Ketamin bei Depression, wenn Antidepressiva nicht wirken

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Das Narkosemittel Ketamin holt betroffene Personen sehr schnell aus ihrer Depression und verdrängt suizidale Gedanken. Allerdings hält die Wirkung meist nur kurz an.

In den letzten Jahren rückte der Einsatz von Ketamin zur Behandlung der Depression verstärkt in den Blickpunkt der Forschung. Denn das aus der Chirurgie bekannte Narkotikum holt Menschen sehr schnell aus ihrer Depression und verdrängt suizidale Gedanken. Und gerade bei Patienten, deren Depression eigentlich therapieresistent, wirkt das Ketamin in sieben von 10 Fällen sehr rasch. Wobei die Wirkung jedoch nicht lange anhält.

 

Off-Label bei bestimmten Patienten

Das Narkose- und Schmerzmittel wurde erstmals in den 1960er-Jahren synthetisiert und wird auch als Rauschdroge missbraucht. Aktuell drängt ein Nasenspray mit Ketamin auf den Markt. Dabei sollen Spezialisten das rezeptpflichtige Arzneimittel zur Behandlung therapieresistenter Depressionen sowie schwerer Depressionen mit erhöhtem Selbstmordrisiko verschreiben können.

Unter dem Strich geben Ärzte seit mehreren Jahren das Ketamin – off label – zur Behandlung von Therapie-resistenter Depression. Vor allem in den USA. Wobei die Behandlung vor allem in psychiatrischen Zentren erfolgt. Zuvor sollten die Betroffenen ausreichend lang zwei Antidepressiva in ausreichender Dosierung genommen haben.

Im Grunde genommen gibt es derzeit nur Daten zu Ketamin für Patienten mit einer Therapie-resistenten Depression. Bei Patienten mit Persönlichkeitsstörungen oder auch Psychosen konnte man bis jetzt keine antidepressive und antisuizidale Wirkung beobachten. Aufgrund seiner hypertensiven Wirkung sollte Patienten mit unbehandelter Hypertonie sowie akuten Herz-Kreislauf-Erkrankungen das Ketamin nicht bekommen. Außerdem besteht ein großes Suchtpotential, weshalb die Ketamin-Therapie bei Patienten mit Depression und Suchterkrankungen kontraindiziert ist.

 

Ketamin wirkt sehr rasch bei Depression

Im Grunde genommen wirkt Ketamin bereits nach zehn bis 20 Minuten und hellt die Stimmung auf. Dabei hat man jahrzehntelang den Wirkstoff in der Anästhesie bei chirurgischen Eingriffen eingesetzt. Dabei zeigte sich, dass es PatientInnen mit einer Ketamin-Narkose von 600 bis 800 mg/kg am nächsten Tag deutlich besser ging. Und zwar verglichen mit einem anderen Anästhetikum.

Daher wurde die Verwendung für die Psychiatrie – in Dosen bis zu 50 mg/kg zweimal pro Woche – adaptiert. Es zeigte sich, dass der Glutamatergen-Modulator Ketamin eine schnelle, robuste und anhaltende antidepressive Wirkung hat. Mittlerweile gibt es dazu auch schon eine US-Zulassung. Der Wirkstoff könnte aber auch Vorlage dafür sein, weitere dementsprechend wirksame Arzneimittel zu entwickeln.

 

Ketamin repariert eine gestörte Balance im Gehirn

Der Wirkmechanismus von Ketamin besteht im Ausgleich einer Störung der Glutamat-GABA-Balance im Gehirn: Glutamat ist besonders im Gehirn von zentraler Bedeutung und ist für die Bewegungssteuerung, Sinneswahrnehmung und auch das Gedächtnis wichtig. GABA ist ein hemmender Neurotransmitter Gehirn. Dockt er an den Rezeptor an, so setzt er die Erregbarkeit der Nervenzellen herab. Somit ist GABA quasi der Gegenspieler von Glutamat. Bei Menschen mit Depressionen oder Angstzuständen ist diese Balance gestört, die durch Ketamin repariert werden kann.

Literatur:

Kraus C, Wasserman D, Henter ID, Acevedo-Diaz E, Kadriu B, Zarate CA Jr. The influence of ketamine on drug discovery in depression. Drug Discov Today. 2019 Aug 2. pii: S1359-6446(19)30283-1. doi: 10.1016/j.drudis.2019.07.007.

Andrade C. Ketamine for Depression, 2: Diagnostic and Contextual Indications. J Clin Psychiatry. 2017 May;78(5):e555-e558. doi: 10.4088/JCP.17f11629.

Andrade C. Ketamine for Depression, 5: Potential Pharmacokinetic and Pharmacodynamic Drug Interactions. J Clin Psychiatry. 2017 Jul;78(7):e858-e861. doi: 10.4088/JCP.17f11802.


Quelle: Medizinische Universität Wien

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Axel Rhindt

MEDMIX-Redaktion, AFCOM Digital Publishing Team

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