Hypersexualität und Sexsucht immer häufiger auch bei Jüngeren

Bei einzelnen Persönlichkeitsstörungen muss Hypersexualität zudem als Legitimation für Seitensprünge herhalten. © sakkmesterke / shutterstock.com

Bei einzelnen Persönlichkeitsstörungen muss Hypersexualität zudem als Legitimation für Seitensprünge herhalten. © sakkmesterke / shutterstock.com

Bereits Minderjährige leiden unter Hypersexualität und kippen in die Sexsucht. Hierzu braucht man bessere Aufklärung in Schulen und niederschwellige Beratungsangebote.

Hypersexualität bezeichnet eine abnormal erhöht und / oder extreme, sexuelle Aktivitäten. Bei sechs Prozent der Bevölkerung wird Sex zwanghaft, es besteht eine Sexsucht. Beispielsweise riskieren zahlreiche Menschen dann für einen sexuellen Kick sehr viel. Wobei heute auch immer mehr Jüngere – auch Minderjährige – unter Hypersexualität leiden. Oft geht man vor allem bei Männern auch davon aus, dass hypersexuelle Männer zu viel am Hormon Testosteron im Organismus haben. Doch jüngste Studien zeigen, dass vor allem erhöhte Luteinisierungshormon-Plasmaspiegel (luteinisierende Hormon) die Hypersexualität und Sexsucht förderte, und nicht der Testosteronspiegel.

 

Zwang oder Störung der Triebimpulskontrolle

Hypersexualität gilt als Zwang oder als Störung der Triebimpulskontrolle. Betroffene brechen ihr Studium ab oder riskieren den Job, weil sie nur mehr auf Pornoseiten surfen. Sie verschulden sich rettungslos, weil es ohne Prostituierte oder Sexhotlines nicht mehr geht. Sie infizieren sich mit Geschlechtskrankheiten, weil der sexuelle Kick wichtiger ist als jede Vorsichtsmaßnahme.

So ergeht es vielen Menschen, die unter Hypersexualität leiden. Hypersexualität – die so genannte Sexsucht, die nichts mit ausgeprägtem Libido zu tun hat, gilt als Zwang oder als Störung der Triebimpulskontrolle.

 

Bei einzelnen Persönlichkeitsstörungen muss Hypersexualität zudem als Legitimation für Seitensprünge und Sexsucht herhalten

Quelle: Andrey_Popov / shutterstock.com
Hypersexualität sehen die Therapeuten oft in Verbindung mit dem Konsum von Kokain. © Andrey_Popov / shutterstock.com

Obwohl Hypersexualität für Betroffene und oft auch deren Umfeld einen hohen Leidensdruck schafft, wird dieser Erkrankung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt und sie vielfach nicht ernst genommen. Ähnlich wie bei einer Substanzsucht erleben Betroffene ständigen Konsumzwang und das Bedürfnis, Dosis und Intensität des „Kicks“ zu steigern.

Oftmals tritt Hypersexualität auch in Verbindung mit bipolaren Erkrankungen oder dem Konsum stimulierender Substanzen wie Kokain auf. Bei einzelnen Persönlichkeitsstörungen muss Hypersexualität zudem als Legitimation für Seitensprünge herhalten.

 

Hypersexualität und Sexsucht als Ko-Erkrankung

Tatsächlich ist „Sexsucht“ nicht als eigenständiges Krankheitsbild klassifiziert. In der Regel geht sie mit anderen Störungen einher und wird deshalb manchmal übersehen, oder von den Betroffenen stillschweigend übergangen. Vielen ist das Thema peinlich, was der behandelnde Experte bei Anamnesegesprächen immer mitbedenken muss.

Spätestens wenn sich herausstellt, dass eine Patientin oder ein Patient spiel- und Internet süchtig ist und zur Substanzabhängigkeit neigt, sollte nachgefragt werden, wie es um Sexualität und Partnerschaft bestellt ist.

Wer mehrmals pro Tag masturbiert und ständig auf der Suche nach sexuellen Reizen ist, ist bereits von einem Suchtverhalten getrieben. Hypersexuelle Menschen haben auch Schwierigkeiten, Kontakte anzubahnen und Beziehungen zu halten. Sollte sie in einer Partnerschaft leben, gestaltet sich das Liebesleben oft schwierig und wenig erfüllend.

Eine Hypersexualität kann auch mit Depression gekoppelt oder eine Begleiterkrankungen der Aufmerksamkeitsstörung ADHS sein. Fieberhafte sexuelle Aktivitäten sollen beim Entspannen helfen und das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren.

Es gibt wenige valide Studien zur Hypersexualität. Die genauen Gründe und Auslöser dieser Störung sind nicht mit Sicherheit defnierbar. Faktum ist, dass die Krankheit keine genetischen Ursachen hat und somit nicht vererbbar ist. Mit großer Mehrheit sind allerdings Männer betroffen.

Der Kick, den sich Betroffene holen, unterscheidet sich nach Geschlecht: Während sich Männer mit Sexualhandlungen und Orgasmen entspannen, belohnen und bestätigen wollen, genießen hypersexuelle Frauen den hohen Erregungslevel, kommen aber selten zum Höhepunkt.

 

Schon Jugendliche in Therapie

Besonders wichtig im Zusammenhang mit der Hypersexualität ist die Auseinandersetzung mit den Themen Internet- und Spielsucht sowie Cybersex. © JMiks / shutterstock.com

Sexsucht kommt in allen sozialen Schichten vor – und die Betroffenen werden immer jünger. Heute kommen schon Jugendliche ab der 7. Schulstufe in die Therapie. Das mag zum einen der generellen Zunahme von ADHS geschuldet sein, ganz sicher liegt es aber auch am digitalen Wandel und der Tatsache, dass durch leistungsfähige Internet-Verbindungen Cybersex und Porno-Inhalte rund um die Uhr verfügbar sind.

Hier besteht auch hoher Aufklärungsbedarf in den Schulen. Schon früh sollte dafür sensibilisiert werden, wie Süchte entstehen und wie man Suchtverhalten in der Tendenz erkennt. Besonders wichtig im Zusammenhang mit der Hypersexualität ist die Auseinandersetzung mit den Themen Internet- und Spielsucht sowie Cybersex.

Wichtig ist natürlich auch, Jugendliche über die Gefährlichkeit von AIDS und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu informieren und sie darüber aufzuklären, wie sie sich davor schützen können – gerade dann, wenn sexuelle Abenteuer mit häufig wechselnden Partnern ein Thema sind.

 

Was hilft gegen Hypersexualität?

Die Einschätzung, was als „sexsüchtig“ gilt, kann sich je nach Gesellschaft und historischem Kontext ändern. Wenn der Drang aber nicht mehr kontrollierbar und zur Belastung wird, wenn die unerfüllten Kompensationsversuche in selbstschädigendes Verhalten münden, ist die professionelle Hilfe von Suchtexpertinnen und -experten dringend angezeigt.

Manche Therapie-Ansätze empfehlen erst totale Abstinenz und danach den langsamen Aufbauen einer Paarbeziehung, in der echte Nähe möglich ist. Empfehlenswert ist in jedem Fall zuerst eine umfassende medizinische Abklärung, um körperliche Ursachen oder psychiatrische Erkrankungen auszuschließen sowie eine klinisch-psychologische Diagnostik durch Fachpsychologen.

Die weitere Behandlung sollte das ganze System des Betroffenen erfassen und kann Medikamente, Psychotherapie und eine klinisch-psychologische Behandlung beinhalten.

Suchtspezialisten mit entsprechender Qualifikation sollten niederschwellig zu erreichen sein, damit sich Betroffene anonym beraten lassen können und Zugang zu passenden Hilfsangebote erhalten.


Literatur:

Knight RA, Du R. The Structure, Covariates, and Etiology of Hypersexuality: Implications for Sexual Offending. Curr Psychiatry Rep. 2021 Jul 1;23(8):50. doi: 10.1007/s11920-021-01260-w. PMID: 34196843.

Chatzittofis A, Boström AE, Öberg KG, et al. Normal Testosterone but Higher Luteinizing Hormone Plasma Levels in Men With Hypersexual Disorder [published online ahead of print, 2020 Mar 12]. Sex Med. 2020;S2050-1161(20)30028-3. doi:10.1016/j.esxm.2020.02.005

Asiff M, Sidi H, Masiran R, Kumar J, Das S, Hatta NH, Alfonso C. Hypersexuality As a Neuropsychiatric Disorder: The Neurobiology and Treatment Options. Curr Drug Targets. 2018;19(12):1391-1401. doi: 10.2174/1389450118666170321144931.

Walton MT, Cantor JM, Bhullar N, Lykins AD. Hypersexuality: A Critical Review and Introduction to the Sexhavior Cycle. Arch Sex Behav. 2017 Nov;46(8):2231-2251. doi: 10.1007/s10508-017-0991-8. Epub 2017 Jul 7.


Quelle: 6. Internationales Suchtsymposium in Grundlsee / Österreich 2016

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