Kardiales Anti-Aging gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen

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Dr. Darko Stamenov
Dr. Darko Stamenov
MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

Kardiales Anti-Aging für Herz und Kreislauf bedeutet, Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch richtiges Verhalten – bei Ernährung, Bewegung und Lebenseinstellung – zu vermeiden.

In den letzten Jahrzehnten kann man eine enorme Beschleunigung der wissenschaftlichen Erkenntniszunahme über den Alterungsprozess beobachten. Das Altern der Körperzellen unterliegt verschiedenen Einflüssen. Dazu gehört die Kontrolle durch das Enzym Telomerase oder Auswirkungen von Oxidationsprozessen. Der Marketingbegriff Anti-Aging wird in Medizin, Ernährung und Kosmetik verwendet, um Maßnahmen, Verfahren und verschiedene Substanzen ins Blicklicht zu stellen, die Alterungsprozesse verlangsamen, somit das Altern hinauszögern und die Lebensqualität immer Älter werdender Menschen möglichst hoch zu halten.

 

Auf der Suche nach effektivem Anti-Aging gegen den Alterungsprozess des Herz-Kreislauf-Systems

Durch Oxidation von Fettmolekülen und anderen Stoffen entstehen Abfallprodukte in den Körperzellen und Schäden an für die Zellfunktion wichtigen Eiweißkörpern. Antioxidantien hemmen zwar den zellulären Oxidationsprozess, der klinische Wert der einzelnen Substanzen (z.B. Vitamin E, C, Melatonin usw.) ist aber umstritten.

Der Alterungsprozess des Herz-Kreislauf-Systems wird auch durch verschiedene Hormone mitbestimmt. Dabei sind die Abläufe noch nicht bis ins Detail geklärt. Zunehmende Bedeutung erfährt in diesem Kontext auch die Epigenetik, umgangssprachlich auch als »Übercode« bezeichnet: Die Expression verschiedener Phänotypen ist lebenslang formbar und ändert sich mit dem Alter. Die Ab- bzw. Zunahme der Fähigkeit unseres Körpers, auf bestimmte äußere Einflüsse zu reagieren, liegt hier begründet. Hier wird auch ein Schlüssel zur Beeinflussung der Alterungsprozesse vermutet.

Bei der komplexen, progredienten Arteriosklerose entstehen Unebenheiten der Gefäßinnenwand und in den Gefäßinnenraum hineinragende Erhebungen, welche aus Cholesterin, Calcium und Bindegewebe bestehen. Die Entstehung dieser Gefäßveränderungen beginnt bereits im jugendlichen Alter. Erste arteriosklerotische Veränderungen werden bereits ab dem 18. Lebensjahr beobachtet. Sie schreiten so lange unaufhaltsam fort, bis es zu Durchblutungsstörungen in einzelnen Organen kommt.

Man weiß heute, dass an der Entstehung der Arteriosklerose eine Vielzahl von Faktoren beteiligt ist: die Einlagerung von Fetten, Lipoproteinen auf der einen Seite, winzige Blutungen, mononukleäre Zellen, verschiedene andere Zellarten, Scherkräfte, Wachstumsfaktoren, Vit­amine und Vitaminmangelzustände, Entzündungsfaktoren und Calcium auf der anderen. Natürlich wird das Fortschreiten der Arteriosklerose auch durch Erbfaktoren beeinflusst. Entstehungstheorien über die Arteriosklerose reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Dass wir noch lange nicht am Ende unserer Erkenntnisse sind, zeigen Veröffentlichungen der letzten Jahre, die darauf hinweisen, dass in manchen Fällen die Arterio­sklerose auch Teil verschiede­ner Infektionskrankheiten sein kann, ausgelöst z.B. durch Clamydien oder sonstige Erreger.

Andere Theorien sprechen von einem Vitaminmangel-Syndrom (v.a. Vitamin-C-Mangel), das zu dauernden kleinen Gefäßschäden führt. Diese werden dann durch entzündliche und regenerative Prozesse repariert, wobei Cholesterinkalk als Kittsubstanz dient. Andere Theorien sprechen von einem Mangel an »Antioxidantien« als Ursache, und wieder andere machen erhöhte Cholesterinspiegel dafür verantwortlich.

Wieder andere Autoren bewerten erhöhtes Cholesterin eher als Ausdruck eines Gefäßerkrankungsprozesses, wobei es aber auch Meinungen gibt, nach denen eine Senkung des Cholesterins keinen Einfluss auf die Herzinfarktrate zeigt. Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden zu 80 % durch falsche Lebensweise verursacht.

 

Kardiales Anti-Aging mit richtiger Ernährung, körperliche Bewegung und einer gesunden Lebenseinstellung

Wir wissen heute, dass wir durch richtiges Verhalten, bezogen auf unsere Ernährung, körperliche Bewegung und Lebenseinstellung, bis zu 80 % der Herz-Kreislauf-Erkrankungen vermeiden oder zumindest »hinauszögern« könnten. Überdies sind wir heute in der Lage, das Risiko einzuschätzen und dementsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Erhöhte Serumcholesterinspiegel sowie erhöhte LDL-Werte bzw. Blutfette heben das Herzinfarktrisiko. Durch Senkung eines hohen Serumcholesterinwertes mit Lipidsenkern (z.B. Statinen) kann das Herzinfarktrisiko verringert werden. An 4.444 Patienten wurde gezeigt, dass Simvastatin, das die Cholesterinsynthese bei Patienten mit erhöhtem Cholesterin (über 215) hemmt, das Herzinfarkt-Risiko um etwa ein Drittel senken kann. Mehrere ähnliche Studien mit vergleichbaren Medikamenten belegen diese Beobachtung.

Bereits 1984 zeigte das Lipid Research Clinics Coronary Primary Prevention Trial (LRC-CPPT), dass die Senkung von LDL durch die Substanz Cholestyramin die Herzinfarktrate deutlich verringern kann. Weiters spricht für die Theorie der Cholesterinsenkung eine Beobachtung im ländlichen China in den 70er und 80er Jahren, wo die Choles­terin-Werte unter 140 mg/dl lagen – etwa die Hälfte des Gesamtcholesterins der Mitteleuropäer – und nur ein Prozent aller Sterbefälle der koronaren Herzkrankheit zugeschrieben werden konnte. Bemerkenswert ist auch das North Karelia Project: In den 1960er und 1970er Jahren war die Sterblichkeit an koronarer Herzkrankheit in Finnland die höchste weltweit.

1969 wurde damit begonnen, bei der Bevölkerung entsprechende Erziehungsmaßnahmen zu setzen, um ihre Ernährungsgewohnheiten trotz langer Tradition zu ändern. Propagiert wurde die Verwendung von Rapsöl für die Zubereitung von Speisen, Verzicht auf Butter, Lebensmittel in den Geschäften wurden nach ihrer Fettzusammensetzung gekennzeichnet, es gab Informationsveranstaltungen, Zeitungsinserate, usw. Durch diese Strategie konnte die Mortalität an koronarer Herzkrankheit in North Karelia von 1969 bis 1995 um 73 % gesenkt werden. Sehr viele Faktoren sprechen also dafür, dass erhöhtes Serumcholesterin zu einem Anstieg der koronaren Herzkrankheit führt.

Ein Antioxidantienschutz mit hohen Dosen an Vitamin E hatte sich in der über fünf Jahre laufenden HOPE-Studie als zwecklos erwiesen. Andererseits führte die von Lorgeril untersuchte mediterrane Diät zu überhaupt keiner Änderung der Serumcholesterinspiegel (gegenüber herkömmlicher cholesterinarmer Diät), aber trotzdem zu einer Senkung der Herzinfarktrate von 70 %. Die niedrige Herz-Kreislauf-Mortalität im China in den 1960er und 1970er Jahren könnte auch eine völlig andere Erklärung haben als den niedrigen Cholesterinspiegel der Bevölkerung. Die meisten Menschen sind während der Kulturrevolution an Hunger gestorben oder wurden umgebracht. Es gab kaum eine medizinische Versorgung und daher konnten auch Krankheiten, die sonst leicht mit Antibiotika zu behandeln sind, zum Tod führen. Viele Menschen starben an anderen Erkrankungen, bevor sie einen Infarkt überhaupt erlebt hätten.

In den vergangenen 100 Jahren hat sich die Lebenserwartung fast verdoppelt. Ab dem 55. Lebensjahr sinkt die Häufigkeit von Infektionskrankheiten und parasitären Erkrankungen als Todesursache, während Malignome und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zunehmen. Das heißt natürlich auch, dass die zunehmende Herz-Kreislauf-Todesrate während der letzten 100 Jahre eine notwendige Folge der höheren Lebenserwartung ist. Eine Zeit lang sah man in einem latenten Vitamin-C-Mangel eine der Hauptursachen für die Entwicklung von Arteriosklerose. Die 2001 publizierte Heart Protection Study, bei welcher der kardioprotektive Effekt von Vit­amin C in groß angelegtem Rahmen an tausenden Patienten untersucht worden ist, zeigte allerdings enttäuschende Ergebnisse.

Alles in allem ist die Entstehung der Koronaren Herzkrankheit und der damit verbundenen Folgeereignisse sicherlich zu einem großen Teil ernährungsbedingt. Es besteht allerdings die Möglichkeit, das Fortschreiten der Arteriosklerose und deren Folgeerscheinungen zu hemmen. Dazu gehören das Einhalten einer mediterranen Diät, ausreichend Bewegung und eine positive Lebenseinstellung, weiters die medikamentöse Senkung des Blutdrucks sowie die Verabreichung gewisser Vitamine. Wissenschaftlich bewiesen ist die Wirkung von cholesterinsenkenden Medikamenten. Auch Kalziumantagonisten hemmen die Arteriosklerose-Entwicklung in geringem Maße, und neueste Daten bescheinigen den Angiotensin-2-Rezeptorblockern ebenfalls einen solchen Effekt. Mehrere wissenschaftliche Arbeiten konnten zeigen, dass Angiotensin 2 verschiedene Mechanismen kontrolliert, welche zu Gefäßschäden, Entzündung und zu Lipidperoxidation führen. All diese sind in die Entwick­lung der Arteriosklerose eingebunden.

Weiters ist die Einwanderung von zirkulierenden Monozyten im Bereich arteriosklerotischer Veränderungen durch eine Angiotensin-2-rezeptorgesteuerte Regulation der vaskulären Adhäsionsmoleküle gekennzeichnet. Das Renin-Angiotensin-System steuert die Monozytenaktivität aus dem Knochenmark, insbesondere während der Hyperlipoproteinämie. Angiotensin-2-Antagonisten sind in der Lage, die Entwicklung arteriosklerotischer Veränderungen bei Tieren zu unterdrücken, welche mit einer cholesterinreichen Diät gefüttert werden.

Tierexperimentell sind die Angiotensin-2-Antagonisten auch in der Lage, altersassoziierte, myokardiale Degenerationserscheinungen an Kardiomyozyten, aber auch an Hepatozyten zu hemmen. An Mäusen konnte gezeigt werden, dass diese eine deutlich längere Lebenserwartung haben, wenn sie Angiotensin-2-Antagonisten erhalten. Ferder et al. konnten zeigen, dass Angiotensin-2-Antagonisten unter anderem auch die antioxidative Kapazität des Körpers günstig beeinflussen können.

Ferner hemmt diese Gruppe von Arzneimitteln vor allem bei Patienten mit Hypertonie, Herzinsuffizienz oder beiden Erkrankungen die Progression der myokardialen Fibrose und Hypertrophie durch die Hemmung profibrotischer Faktoren wie TGFβ, NAPK oder CTGF. In Summe zeigen Angiotensin-2-Antagonisten einen Anti-Aging-Effekt durch vaskuläre Protektion, Schutz der Endorgane, aber auch durch antiarteriosklerotische Wirkung.

 

Anti-Aging für Herz und Gefäße und Antioxidantien

Auch Polyphenolen wird im Rahmen des kardialen Anti-Aging ein wesentlicher Effekt nachgesagt, ausgehend davon, dass sie einen bedeutenden Anteil in der mediterranen Ernährung ausmachen. Dabei handelt es sich um hochpotente Antioxidantien, die durch Chelatbildung mit Eisen und Kupfer als Radikalfänger wirken. Sie hemmen die LDL-Oxidation und – über eine Beeinflussung des endothelialen NO – die Plaqueruptur. Die antioxidative Wirkung ist im Labor höher als die von Vitamin C und Vitamin E. Zu den Phenolen gehören u.a. Flavone, Flavonoide, Flavonole, Katechine, Stilbene.

  • Theoretisches Wirkkonzept: Hemmung des Alterungsprozesses der Gefäßwand durch antioxidative Wirkung.
  • Probleme: eingeschränkte Bioverfügbarkeit, geringfügige Absorption im Darm (17 bis 50 %), Verlust der antioxidativen Wirkung im Rahmen der Metabolisierung. Die Beurteilung der klinischen Wirksamkeit ist kontroversiell.

Es gibt ca. 4.000 verschiedene Polyphenole, wel­­che vorwiegend in Gemüse, Obst, Tee, Kaffee und Schokolade enthalten sind. Im Wesentlichen gibt es nur zwei Studien, die belegen, dass Menschen, die viel Flavonoide zu sich nehmen, auch ein geringeres Risiko für koronare Herzkrankheit und andere Gefäßerkrankungen haben. Andere Studien zeigen entweder keinen Effekt oder das Gegenteil. Insbesondere grünem und schwarzem Tee werden wesentliche antioxidative Eigenschaften zugeschrieben. Zusammenfassend muss man allerdings sagen, dass in allen Studien weder ein Effekt auf die Serumlipide noch auf den Blutdruck gefunden werden konnte und nur ein marginaler Anstieg der antioxidativen Kapazität des Blutes um wenige Prozent verzeichnet wurde. Es gibt Untersuchungen, die eine Verbesserung der Endothelfunktion und eine geringe Hemmung der Leukozytenmigration durch die Einnahme von sehr großen Mengen Tee (bis zu 1 l/Tag) bewirken.

Die wissenschaftliche Evidenz zu Anti-Aging-Maßnahmen für Herz und Gefäße zu schwach, um im kardiovaskulär-protektiven Bereich eine Empfehlung für die Verwendung von Flavonoiden zu geben. Es gibt ausreichend Evidenz dafür, dass eine Kost bestehend aus Früchten, Gemüse usw. im Rahmen der mediterranen Diät das Fortschreiten der Alterung des Gefäßsystems im Sinne der Arterioskleroseentwicklung hemmt, insbesondere der Endpunkte Morbidität und Mortalität.

Große bevölkerungsbezogene Studien zeigen, dass die Einnahme von antioxidativen Vitaminen das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse senkt, während sich aber auch zeigte, dass der Beisatz von Betakarotin zur Ernährung das Risiko für einen kardiovaskulären Tod um ein Viertel gesteigert hat. Insgesamt lässt sich sagen, dass der Effekt von Flavonoiden bzw. Polyphenolen als wirksame Kardioprotektion nicht ausreichend wissenschaftlich belegt ist, und dass es zu viele kontroverse Aussagen und Studien darüber gibt. Mögliche Synergien von Polyphenolen mit anderen Antioxidantien, wie Vitamin C und E, sind nicht auszuschließen, aber auch nicht belegt.

Quelle: Kardiales Anti-Aging – für Herz und Kreislauf.  Univ.-Prof. Dr. Robert Gasser PhD. MEDMIX 9/2008.

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