürliche Alternativen zu Psychopharmaka

Oftmals werde die Mode-Diagnose Hyperaktivität allzu leichtfertig gestellt, warnen Experten und lehnen das Verschreiben entsprechender Psychopharmaka, die als Nebenwirkung Schlaf und Appetit rauben können, zwar nicht generell ab, raten aber bei Kindern zu äußerster Zurückhaltung. Denn diese ­Medikamente können auch süchtig machen.

Natürliche Alternativen zu Psychopharmaka gibt es einige. Oftmals bringt schon eine Ernährungsumstellung sowie mehr Sport und Bewegung eine Besserung der Hyperaktivität. Aber auch beruhigende Kräuter, pflanzliche Substanzen sowie homöo­pathische Mittel können auf natürlichem Wege helfen, die Symptome kleiner Zappelphilippe zu lindern. Immer zu empfehlen sind angenehme heiße Tee-Zubereitungen, die auch andere therapeutische Dienste leisten können.

 

Sport verbessert kognitive Fähigkeiten von Kindern mit ADHS

Durch sportliche Aktivität können die kognitiven Fähigkeiten – insbesondere die Aufmerksamkeit und die Gedächtnisleistung – von Kindern mit ADHS verbessert werden. Die Sportart scheint dabei keine Rolle zu spielen. Dies konnten Sportwissenschaftlerinnen der Universität Regensburg in Kooperation mit einer Regensburger Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Rahmen einer Studie im vergangenen Jahr nachweisen. Nach Ansicht der Forscherinnen könnten demnach entsprechende Bewegungsprogramme in der Therapie für ADHS-Kinder eingesetzt werden.

Bei Kindern mit ADHS sind neben den Hauptsymptomen der Krankheit (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität) auch häufig gravierende Defizite im Bereich der motorischen und kognitiven Fähigkeiten zu beobachten. In früheren Untersuchungen konnte bereits ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Fähigkeiten aufzeigt werden. Für Diplom-Sportwissenschaftlerin Susanne Ziereis und Prof. Dr. Petra Jansen vom Institut für Sportwissenschaft lag deshalb die Vermutung nahe, dass sportliche Bewegungseinheiten auch einen positiven Einfluss auf Kinder mit ADHS haben könnten. Der Einfluss von Sport auf die Entwicklung von ADHS wurde bislang weltweit kaum erforscht.

Ziereis und Jansen untersuchten in Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Praxis Manfred Wurstner aus Regensburg, ob unterschiedliche Sport-Trainingsprogramme einen Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten bei Kindern mit ADHS hatten. 43 Kinder im Alter von 7 bis 12 Jahren – davon 32 Jungen und 11 Mädchen –, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, nahmen an der Studie teil.

Die Kinder wurden in drei verschiedene Gruppen eingeteilt, wobei es sich um zwei sogenannte Interventionsgruppen und eine Kontrollgruppe handelte. Beide Interventionsgruppen nahmen an einem 12-wöchigen motorischen Trainingsprogramm teil, das sich jeweils von dem der anderen Interventionsgruppe unterschied. Ein Trainingsprogramm beinhaltete beispielsweise spezielle Übungen zur Handgeschicklichkeit, der Ballfertigkeit oder der Balance. In dem zweiten Programm wurde der Schwerpunkt auf Sportarten gelegt, bei denen eben diese Fähigkeiten nicht oder kaum gefordert waren. Vor und nach der ersten Trainingseinheit sowie im Anschluss an die gesamte 12-wöchige Trainingsphase wurden die jeweilige kognitive und motorische Leistungsfähigkeit der Kinder erfasst.

 

Die eindeutige Ergebnisse der Studie

Die Kinder, die an einem der beiden Trainingsprogramme teilnahmen, zeigten eine signifikante Leistungssteigerung im Bereich der kognitiven Funktionen. Dem gegenüber stagnierten die entsprechenden Leistungen bei der Kontrollgruppe. Die Regensburger Wissenschaftlerinnen folgerten daraus, dass sportliche Aktivität im Allgemeinen zu einer Verbesserung der Aufmerksamkeit und der Gedächtnisleistung von Kindern mit ADHS beitragen kann und dies durch gezielte Bewegungsprogramme eine äußerst geeignete Methode zur Reduktion vorhandener kognitiver Defizite darstellen könnte. Man kann die Programme zu mehr Bewegung, Sport und zu körperliche Aktivitäten auch ergänzend oder alternativ zur medikamentösen Therapie in den Alltag und den Behandlungsplan von Kindern mit ADHS integrieren.

 

Kinder brauchen Geborgenheit im familiären Umfeld

Was Kinder so zappelig werden lässt, ist unklar. Erklärungsversuche reichen von Hirnschäden und Gendefekten über falsche Ernährung und Mangel an Bewegung bis zur Überflutung von Reizen. Die bekannte US-Psychiaterin und Schriftstellerin Jean M. Twenge beklagt das Fehlen von Geborgenheit im Kreise der Familie und der Verwandtschaft. Früher, so meint Twenge, wuchsen Kinder im Netzwerk der Familie auf: die Großeltern übernahmen wichtige Betreuungsaufgaben und Freundschaften in der Nachbarschaft und verstärkten das Gefühl von Geborgenheit. Diese gewachsenen sozialen Strukturen gibt es heute aber immer weniger.

Dazu kommt, dass zumeist beide Elternteile ­berufstätig sind und immer weniger Zeit für ihren Nachwuchs haben. Der moderne Vater, so das Ergebnis einer deutschen ­Studie, befasst sich täglich durchschnittlich nur zehn Minuten intensiv mit seinen Kindern. Doch gerade Kinder ohne Vater haben es doppelt schwer. Und doch verlieren über 60% aller Scheidungskinder oder Trennungskinder komplett den Kontakt zum Vater.

Diese betroffenen Kinder entwickeln wesentlich häufiger Angstgefühle, Depressionen, Neurosen sowie psychische Störungen wie Minderwertigkeitsgefühle, Lern- und Konzentrationsschwäche, Störungen der Persönlichkeit sowie psychosomatische Erkrankungen. Für eine gesunde Entwicklung des Kindes sind Vater und Mutter gleichermaßen wichtig, betonen zahlreiche Experten. Und zwar durchaus auch in unterschied­lichen Rollen. Wichtig für Kinder jeden ­Alters ist es, beide Bezugspersonen zu ­erleben. Die einfache Präsenz beider Eltern und das Teilhaben am familiären Miteinander ist bedeutend.


Literatur:

Twenge JM. The age of anxiety? Birth cohort change in anxiety and neuroticism, 1952-1993. J Pers Soc Psychol. 2000 Dec;79(6):1007-21. doi: 10.1037//0022-3514.79.6.1007. PMID: 11138751.

Ziereis S, Jansen P. Effects of physical activity on executive function and motor performance in children with ADHD. Res Dev Disabil. 2015 Mar;38:181-91. doi: 10.1016/j.ridd.2014.12.005. Epub 2015 Jan 3. PMID: 25561359.

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