Johanniskraut gegen graue Gedanken

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Axel Rhindt
Axel Rhindt
MEDMIX-Redaktion, AFCOM Digital Publishing Team

Viele depressive Patienten setzen gerne Johanniskraut ein – der pflanzliche Stimmungsaufheller gilt als nebenwirkungsarme Alternative zu rezeptpflichtigen Antidepressiva.

Johanniskraut wirkt vielfältig auf das menschliche Nervensystem und beeinflusst das Nervensystem durch Wiederherstellung des Gleichgewichts der Botenstoffe im Gehirn. Die dadurch erzielte Erhöhung der Konzentration bestimmter Botenstoffe und deren Freisetzung bei depressiven Verstimmungen im Gehirn führt zur stimmungsaufhellenden, angstlösenden und antidepressiven Wirkung von Johanniskraut. Es handelt sich dabei unter anderem um bekannte Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin.

Die strahlend gelben Blüten des Johanniskrautes sind der auffälligste Teil der kraut­igen Pflanze. Geerntet werden die Blüten und oberen Zweigspitzen während der Zeit der Vollblüte, die übrigens in den Frühsommer fällt. Den Namen erhielt die Pflanze vom 24. Juni, dem Namenstag von Johannes dem Täufer.
Übrigens wählten Pflanzentherapie-Experten 2015 das Johanniskraut zur Arzneipflanze des Jahres. Dementsprechend hoben sie die traditionell sowie auch aktuell große Bedeutung der Heilpflanze hervor. Sie betonten aber auch Probleme mit der Klärung der Wirkungsmechanismen.

 

Johaniskraut – im Mittelalter gegen Melancholie verwendet

Schon in der Antike wurden verschiedene Johanniskrautarten in der Heilkunde verwendet, vor allem bei Brandwunden, Ischias, Harnwegs- und Menstruationsbeschwerden.
Im Mittelalter konzentrierte sich die Anwendung dann auf das Echte Johanniskraut. Im ältesten erhaltenen Dokument der mittelalterlichen Klostermedizin, dem „Lorscher Arzneibuch“ aus dem letzten Jahrzehnt des achten Jahrhunderts, wird das Kraut erstmals zur Behandlung von „Melancholie“ empfohlen, womit eine depressive Verstimmung gemeint sein kann. Daneben galt Johanniskraut auch als Mittel gegen Magenschmerzen und Leberschwäche.
Erstaunlicherweise finden sich in alten Kräuterbüchern und Folianten mehr Hinweise auf die Verwendung als Wurmmittel, bei Gicht und Rheuma als bei Wetterfühligkeit und Melancholie. Jedenfalls wurden in den letzten 20 Jahren die Inhaltsstoffe des Johanniskrautes und deren Wirkung soweit bestimmt, dass heute eine Reihe von wirksamen pflanzlichen Arzneimitteln zur Behandlung depressiver Zustandsbilder und Störungen angeboten werden können.

 

Darreichungen und Inhaltsstoffe

Mit Johanniskraut-Extrakten darf allerdings das Johanniskraut-Öl nicht gleichgesetzt werden. Ölkapseln haben keine antidepressive Wirkung, bessern daher die gestörte Stimmungslage und die Schlafproblemen nicht und sind auch anders zusammengesetzt.

Als wirksamkeitsmitbestimmende Inhaltsstoffe gelten das Hypericin und das erwähnte Hyperforin – die Hauptinhaltsstoffe des Echten Johanniskrauts. Beide Stoffe leiden unter Licht- und Wärmeeinfluss. Daher kommt der Herstellung große Bedeutung zu. Extrakte und Tees aus den blühenden Triebspitzen werden therapeutisch verwendet. Denn vor allem die Blütenknospen, die geöffneten Blüten und die noch grünen Fruchtkapseln sind reich an Wirkstoffen.

Johanniskraut-Tee zählt zu den beliebtesten Teezubereitungen. Sachgerecht zubereitet bessert er eine melancholische Stimmungs­lage und kann die Stimmungsschwankungen im Rahmen des weiblichen Montagszyklus bessern. Die übliche Dosierung beträgt 2–4 Gramm täglich pro Tasse.

Johanniskraut-Extrakt 70 bis 40 kg (je nach Qualität) des getrockneten Johanniskrauts werden mit wässrigem Alkohol erschöpfend extrahiert, der Alkohol schonend entfernt und schließlich ein Trockenextrakt hergestellt. Die ­Johanniskraut-Arzneimitteln enthalten den Trockenextrakt als Dragees oder Kapseln zu jeweils 80 bis 300 mg.

 

Johanniskraut ist nebenwirkungsarm

Der große Vorteil von Johanniskraut-Extrakten im Vergleich mit den synthetischen Anti­depressiva besteht in der Nebenwirkungsarmut. Ein Johanniskraut-Extrakt ruft beispielweise keine Mundtrockenheit, Schläfrigkeit oder Harnverhaltung hervor. Weiters ist er auch in höherer Dosierung gut verträglich und beeinträchtigt nicht die Straßenverkehrsfähigkeit sowie die Sexualität. Die meisten Betroffenen nehmen 2 bis 3 Kapseln oder Dragees ein, wobei die anti­depressive Wirkung allerdings erst nach mehreren Wochen eintritt. Allerdings haben auch chemische Wirkstoffe einen ähnlich langsamen Wirkbeginn.

Die jeweiligen Anwendungsgebiete für die rezeptfreien Johanniskraut-Extrakt-Präparate lauten: „Psychovegetative Störungen = körperliche und nervliche Beschwerden ohne organische Ursachen, depressive ­Verstimmungszustände, Angst und/oder nervöse Unruhe“. Die rezeptpflichtigen ­Johanniskraut-Extrakte haben eine etwas höhere Dosierung und eine etwas andere Formulierung der Anwendungs­gebiete. Dies reicht von leichten bis mittelschwere ­Depressionen sowie von Antriebsarmut, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen bis zu Angst- und Unruhezuständen.

 

Viele Wirkungen auf den Organismus

Die Forschung konnte im Laufe der Zeit zahlreiche Wirkungen von innerlich angewandten Johanniskraut-Extrakt zeigen. Beispielsweise bleiben spezielle Botenstoffe des Nervensystems länger und in höherer Zahl verfügbar. Auf diesem Prinzip beruht auch die Wirkung klassischer Antidepressiva.
Weiters steigert Johanniskraut zudem die nächtliche Ausschüttung des Hormons Melatonin, das an einem gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt ist.
Das Hypericin erhöht wiederum auch die Lichtempfindlichkeit. Dieser Effekt kann bei sehr hellhäutigen Personen unter Umständen sogar zu einer Überempfindlichkeit gegen Licht führen.
Die genannten Effekte sind vor allem bei depressiven Verstimmungen therapeutisch interessant. Deshalb wurde Johanniskraut auf Grund von einschlägigen klinischen Studien als Mittel gegen leichte bis mittelschwere depressive Verstimmungen zugelassen. Ebenso verwenden es Betroffene bei psychovegetativen Störungen, Angstzuständen sowie nervöser Unruhe. Schließlich macht die Einnahme bei saisonalen Frühjahrs- und Winterdepressionen, Schlafstörungen sowie bei leichten Depressionen in den Wechseljahren Sinn. Übrigens werden spezielle Johanniskraut-Extrakte auch bei der Alzheimer-Krankheit getestet.

 

Hypericin und Krebs

Aktuell testen Wissenschaftler isoliertes Hypericin sogar für die Krebstherapie. Denn da sich Hypericin an krebsartigen Zellen sammelt, könnte der Wirkstoff als Indikator und so genannter Photosensibilisator für Krebszellen eingesetzt werden. Beispielsweise bildet der Wirkstoff bei Bestrahlung mit einem bestimmten Lichtspektrum aggressive Sauerstoffradikale, die Krebszellen abtöten können.

 

Johanniskraut in der Kritik

In letzten Jahren gab es kontroverse Diskussionen über Johanniskraut. Der Grund: Ende der 1990er-Jahre wurde festgestellt, dass Johanniskraut das wichtigste arzneimittelabbauende Enzym (CYP 3A4) in seiner Wirkung verstärkt und darum zu einem erhöhten Abbau anderer Arzneistoffe im Körper führt.
So kann es bei Kombination von Johanniskraut mit verschiedenen anderen Arzneimitteln zu starken Wirkungsverlusten beziehungsweise Wechselwirkungen kommen. Wenn man dann das Johanniskraut allerdings absetzt, können hingegen diese Substanzen eine therapeutisch gefährliche Wirkung verursachen. Deshalb wurden hoch dosierte Johanniskraut-Präparate 2003 der Apothekenpflicht unterstellt. Niedrig dosierte Mittel sowie Tee und Rotöl blieben davon aber ausgenommen.

Bekannte Wechselwirkungen

Schließlich verursachen hochdosierte Johanniskraut-Präparate mit einer Tagesdosis ab 600 Milligramm Wechselwirkungen mit einigen Antidepressiva, Immunsupressiva oder HIV-Medikamenten. Ebenso betroffen sind Herzmedikamente wie Digoxin, Blutgerinnungshemmer vom Cumarintyp und vermutlich auch das bronchienerweiternde Mittel Theophyllin. Es sei zudem nicht auszuschließen, dass Johanniskraut auch die Wirksamkeit von hormonellen Verhütungsmitteln beeinträchtigt, wie der Studienkreis schreibt.
Bei der alleinigen Einnahme auch hoch dosierter Johanniskraut-Mittel gilt die Verträglichkeit allerdings als gut.

Literatur:

Eric A. Apaydin, Alicia R. Maher, Roberta Shanman, Marika S. Booth, Jeremy N. V. Miles, Melony E. Sorbero, Susanne Hempel. A systematic review of St. John’s wort for major depressive disorder. Syst Rev. 2016; 5(1): 148. Published online 2016 Sep 2. doi: 10.1186/s13643-016-0325-2


Quelle: Phytotherapien bei psychischen Störungen. MEDMIX 12/2006

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