Idiopathische Fazialisparese – Bell’s Palsy, häufige Gesichtslähmung

Idiopathische Fazialisparese, Bell's Palsy, Gesichtslähmung © Medical Art Inc / shutterstock.com

Idiopathische Fazialisparese, Bell's Palsy, Gesichtslähmung © Medical Art Inc / shutterstock.com

Die idiopathische Fazialisparese – Bell’s Palsy – ist die häufigste Gesichtslähmung, die etwa 60 bis 75% der erworbenen peripheren Fazialisparesen ausmacht.

Eine Gesichtslähmung bezeichnet man auch als Fazialisparese oder Fazialislähmung. In etwa drei von vier Erkrankungsfälle ist die Ursache nicht zu eruieren. Daher bezeichnet man die Funktionsstörung des Nervus facialis – dem VII. Hirnnerv – auch als idiopathische Fazialisparese oder auch Bell’s palsy. Im Grunde genommen sind idiopathische Erkrankungen immer Krankheiten mit nicht bekannter Ursache. Das Symptom selbst ist die Krankheit.

Übrigens hilft der neue paraFace-Test bei der effizienten Klassifizierung von Gesichtslähmungen. Dabei kombiniert man verschiedene Maßnahmen, um die gesunde von der gelähmte Seite zu unterscheiden.

Jedenfalls definiert man die idiopathische Fazialisparese, die meist nur in einer Gesichtshälfte auftritt, als plötzlich auftretende inkomplette oder komplette Lähmung der mimischen Muskulatur (Gesichtsmuskulatur). Und zwar aufgrund einer Gesichtsnerv-Funktionsstörung ohne erkennbare Ursache.

Übrigens beobachteten Forscher, dass während der Corona-Pandemie ein höheres Auftreten von Gesichtslähmung als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. 21% der Patienten mit Gesichtslähmung hatten aktive oder kürzlich aufgetretene Symptome im Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion, was auf ein übermäßiges Risiko für Gesichtslähmung während oder nach COVID-19 hinweist. Diese Patienten suchten später ärztliche Hilfe, wahrscheinlich aus Angst, sich während der Assistenz mit COVID-19 zu infizieren.

 

Lähmungserscheinungen im Gesicht

Bei plötzlichen Lähmungserscheinungen im Gesicht denkt man als erstes an einen Schlaganfall. Es kann jedoch auch eine harmlosere Erkrankung vorliegen. Die genaue Ursache sollte immer in einem Krankenhaus abgeklärt werden. Die wesentlich häufiger verwendete Bezeichnung Bell’s palsy geht auf den schottischen Arzt Sir Charles Bell zurück. Der lebte von 1774 bis 1842. Bell war Professor in London und Lehrstuhlinhaber der Chirurgie in Edinburgh. Dabei beschäftigte er sich intensiv mit peripheren Nerven und Gehirnverbindungen.

 

Prognose bei Bell’s Palsy

Da ein frühzeitiger Therapiebeginn prognostisch günstig ist, soll die akute idiopathische Fazialisparese als Notfall behandelt werden rascher Einleitung der Therapie. Die Prognose der Erkrankung ist insgesamt gut, wobei sie in der Regel vom Ausmass der Lähmung beziehungsweise der Denervierung abhängt.

Die Wahrscheinlichkeit einer kompletten Remission ist umso besser, je früher eine Teilfunktion zurückkehrt, bei einer inkompletten Lähmung ist die Prognose sehr gut.

In einer Studie 1982  zeigte sich bei unbehandelten Patienten in 85% der Fälle eine Remission innehlab von 3 Wochen nach Symptombeginn. Bei weiteren 10% der Betroffenen kam es zu einer partiellen Remission nach 3 bis 6 beziehungsweise 9 Monaten. In 71% der Fälle war die Rückbildung vollständig, in 13% unvollständig ohne wesentliche Beeinträchtigung der Patienten.

Eine vollkommene oder rasch entstandene Gesichtslähmung sowie zusätzliche Schmerzen und otoneurologische Symptome haben eher eine schlechte Prognose. Auch ein verzögerter Start der Behandlung kann sich in manchen Fällen sehr negativ auswirken.

 

Bell’s Palsy Differenzialdiagnose

Die Differenzialdiagnostik nimmt bei Fazialisparese eine sehr wichtige Rolle ein, diese beginnt in der Regel mit einer ausführlichen klinische neurologische Untersuchung der Gesichtslähmung. Nicht selten vermutet man (vor allem Betroffene und Angehörige), dass die plötzlichen Lähmungserscheinungen im Gesicht auf einen Schlaganfall hinweist. Wobei in vielen Fällen eine halbseitige Gesichtslähmung vorliegt.

Die Otoskopie – die Untersuchung des äußeren Gehörganges und des Trommelfellsmittels Otoskop oder Ohrtrichter – soll eine Infektion mit Zoster oticus (eine Varizella-Zoster-Vireninfektion des Ohres) ausschließen. Im Labor wird eine Borreliose-Serologie, bei Verdacht auch eine Varizella-Zoster-Serologie durchgeführt.

Die Liquorpunktion – dem Abzapfen von Nervenwasser (Liquor) aus dem Rückenmarkskanal – wird bei Kindern immer eingesetzt, sollte aber auch bei erwachsenen Patienten eingesetzt werden.

 

Idiopathische Fazialisparese behandeln: Gesichtslähmung bei Bell’s Palsy mit Glukokortikoide erfolgreich medikamentös therapieren!

Man geht davon aus, dass eine Idiopathische Fazialisparese pathophysiologisch mit einer Schwellung
des Nervs im knöchernen Kanal vergesellschaftet ist, die die Symptomatik verursacht. Dies erklärt auch das evidenzbasierte gute Ansprechen auf eine Therapie mit Glukokortikoide. Wobei Prednisolon das Mittel der Wahl ist.

Glukokortikoide begünstigen die vollständige Rückbildung und wirken einem Risiko von Synkinesien, autonomen Störungen sowie Kontrakturen entgegen. Aufgrund aktueller Studienergebnisse werden entweder für 10 Tage 2 x 25 mg Prednisolon oder für 5 Tage 60 mg Prednisolon mit folgender täglicher Reduktion um 10 mg empfohlen.

Die zusätzliche Gabe von antiviralen Wirkstoffen wird generell nicht empfohlen und im sollte im Einzelfall nur mit Einwilligungdes Patienten nach erfolgter Aufklärung geschehen. Bei Patienten mit bekannter Herpes-Manifestation ist das durchaus zu empfehlen.

Auch zur Behandlung der Fazialisparese bei Diabetespatienten wird die orale Einnahme von Prednisolon unter sorgfältiger Kontrolle der diabetischen Stoffwechsellage empfohlen.

Laut der aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie erscheint eine Stellatum-Blockade – mit 10 ml 1% Lidocain und 0,5 mg Vitamin B12 – einmal täglich für 10 bis 20 Tage, die bei Diabetespatienten zu verbesserter Durchblutung des Nervus facialis nebst schneller Rückbildung der Gesichtslähmung führen soll, als zu invasiv und damit mit zu hohen Risiken behaftet zu sein (Punktion zwischen A. carotis interna und Trachea), auch wenn in einer Studie kaum Nebenwirkungen gezeigt wurden.

Eine idiopathische Fazialisparese in der Schwangerschaft und kurz nach der Geburt ist selten, die Datenlage ist sehr gering, medikamentös gelten auch hier Glukokortikoide als Mittel der Wahl.

 

Idiopathische Fazialisparese nichtmedikamentös behandeln

Die symptomatische Therapie mit künstlichen Tränen, Hornhautschutz durch Dexpanthenol-Augensalbe sowie nächtlichem Uhrglasverband bei unzureichendem Lidschluss ist mittlerweile etabliert. Bei ausbleibender Restitution kann eine Lidbeschwerung – ein sogenanntes Lidloading – erfolgen.

Mikrochirurgische Verfahren kommen ebenfalls in Frage. Beispielsweise die Rekonstruktion des betroffenen Nervus facialis mit Cross-Face-Nervennaht oder Hypoglossus-Fazialis-Jump-Nervennaht sowie ein freier Muskeltransfer. Botulinumtoxin kann im Einzelfall eine Besserung störender Synkinesien bringen, eine allgemeine Empfehlung lässt sich aufgrund der aktuellen Forschung aber nicht ableiten. Größere randomisierte Kontrollstudien sollten zukünftig Ärzten helfen, den Nutzen der Botulinumtoxin-Therapien für Patienten mit Gesichtslähmung zu verdeutlichen.

 

Alternative Methoden

Alternative Maßnahmen sind die hyperbare Oxygenation in einer Überdruckkammer, die chirurgische Behandlung mit einer Nervendekompression (schlechte Datenlage).

Die Idiopathische Fazialisparese kann man auch mit Akupunktur behandeln. Kürzlich zeigte eine Studie zum »de qi –Akupunkturkonzept«, nach 6 Monaten dass die so behandelten Patienten eine verbesserte Fazialisfunktion hatten. Und zwar verglichen mit der herkömmlichen Akupunktur.

Derzeit läuft eine große Studie zur Wirksamkeit der Laserakupunktur (LAT). Im Grunde genommen scheint diese nicht-invasive, schmerzfreie Behandlungsmethode bei der Linderung von Schmerzzuständen effektiv zu sein.


Literatur:

Codeluppi L, Venturelli F, Rossi J, Fasano A, Pacillo F, Cavallieri F, Giorgi Rossi P, Valzania F. Facial palsy during the COVID-19 pandemic. Brain Behav. 2020 Nov 7:e01939. doi: 10.1002/brb3.1939. Epub ahead of print. PMID: 33159420.

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Heckmann J. G. et al. S2k-Leitlinie Therapie der idiopathischen Fazialisparese – Bell’s palsy. 2017. In: Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Hrsg. Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie

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