Ketamin gegen starke sowie chronische Schmerzen

Das alte Anästhetikum Ketamin soll heute in niedrigeren Dosen starke Schmerzen, auch chronische, wirkungsvoll bekämpfen helfen. © afcom

Das alte Anästhetikum Ketamin soll heute in niedrigeren Dosen starke Schmerzen, auch chronische, wirkungsvoll bekämpfen helfen. © afcom

Man setzt heute Ketamin auch ein, um starke postoperative Schmerzen zu behandeln sowie neuropathischen und chronischen Schmerzen vorzubeugen.

Tatsächlich kam Ketamin bereits 1962 auf den Markt. Aufgrund seiner psychotropen Wirkung kommt der Wirkstoff aber in der Notfallmedizin und Anästhesie nicht mehr häufig zum Einsatz. Doch die Substanz könnte eine Renaissance in der Schmerzmedizin erleben berichtet. Denn das Ketamin steht heute gegen starke chronische Schmerzen immer wieder im Fokus der Forschung.

 

Schmerz- und Narkosemittel

Bereits seit 1990er Jahren wird intensiv zu möglichen neuen Anwendungsgebieten von Ketamin geforscht. Das Schmerz- und Narkosemittel wirkt unter anderem am NMDA-Rezeptor und weist somit einen völlig anderen Wirkmechanismus auf als andere Analgetika.

Das ist insofern interessant, als dieser Rezeptor bei der Entstehung chronischer, speziell neuropathischer Schmerzen eine Rolle spielt. Die Substanz könnte daher die Wiederherstellung der physiologischen Schmerzhemmung bei Patienten mit neuropathischen Schmerzen unterstützen.

Eine Vielzahl von Studien demonstriert, dass Ketamin bei der Linderung chronischer Schmerzen wirksam ist, insbesondere wenn sie eine neuropathische Komponente beinhalten.

In den meisten Studien wurde allerdings die Ketamin-infusion gegen Schmerzen untersucht. Damit konnte man ein nur auf wenige Stunden begrenzte Wirkung erreichen. Die Datenlage zu Behandlungsdauer und eingesetzter Dosierung ist jedenfalls sehr heterogen. Zum Einsatz von Ketamin gegen chronische Schmerzen fehlen unter dem Strich noch wichtige Langzeitdaten.

In einer rezenten Untersuchung war intranasales Ketamin gegen Schmerzen bei Nierenkolik-Patienten genauso wirksam wie intravenöses Morphin. Bei den Patienten hat man keine ernsthaften Nebenwirkungen für die Verwendung von intranasalem Ketamin beobachten können.

 

Ketamin bei Krebs

Bei Krebspatienten, deren Schmerzen eine deutliche neuropathische Komponente haben, kann das Schmerz- und Narkosemittel eine Reduktion der Opioid-Dosis und eine verbesserte Schmerzlinderung bewirken. Ketamin kann auch eine Behandlungsoption für onkologische Patienten darstellen, die nicht mehr auf Opiode ansprechen. Allerdings sei die Evidenz bei Krebs-Schmerz bei weitem dünner als bei nicht-onkologischen Schmerzen.

Die Palliative Care Guidelines der European Society for Medical Oncology (ESMO) empfehlen jedoch den Einsatz von Ketamin. Speziell zur palliativen Behandlung von Patienten mit neuropathischen Schmerzen im onkologischen Setting sowie bei komplexen neuropathischen und vaskulären Schmerzsyndromen, bei denen Opioide ihre Wirkung verloren haben.

 

Postoperative chronische Schmerzen mit Ketamin vorbeugen

Schließlich ist auch die Prävention von chronischen postoperativen Schmerzen ein mögliches neues Einsatzgebiet. Aktuell diskutieren Experten darüber, ob Ketamin bei bestimmten Patientengruppen das Risiko der Chronifizierung von Schmerzen nach chirurgischen Eingriffen senken kann.

Studien zeigten, dass der Einsatz von niedrig dosiertem Ketamin den perioperativen Opioidbedarf um 40 Prozent reduziert. Dabei traten keine schwere Nebenwirkungen auf. Es wird vermutet, dass das Narkose- und Schmerzmittel die akute Toleranzentwicklung gegenüber Opioiden verhindert und auch eine entzündungshemmende Wirkung hat. Letzteres scheint einer gesteigerten Schmerzempfindlichkeit nach Operation vorzubeugen.

Ketamin hat sich auch als hilfreich bei der Behandlung Opioid-resistenter akuter postoperativer Schmerzen erwiesen. Es gibt daher Empfehlungen, Ketamin bei großen Eingriffen als Teil eines multimodalen perioperativen Schmerzmanagements einzusetzen, wenn keine Kontraindikationen vorliegen.

 

Missbrauchspotential und Nebenwirkungen

Hinsichtlich der Nebenwirkungen bereiten vor allem die psychotropen Effekte von Ketamin Sorgen – insbesondere bei längerfristiger Einnahme. Bei gesunden Menschen kann das Narkose- und Schmerzmittel Psychose-ähnliche Effekte und kognitive Beeinträchtigungen hervorrufen. Allerdings wird die Substanz in der Schmerztherapie sehr niedrig dosiert.

Ironischerweise liefert der seit den 1970er Jahren verbreitete Missbrauch von Ketamin als ‚Partydroge‘ bessere Daten zu langfristigen Nebenwirkungen als die spärlichen klinischen Studien mit ihren kurzen Beobachtungszeiten. Im Zusammenhang mit chronischem Ketamin-Konsum junger Menschen wird eine Vielzahl von psychiatrischen und neurologischen Komplikationen beschrieben.

Todesfälle durch Überdosierung sind allerdings selten. Und sie stehen in der Regel in Zusammenhang mit der Einnahme anderer psychoaktiver und sedierender Substanzen wie beispielsweise Alkohol. Aus den Daten zum „Freizeitgebrauch“ von Ketamin lässt sich aber ableiten, dass eine starke Nutzung von Ketamin sowohl hinsichtlich der kognitiven Funktion als auch des psychischen Wohlbefindens nachteilige Wirkungen hat.

Wie weit dies auch auf den medizinischen Einsatz von Ketamin zutrifft und inwieweit sich Missbrauchspotenzial und psychotrope Nebenwirkungen von Ketamin beherrschen lassen, müssen weitere Studien zeigen. Eine Publikation zum möglichen Einsatz von Ketamin gegen chronische Schmerzen und bei therapieresistenten Depressionen ist in Vorbereitung.


Literatur:

Pouraghaei M, Moharamzadeh P, Paknezhad SP, Rajabpour ZV, Soleimanpour H. Intranasal ketamine versus intravenous morphine for pain management in patients with renal colic. A double-blind, randomized, controlled trial [Published online ahead of print, 2020 Jun 26.] World J Urol. 2020;10.1007/s00345-020-03319-4. doi:10.1007/s00345-020-03319-4

Jonkman K, van de Donk T, Dahan A. Ketamine for cancer pain: what is the evidence?. Curr Opin Support Palliat Care. 2017;11(2):88-92. doi:10.1097/SPC.0000000000000262

Allen CA, Ivester JR Jr. Ketamine for Pain Management-Side Effects & Potential Adverse Events. Pain Manag Nurs. 2017;18(6):372-377. doi:10.1016/j.pmn.2017.05.006


Quelle: Österreichische Schmerzgesellschaft – www.oesg.at

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