Bestrahlung gegen Hirnmetastasen bei Lungenkrebs

Lungenkrebs © decade3d - anatomy online / shutterstock.com

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Bei Lungenkrebs kommt es oft zu Hirnmetastasen, mit der frühen Bestrahlung des Schädels will man dem Auftreten von Hirnmetastasen vorbeugen.

Das Risiko der Metastasierung ist beim kleinzelligen Lungenkrebs besonderes hoch. Deshalb wird vorsorglich eine Bestrahlung des Schädels, um Hirnmetastasen bei dieser Lungenkrebs-Form vorzubeugen, als Therapiestandard. Nun weisen aktuelle Daten darauf hin, dass die vorbeugende Bestrahlung des Schädels auch bei nichtkleinzelligem Lungenkrebs sinnvoll sein könnte.

 

Hirnmetastasen vorbeugen

Mit etwa 75% tritt das sogenannte nichtkleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC – „Non Small Cell Lung Carcinoma“) am häufigsten auf. Der seltenere, kleinzellige Lungenkrebs gilt als gefährlicher, da er schneller Metastasen bildet.

Da typischerweise Hirnmetastasen auftreten, wird zusätzlich zur eigentlichen Tumortherapie eine vorsorgliche (prophylaktische) Bestrahlung des Schädels (PCI/ „prophylactic cranial irradiation“) empfohlen. In frühen Stadien vom kleinzelligem Lungenkrebs verringert die vorbeugende Bestrahlung das Auftreten von Hirnmetastasen etwa um 50%. Zudem verlängert die PCI das Gesamtüberleben.

 

Hirnmetastasen beeinträchtigen die Lebensqualität sehr stark

Das Auftreten von Hirnmetastasen verschlechtert auch die Lebensqualität der Lungenkrebs-Patienten massiv, da sie die funktionellen Bereiche im Hirn und auch Nerven beeinträchtigen. Typischerweise kommt es zu starken Kopfschmerzen, auch zu Schwindel und Übelkeit aufgrund des erhöhten Hirndrucks, häufig sind auch Krampfanfällen, sensorische Störungen (beispielsweise das sehen von Doppelbildern), Sprachstörungen, manchmal kann es sogar zur Halbseitenlähmung oder psychischen Störungen bis hin zu einer Wesensveränderung kommen.

Die Frage ist daher, ob auch Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs von der vorsorglichen Hirnbestrahlung profitieren – immerhin entwickelt auch jeder dritte Patient im NSCLC-Stadium III binnen zwei Jahren Hirn-Metastasen.

 

Vorbeugende PC – prophylactic cranial irradiation: Bestrahlung gegen das Auftreten von Hirnmetastasen bei auch bei NSCLC-Lungenkrebs-Patienten effektiv!

Eine aktuelle Studie aus den Niederlanden und Belgien untersuchte die prophylaktische Schädelbestrahlung (PCI) bei NSCLC-Patienten in Stadium III bei kurativem Therapieansatz hinsichtlich des Auftretens symptomatischer Hirnmetastasen sowie des Gesamtüberlebens: 175 Patienten wurden nach Abschluss einer multimodalen Therapie (Chemostrahlentherapie +/- Operation) 1:1 randomisiert und erhielten entweder eine PCI oder wurden nur beobachtet (Kontrollgruppe).

Studienendpunkt war primär das Auftreten von symptomatischen Hirnmetastasen innerhalb von zwei Jahren. Bei Hirndruck-Symptomatik wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Krampfanfällen, kognitiven oder affektiven Auffälligkeiten wurde mittels CT oder MRT nach Hirnmetastasen gesucht. In der Nachbeobachtungszeit von median 48,5 Monaten traten in der PCI-Gruppe bei 7% (6/86) symptomatische Hirn-Metastasen auf – in der Beobachtungsgruppe dagegen bei 27% (24/88). Das Gesamtüberleben war in den Gruppen nicht signifikant unterschiedlich.

Gegenüber Lungenkrebs Patienten ohne Bestrahlung war die Lebensqualität in der PCI-Gruppe in den ersten drei Monaten nach der Bestrahlung niedriger. Danach war sie in beiden Gruppen ähnlich. In der PCI-Gruppe hatten mehr Patienten niedrig gradige Gedächtnisstörungen (26/86 gegenüber 7/88) und Aufmerksamkeitsstörungen (16/86 gegenüber 3/88).

 

Nutzen der prophylaktischen Schädelbestrahlung bestätigt

Zusammenfassend reduzierte eine prophylaktische Schädelbestrahlung bei NSCLC-Patienten in Stadium III nach kurativem Therapieansatz das Auftreten symptomatischer Hirn-Metastasen von 27% auf 7% – um den „Preis“ kognitiver Beeinträchtigungen (Grad I-II) wie Gedächtnisstörungen bei jedem dritten Patienten (ohne Bestrahlung traten diese Beschwerden nur bei knapp 5% auf) sowie Aufmerksamkeitsstörungen bei fast jedem fünften Patienten (3% in der Kontrollgruppe).

Vieles deutet also auch auf einen Nutzen der prophylaktischen Schädelbestrahlung (PCI) beim NSCLC. Was aber auch erwähnt werden muss: Das Gesamtüberleben konnte die PCI nicht beeinflussen; einen Rückfall (Rezidive) erlitten in den zwei Jahren fast genauso viele Patienten nach PCI (67%) wie in der Kontrollgruppe (72%).

Rezidive können gerade beim nichtkleinzelligem Lungenkrebs auch außerhalb des Gehirns auftreten und zum Fortschreiten der Krebserkrankung führen. Das kann die PCI nicht verhindern, sie kann aber nach jetziger Datenlage für viele Patienten eine sinnvolle und wirksame Maßnahme darstellen, um die Lebensqualität zu erhalten.

Eine Bestrahlung des Schädels kann bei allen Lungenkrebs-Patienten offensichtlich Hirnmetastasen vorbeugen beziehungsweise das Auftreten zeitlich hinausschieben. Allerdings kann die Bestrahlung mit neurokognitiven Nebenwirkungen einhergehen, wie beispielsweise Konzentrationsstörungen, Störungen der Merkfähigkeit sowie Abgeschlagenheit. Zudem konnte man bislang bei NSCLC-Lungenkrebs-Patienten keine Verlängerung der Überlebenszeit durch die vorsorgliche Bestrahlung zeigen.

 

Keine klare Empfehlung beim nichtkleinzelligem Lungenkrebs

Experten der DEGRO raten beispielsweise dazu, die PCI bei kleinzelligem Lungenkrebs weiterhin als Therapiestandard durchzuführen, da sie hier auch mit einem Überlebensvorteil einhergeht und der Nutzen die Risiken überwiegt. Beim nichtkleinzelligem Lungenkrebs empfiehlt sie ein individualisiertes Vorgehen, da das Nutzen-Risiko-Profil nicht so deutlich ist.

Im Grunde genommen können Hirnmetastasen die Lebensqualität von Lungenkrebs-Patienten drastisch verschlechtern. Und das ist individuell gegen das Risiko möglicher Nebenwirkungen abzuwägen. Der Patient sollte in diese Entscheidung eingebunden werden. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Datenlage geben die DEGRO-Experten aber keine klare Empfehlung für die PCI bei NSCLC geben. Hierzu arbeitet man aber in Zusammenarbeit mit europäischen und internationalen Studiengruppen daran, die Evidenzlage zur Strahlentherapie in dieser klinischen Situation weiter zu festigen.


Literatur:

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Sun DS, Hu LK, Cai Y et al. A systematic review of risk factors for brain metastases and value of prophylactic cranial irradiation in non-small cell lung cancer. Asian Pac J Cancer Prev 2014; 15:1233-39

Le Péchoux C, Dunant A, Senan S et al. Standard-dose versus higher-dose prophylactic cranial irradiation (PCI) in patients with limited-stage small-cell lung cancer in complete remission after chemotherapy and thoracic radiotherapy (PCI 99-01, EORTC 22003-08004, RTOG 0212, and IFCT 99-01): A randomised clinical trial. Lancet Oncol 2009; 10:467-74

Aupérin A, Arriagada R, Pignon JP et al. Prophylactic cranial irradiation for patients with small-cell lung cancer in complete remission. N Engl J Med 1999; 341: 476-84


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e.V. 

Daten des Robert-Koch-Instituts, abrufbar unter https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/publikationen_node.html;jsessionid=7090C72425067AB68A9CB795F79AA56A.1_cid381

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