Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Erkrankungen und Verletzungen

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Eine Studie der AOK Baden-Württemberg und des BVOU zu Knieverletzungen zeigt geschlechtsspezifische Unterschiede bei Erkrankungen und Verletzungen.

Eine gemeinsame Studie der AOK Baden-Württemberg und des Berufsverbands für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) zu Knieverletzungen zeigt, dass die Verletzungszahlen für Frauen in den vergangenen Jahren stärker gestiegen sind als die für Männer. Frauen haben häufiger Rückenschmerzen, Rheuma und Kniearthose, mehr Schmerzen und profitieren weniger von einem neuen Gelenk. Männer brechen sich seltener den Schenkelhals, sterben aber eher an den Folgen.

Geschlechtsspezifische Aspekte in Orthopädie und Unfallchirurgie

Obwohl wir Tag für Tag sehen, wer uns aufsucht und mit welchen Beschwerden, ist der Einfluss des Geschlechtes in Orthopädie und Unfallchirurgie bisher fast nur achselzuckend zur Kenntnis genommen worden. Was sollte man denn am Geschlecht auch ändern können? Ich möchte Ihnen anhand der von der AOK Baden-Württemberg und dem BVOU erhobenen Verletzungszahlen für das Knie in einem großen deutschen Bundesland zeigen, wie relevant geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Unfällen sind und dass wir gut daran täten, möglichst schnell alters- und geschlechtsadaptierte Präventionssysteme zu entwickeln und diese auch zu implementieren. Wenn wir nichts tun, ändert sich nämlich auch nichts. Weil viele Unfälle mit riskantem Sport zu tun haben, brauchen wir auch dringend eine bessere Aufklärung über riskantes Sportverhalten. Weder Frauen noch Männer sollten sich zu einer sportlichen Aktivität drängen lassen, für die sie nicht entsprechend vorbereitet sind.

Wie sah unsere Studie aus?

Wir haben zwischen 2008 und 2013 pseudonymisierte und damit rein fallbezogene Daten von 3,8 Millionen Versicherten der AOK Baden-Württemberg (BW) ausgewertet. Ich präsentiere Ihnen Daten für  Kniebandverletzungen, für Meniskusrisse und für Knochenbrüche am Knie. Bevor ich zu den einzelnen Verletzungen komme, zwei Bemerkungen vorweg. Erstens: Verletzungen sind häufig!

Von den Versicherten der AOK BW war 2013 jeder Zehnte wegen einer Verletzung in ärztlicher Behandlung. Die Verletzungen an Kniegelenk und Unterschenkel standen nach den Verletzungen am Kopf, an der Hand und am Fuß mit knapp 14 Prozent auf Platz vier. Wir reden hier also nicht über Marginalien. Zweitens: Die Zahl der Knieverletzungen nimmt seit Jahren zu, vor allem bei den Frauen. Zwischen 2008 und 2013 stieg die altersstandardisierte Inzidenzrate für Frauen um 9,7 Prozent, für Männer um 4,6 Prozent – das ist ein Unterschied von fünf Prozent.

Beginnen wir mit den Kniebandverletzungen: Kniebandverletzungen treten vor allem bei jungen Männern auf. Beim „starken Geschlecht“ kommen 284 Verletzungen auf 100 000 Einwohner, bei Frauen 152 Verletzungen auf 100 000 Einwohner. Zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr verletzen sich Männer 3,2 Mal häufiger an den Kniebändern als Frauen. Aber: Bei Frauen sind die Kniebandverletzungen in den vergangenen Jahren mit 19,8 Prozent stärker gestiegen als bei Männern mit zehn Prozent. Bei den jüngeren Frauen ist dieser Anstieg noch deutlicher. Zwischen 2008 und 2013 stieg die Inzidenz bei den 20- bis 24-jährigen Frauen und den 45- bis 49-jährigen Frauen um 46,2 Prozent beziehungsweise 49,2 Prozent. Jüngere Frauen verhalten sich also seit Jahren so, dass sie sich zunehmend an den Kniebändern verletzen. Wir wissen aus der Literatur, dass das vordere Kreuzband für Frauen ein vulnerabler Punkt ist. Frauen verletzen sich dort zwei- bis achtmal häufiger als Männer. Hier kann neuromuskuläres Training hilfreich sein. Wir müssen die Frauen aber darauf aufmerksam machen. Schwedische Wissenschaftler haben zum Beispiel ein Fünf-Punkte-Programm entwickelt, das sich auch in Deutschland implementieren ließe.

Und noch etwas ist bei den Kniebandverletzungen im Hinblick auf das Geschlecht interessant. Im ersten Quartal – also dann, wenn alle Skifahren gehen – war die Inzidenz für Frauen um 28,5 Prozent höher als im Jahresmittelwert. Frauen verletzen sich also offensichtlich häufig beim Skifahren.

Nun zum Meniskusriss: Meniskusrisse treten bei beiden Geschlechtern vor allem in der zweiten Lebenshälfte auf und sind dann auch nicht selten degenerativ bedingt, also nicht unmittelbar Folge einer Verletzung. Bei Männern kommen 336 Meniskusrisse auf 100 000 Einwohner, bei den Frauen 244 auf 100 000 Einwohner. Bei Männern gibt es einen Altersgipfel zwischen 15 und 30 Jahren. Das sind Sportverletzungen. Zwischen 55 und 59 Jahren ist die Zahl der Meniskusrisse bei beiden Geschlechtern ähnlich.

Zu den knienahen Frakturen: Absolut gesehen liegen beide Geschlechter gleichauf. Die altersstandardisierte Inzidenz für Männer beträgt 78,6 Erkrankungen pro 100 000 Einwohner, für Frauen 70,4 Erkrankungen pro 100 000 Einwohner. Während sich die Männer in jedem Alter gleich häufig einen Knochenbruch am Knie zuziehen, schnellt die Verletzungszahl für Frauen mit dem 50. Lebensjahr um das Siebenfache nach oben. Das hat mit der Osteoporose und der verminderten Bruchfestigkeit der Knochen nach der Menopause zu tun. Das unterstreicht die Bedeutung der Sturzprophylaxe und der Osteoporose-Prävention. Die Zahl der knienahen Frakturen ist zwischen 2008 und 2013 für Frauen auch insgesamt um 9,7 Prozent gestiegen, für Männer um 5,7 Prozent.

Was lernen wir daraus?

Während die von Berufsgenossenschaften und sonstigen Unfallversicherungsträgern erfassten Wege und Arbeitsunfälle durch Umsetzung präventiver Maßnahmen deutlich gesunken sind, zeigt unsere Studie, dass die Kniegelenkverletzungen im privaten Bereich deutlich zugenommen haben, insbesondere bei den Frauen. Es gibt zwei Altersgipfel für Verletzungen. Männer verletzen sich eher früher im Leben, Frauen später. Die Jungen verletzen sich zumeist beim Sport, die Älteren bei einem Sturz. Beides verweist auf wichtige Handlungsfelder: Bei den Jüngeren gilt es, ein Bewusstsein für einen gesunden Sport zu schaffen. Falscher Ehrgeiz, Risikosportarten, mangelndes Training begünstigen Verletzungen. Hier sind Aufklärung sowie alters- und geschlechtsspezifische Trainingsmethoden geboten. Der zweite Altersgipfel verweist auf das höhere Sturzrisiko älterer Menschen, vor allem der Frauen. Dabei verletzen sie sich nicht nur am Knie und am Sprunggelenk, sondern auch an der Hüfte und am Oberschenkelhals. Die „European Federation of National Associations of Orthopaedics and Traumatology „(EFORT) geht davon aus, dass sich die Zahl der Frakturen an Hüfte und Oberschenkelhals bis 2050 gegenüber den heutigen Zahlen verdoppeln wird.

Die Daten aus unserer Studie beziffern erstmals die Verletzungsinzidenzen am Knie für eine Kohorte von 3,8 Millionen Versicherten in Deutschland. Eine so große Kohorte ist für diese Indikation noch nie in den Blick genommen worden. Unsere Daten zeigen auch, welche ambulanten und stationären Gesundheitsleistungen dafür in Anspruch genommen worden sind und dass eine alters- und geschlechtsadaptierte Prävention sowie eine vermehrte Aufklärung geboten sind.

Dafür sollten wir an neuen Konzepten arbeiten, die Behandlung weiterentwickeln und die Rehabilitation stärken. Wir brauchen auch Parameter, um Risikopatienten frühzeitig zu identifizieren, und eine Analyse der Kosten und des Nutzens. Es ist an der Zeit, dass auf diesem Gebiet etwas geschieht.

Quelle:

Dr. med. Johannes Flechtenmacher
Dr. med. Johannes Flechtenmacher

»Frauen sind anders: geschlechtsspezifische Unterschiede bei Erkrankungen und Verletzungen in O & U« von Dr. med. Johannes Flechtenmacher, Präsident des Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU), Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Osteologie, Chirotherapie, Physikalische Therapie, Rehabilitationswesen; Orthopädische Gemeinschaftspraxis am Ludwigsplatz, Karlsruhe anlässlich des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) 2016

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