Kein Zusammenhang: Gehirnerschütterungen und Alzheimer-Demenz als Folge

Alzheimer-Demenz abstrakt mit gebrochenem Stein dargestellt © BladeTucker / shutterstock.com

Alzheimer-Demenz abstrakt mit gebrochenem Stein dargestellt © BladeTucker / shutterstock.com

Neue Studien finden keine Hinweise darauf, dass eine Alzheimer-Demenz Folge einer früheren Gehirnerschütterung sein könnte.

Schwere Gehirnverletzungen können anscheinend auch eine Alzheimer Erkrankung verursachen, wurde lange Zeit vermutet. Ein Vorläufer des Eiweißstoffes Betaamyloid, der bei der Alzheimer-Demenz auffällig wird, das Amyloid-Vorläuferprotein, wird als Anzeichen für Verletzungen im Nervengewebe bei Gehirnverletzungen genutzt. Aber kann deswegen eine Alzheimer-Demenz Folge einer Gehirnerschütterung sein, selbst wenn sie massiv war?

Sport bremst das Fortschreiten einer Alzheimer-Demenz

Traumatische Gehirnverletzungen schränken Denkleistung ein

Sogenannte traumatische Gehirnverletzungen sind häufiger, als man allgemein denkt. Im dramatischsten Fall betrifft es das Opfer eines Autounfalls oder den Soldaten durch eine Explosion in nächster Nähe. Aber auch der Sturz mit dem Fahrrad oder der Ballsportunfall können zu leichten oder stärkeren Erschütterungen des Gehirns führen. Das Zentrum für Kontrolle und Prävention von Erkrankungen in den USA berichtete, dass dort im Jahr 2013 2,5 Millionen Notfallaufnahmen und 282000 Krankenhausaufenthalte aufgrund von Verletzungen des Gehirns zusammenkamen.

Eine 2016 im medizinischen Fachjournal Journal of Head Trauma Rehabilitation erschienene Studie (Whiteneck und Kollegen) fand, dass über 40 % der Studienteilnehmer im Laufe des Lebens mindestens eine Gehirnerschütterung oder schwerere Form der Gehirnverletzung erlitten hatten. Solche Verletzungen bleiben nicht ohne Folgen. Zusätzlich zu kurzfristigen Einschränkungen der Denkleistung ist diese bei 65 % der Patienten mit moderat bis schweren Gehirnverletzungen auch langfristig geschädigt.

 

Risiko für Alzheimer-Demenz neu beleuchtet

Bisherige Studien dazu basierten häufig auf Patientenberichten zu früheren Gehirnverletzungen – aber wie verlässlich ist ein solcher Bericht, wenn der Patient bereits unter einer Alzheimerdemenz leidet? Zudem wurden Zusammenhänge zwischen Gehirnschädigungen und Alzheimer-Demenz häufig nicht auf der Basis einer eindeutigen Alzheimerdiagnose ermittelt. Eine solche braucht nämlich bisher verschiedene bildgebende Verfahren oder spezielle Verfahren zur Analyse des Gehirns nach dem Tod des Patienten.

In zwei Studien wurde inzwischen jedoch das Risiko für eine Alzheimer-Demenz neu beleuchtet. Crane und Kollegen berichteten von Patienten, die auf der Basis einer unfallbedingten Gehirnschädigung mit mindestens einer 1-stündigen Bewusstlosigkeit ermittelt wurden. Der Bericht über das Gehirntrauma erfolgte bevor Anzeichen einer Demenz diagnostiziert worden waren.

Sprachrelevante Hirnareale: Sprachfähigkeit und Gehirnverletzungen untersucht

Metaanalyse zu Gehirnerschütterung mit Bewusstseinsverlust und Alzheimer-Demenz als schwere späte Folge

Die Metaanalyse fasste die Daten von drei Studien zusammen, die die Gehirne verstorbener Teilnehmer untersucht hatten. Von 7130 Teilnehmern wurden 1589 Gehirne zwischen 1994 und 2014 untersucht. Die Forscher fanden kein Hinweis, dass eine frühere Gehirnerschütterung mit Bewusstseinsverlust mit einer Alzheimer-Demenz oder Anzeichen dafür einherging. Allerdings zeigten Gehirne, die früher Verletzungen erlitten hatten, häufiger Anzeichen für die spezielle Lewybody-Demenz oder die Parkinson-Erkrankung.

In einer zweiten Studie berichteten Dr. Weiner und Kollegen 2017 über ihre Analyse medizinischer Daten von US-Kriegsveteranen. Dazu untersuchten sie ehemalige, im Vietnam aktive Veteranen mit oder ohne leichten Beeinträchtigungen der Denkleistung. Die Teilnehmer hatten mindestens eine traumatische Gehirnverletzung erlitten und zum Teil zusätzlich eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Die Teilnehmer wurden klinisch und mittels bildgebender Verfahren untersucht, um die Gehirnstruktur und eventuelle Ablagerungen von Betaamyloid festzustellen. Die Forscher fanden, dass die Denkleistung bei den Patienten mit PTBS oder einer Kombination von PTBS und Gehirnverletzung stärker beeinträchtigt war als bei Veteranen, die nichts Derartiges erlitten hatten. Vermutete Zusammenhänge zwischen Gehirnverletzungen (oder PTBS) und Alzheimer typischen Ablagerungen von Betaamyloid bestätigten sich aber nicht. Die Teilnehmer werden nun auch weiterhin beobachtet und langfristig auf Anzeichen für eine Alzheimerdemenz untersucht, um zusätzliche Information zu möglichen Risiken zu erhalten.

Nach dem Sturz ist vor der Heilung – Schütz Deinen Kopf

Kein höheres Risiko für Alzheimer-Demenz, möglicherweise aber für Parkinson

Diese Studien zeigten damit, dass Gehirnverletzungen oder Gehirnerschütterungen vermutlich nicht das Risiko für eine spätere Alzheimerdemenz erhöhen. Allerdings ist klar, dass eine Gehirnerschütterung oder massivere Verletzung langfristig Folgen für die geistige Gesundheit eines Patienten hat und möglichst vermieden werden muss.

Eine solche Schädigung des Gehirns –  möglicherweise je nach Schwere der Verletzung – erhöht auch das Risiko für Parkinson. Dies deckt sich mit weiteren bisherigen Untersuchungen bei Kontaktsportarten wie dem amerikanischen Football oder Boxen. Beim Thema Alzheimer-Demenz kann man allerdings den vermuteten Risikofaktor Gehirnerschütterung vermutlich streichen.


Literatur:

Raza Z, Hussain SF, Ftouni S, Spitz G, Caplin N, Foster RG, Gomes RSM. Dementia in military and veteran populations. A review of risk factors-traumatic brain injury, post-traumatic stress disorder, deployment, and sleep. Mil Med Res. 2021 Oct 13;8(1):55. doi: 10.1186/s40779-021-00346-z. PMID: 34645526; PMCID: PMC8515715.

Weiner MW, Crane PK, Montine TJ, Bennett DA, Veitch DP. Traumatic brain injury may not increase the risk of Alzheimer disease. Neurology. 2017;89(18):1923-1925. doi:10.1212/WNL.0000000000004608.

Weiner MW, Harvey D, Hayes J, et al. Effects of traumatic brain injury and posttraumatic stress disorder on development of Alzheimer’s disease in Vietnam Veterans using the Alzheimer’s Disease Neuroimaging Initiative: Preliminary report. Alzheimer’s Dement Transl Res Clin Interv. 2017;3(2):177-188. doi:10.1016/j.trci.2017.02.005.

Die mobile Version verlassen