Kardiologie und Herzchirurgie

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Kardiologie Jahrestagung: Statement Prim. Univ.-Doz. Dr. Franz Xaver Roithinger; Abt. für Innere Medizin, Landesklinikum Wiener Neustadt/II. Interne Abteilung, Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft

Im Rahmen der Jahrestagung 2016 der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG) in Salzburg soll insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Kardiologen und Herzchirurgen gefördert werden. Wir haben uns deshalb ganz bewusst entschlossen, unsere unter dem Motto „Gemeinsam in die Zukunft“ stehende Jahrestagung gemeinsam mit den Herzchirurgen zu veranstalten, denn unsere enge und gute Kooperation wird immer wichtiger werden.

 

Die Zukunft gehört dem „Heart Team“

Die Zukunft gehört dem „Heart Team“. In solchen multiprofessionellen Teams treffen Kardiologen und Herzchirurgen – bei Bedarf gemeinsam mit weiteren medizinischen Fachrichtungen – relevante therapeutische Entscheidungen für Herzpatienten. Zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, ob ein Patient herzchirurgisch oder interventionell-kardiologisch behandelt werden soll.

Vereinfacht gesagt liegt der wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Vorgangsweisen im Zugang. Denn während Herzchirurgen offen, also bei geöffnetem Brustkorb und unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine operieren, nähern sich interventionelle Kardiologen dem Herzen schonend mit dem Herzkatheter, in der Regel über die Blutgefäße. Wobei die Grenzen bereits ein wenig verschwimmen: Einerseits finden in der Herzchirurgie auch immer öfter minimalinvasive Methoden Anwendung, andererseits gibt es auch Katheter-Interventionen, bei denen der Herzmuskel sozusagen angestochen werden muss.

Stent oder Bypass?

Bei zahlreichen Problemstellungen bieten beide Fächer unterschiedliche Lösungsansätze. Zum Beispiel im Fall von verschlossenen Herzkranzgefäßen. Diese werden von der interventionellen Kardiologie mit einem Stent behandelt, der mittels Herzkatheter über die Blutgefäße an seinen Bestimmungsort gebracht und in das zuvor aufgedehnte Herzkranzgefäß geschoben wird. Die Herzchirurgie löst das Problem mittels Bypass-Operation. Dabei wird das verschlossene Gefäß mit einem zuvor aus dem Bein entnommenen Stück einer Vene überbrückt (Venen-Craft).

Beide Methoden haben ihre Besonderheiten, Vor- und Nachteile. Im Heart Team werden solche Fälle besprochen und jene Lösung gewählt, die für den individuellen Patienten die beste ist.
Typische Kandidaten für eine Bypass-Operation sind beispielweise Patienten mit mehreren Gefäßverschlüssen (Mehrgefäßerkrankung), bei denen alternativ mehrere Stents gesetzt werden müssten, um eine adäquate Blutversorgung des Herzmuskels sicherzustellen. Studien haben auch gezeigt, dass herzkranke Diabetiker von einem Bypass mehr profitieren als von einer Stent-Versorgung. Im Gegensatz dazu ist der Stent bei allen unkomplizierten Patienten vorzuziehen, weil seine Implantation deutlich weniger belastend ist als eine Herzoperation.

Chirurgische Klappe oder TAVI?

Ein weiterer Berührungspunkt zwischen interventioneller Kardiologie und Herzchirurgie ist die Implantation künstlicher Herzklappen, insbesondere der Aortenklappe. Hier bietet seit einigen Jahren die Transkatheter-Aortenklappen-Implantation (TAVI) eine immer häufiger angewandte Alternative zum chirurgischen Klappenersatz.
TAVI ist inzwischen ein etabliertes Verfahren zur Behandlung der Aortenklappen-Stenose bei inoperablen Patienten und bei Patienten mit sehr hohem Operationsrisiko. Laut aktuellen deutschen Registerdaten (AQUA) hat TAVI auch bei Patienten mit mittlerem Risiko ein niedrigeres Mortalitätsrisiko als die konventionelle Operation. Ob eine TAVI bei Patienten mit mittlerem Risiko generell empfohlen werden kann, muss allerdings noch durch große, randomisierte Studien bestätigt werden.
Auch hier sollte kein Konkurrenzverhältnis zwischen den Fachrichtungen gesehen werden. Vielmehr muss im Heart Team für den individuellen Patienten die richtige Lösung gefunden werden. Als Faustregel gilt: Ältere und kränkere Patienten erhalten eher eine TAVI, weil man ihnen den Eingriff am offenen Herzen ersparen möchte. Jüngere, gesündere Patienten bekommen eher die chirurgische Klappe, weil bei ihnen mit einer hohen Lebenserwartung gerechnet werden kann und zur TAVI noch die Langzeitdaten fehlen.

Schwerpunktthema Österreichische Forschung

Wie in jedem Jahr wird im Rahmen der ÖKG Jahrestagung auch der kardiologischen Forschung aus österreichischen Krankenhäusern und Universitäten breiter Raum gegeben. Diese ist mir ein besonderes Anliegen. Die Fördermittel der ÖKG für junge Forscherinnen und Forscher wurden unter meiner Präsidentschaft deutlich erhöht. Auf unserem Kongress werden herausragende Arbeiten vorgestellt werden, dabei wird ein weiter Bogen von theoretischen, präklinischen Arbeiten hin zu sehr praxisrelevanten Studien gespannt.

Österreichisches Schockweste-Register: Bei jedem zweiten muss kein Defi implantiert werden

Von großer Bedeutung für den klinischen Alltag sind die Daten aus einem österreichischen Register zur Schockweste (Wearable cardioverter defibrillator – WCD). Dabei handelt es sich um einen Defibrillator, der in einer Weste getragen wird und im Falle lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen mittels Stromstoß den physiologischen Herzrhythmus wiederherstellt. Dieses Gerät bietet sich für Patienten an, bei denen nicht sicher ist, ob sie langfristig einen implantierbaren Defibrillator (ICD) benötigen werden. Die Registerdaten zeigen nun, dass der WCD sicher ist und dass bei rund der Hälfte der Patienten keine ICD-Implantation erforderlich wurde. Besonders bei Patienten mit Herzmuskelentzündung erholte sich das Herz in der großen Mehrzahl der Fälle.1)

Acute PCI Registry: Blutgerinnungs-Hemmer vor Herzinfarkt-Eingriff möglichst früh geben

Ebenfalls bedeutsam für die klinische Praxis sind neue Ergebnisse aus dem Austrian Acute PCI Registry, in dem Patienten erfasst werden, die wegen eines Herzinfarktes mit dem Herzkatheter behandelt wurden. Ein Forscherteam stellte die Frage, ob es sich auch in Zeiten der neuen, wirksameren Blutgerinnungs-Hemmer P2Y12 Rezeptor-Inhibitoren bezahlt macht, diese vor dem Eingriff möglichst früh zu geben. Die Antwort lautet: ja. Ebenso wie mit dem älteren Clopidogrel reduzierte der frühe Einsatz der neuen Substanzen die Sterblichkeit im Krankenhaus.2)
Weitere herausragende, zum Teil bereits prominent publizierte Arbeiten, beschäftigten sich unter anderem mit der Prognose von Patienten mit Herzinsuffizienz mit erhaltener Pumpfunktion sowie Lungenhochdruck, der verbesserten Abheilung von Verletzungen des Herzmuskels infolge eines Infarkts oder der interventionellen Therapie von Vorhofflimmern.
1) Odeneg T et al. Indications for and outcome in patients with the wearable cardioverter defibrillator (WCD) – Results of the Austrian WCD Registry
2) Dörler J et al. Pre-treatment with potent P2Y12 receptor inhibitors is associated with reduced in-hospital mortality in a real world setting of primary percutaneous coronary intervention
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