Geschlechtskrankheiten im Aufwind

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Fast 350 Millionen Menschen erkranken jährlich neu an Geschlechtskrankheiten, vor allem Frauen und Männer zwischen 15 und 49 Jahren haben ein hohes Risiko.

Während die Übersexualisierung der Gesellschaft im Alltag fortschreitet, nimmt gleichzeitig auch die Tabuisierung der Geschlechtskrankheiten zu. Immer häufiger auftretende Antibiotikaresistenzen stellen dabei ein riesiges Problem dar, den die bakteriell ausgelösten Krankheiten müssen vordergründig antibiotisch behandelt werden.

 

Die häufigsten Sexuell Geschlechtskrankheiten

Geschlechtskrankheiten – auch als sexuell übertragbare Erkrankungen oder Infektionen – STD (sexually transmitted diseases) und STI (sexually transmitted infections) bezeichnet – sind jene Erkrankungen, die vor allem durch sexuelle Kontakte übertragen werden können. Dazu werden auch Finger- und Zungenkontakte sowie die Übertragung durch verschiedene Sexspielzeuge gerechnet. Als Erreger werden meist Bakterien, Viren, Pilze, Protozoen und Arthropoden identifiziert. Zu den häufigsten bakteriellen Geschlechtskrankheiten gehören Chlamydien, Syphilis und Gonorrhoe. Zu den viralen Geschlechtskrankheiten gehören neben HIV auch Humane Papillomaviren (HPV), Herpes genitalis und Hepatitis B und C. Die häufigste parasitäre STI wird durch Trichomonas vaginalis verursacht. Aber auch Filzläuse und Krätze können sexuell übertragen werden.

Die Inzidenzen für Syphilis und Gonorrhoe haben sich in den letzten zehn Jahren verfünffacht und steigen weiterhin jährlich an, wobei Männer häufiger betroffen sind als Frauen. Diese infektiösen Geschlechtskrankheiten werden bis zu 90% von Menschen mit Hochrisikokontakten für sexuell übertragbare Infektionen erworben:

  • häufiger Partnerwechsel,
  • keine Benutzung von Kondomen,
  • Risiko durch Sexualpraktiken, bei denen es auch zu kleineren, nicht bemerkbaren Verletzungen kommt.

Infektionen mit Chlamydien, humanen Papillomaviren (HPV) und Herpes simplex Infektionen treten bei jungen Menschen, die erste sexuelle Erfahrungen gewinnen und sich dabei mit diesen Erregern infizieren, gehäuft auf.

Patienten mit Geschlechtskrankheiten haben ein deutlich erhöhtes Risiko, sich mit HIV zu infizieren. HIV wird etwa dreifach mehr übertragen, wenn im Bereich der Genitalschleimhäute entzündliche Veränderungen vorliegen, die eine wichtige Ein- und Austrittspforte für HIV bilden. Umgekehrt tragen auch HIV-Infizierte ein erhöhtes Risiko, sich mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken.

Syphilis. Die Syphilis hat sich unter Männern, die Sex mit Männern haben, in den letzten zehn Jahren verfünffacht, vor allem in Nordamerika und Europa. Die Übertragung des Syphilis-Erregers erfolgt in aller Regel nur von feuchter Schleimhaut auf feuchte Schleimhaut (genital, anal, oral), eine Übertragung findet fast ausschließlich bei sexuellen Kontakten statt. Unbehandelt kann sie über mehrere Jahrzehnte und in vier klinischen Stadien bis zum Lebensende verlaufen, ist aber auch spontan heilbar. Penicillin ist bis heute die Therapie der Wahl, Resistenzen wurden bisher nicht beobachtet. Eine gleichzeitige Erkrankung an einer HIV-Infektion und einer Syphilis führt zu erheblichen gegenseitigen Beeinflussung: Die Syphilis erleichtert die HIV-Übertragung und verschlechtert den Krankheitsverlauf, die HIV-bedingte Immundefizienz beeinflusst die Klinik der Syphilis, die Ergebnisse der Nachweismethoden und die Therapie.

Gonorrhoe. Die Gonorrhoe stellt nach Schätzungen der WHO die dritthäufigste sexuell übertragene Infektion der Welt dar. In Deutschland sind ebenfalls am häufigsten MSM betroffen. Die Infektion der Harnröhre des Mannes verursacht meist akute Symptome, die in der Regel zu frühzeitiger Behandlung führen. Infektionen des Rektums oder des Rachenraums sind jedoch meist symptomlos und werden daher vielfach nicht erkannt. Auch bei Frauen verläuft die Gonorrhoe häufig asymptomatisch, was das Risiko aufsteigender Infektionen erhöht. Die Gonorrhoe ist neben der Chlamydieninfektion eine wesentliche Ursache chronischer Entzündungen des kleinen Beckens mit der Folge der Sterilität. Therapeutisch gilt eine Kombinationstherapie mit 2 Antibiotika wird als Mittel der ersten Wahl für die Behandlung.

HPV-Infektionen und Tumorerkrankungen. HPV-Infektionen sind die häufigsten Geschlechtskrankheiten. Derzeit sind mehr als 150 HPV-Typen komplett klassifiziert worden, kontinuierlich werden neue HPV-Typen entdeckt. Von klinischer Relevanz sind bisher etwa 40 HPV-Typen, die überwiegend im Anogenitalbereich vorkommen. Sexuelle Kontakte mit nur wenigen unterschiedlichen sexuellen Partnern sind bei der Durchseuchung in Europa ausreichend, um eine hohe Prävalenz zu erreichen.

Immer öfter angewandte Sexualpraktiken wie Oral- und Analverkehr führen zu einem starken Anstieg von Infektionen im Hals- und Rachenraum. Beispielsweise betreibt heutzutage fast jedes dritte heterosexuelles Paar Analsex, was im vorigen Jahrhundert noch von den meisten Menschen als abnormal bezeichnet wurde.

Hochrisiko-HPV sind für die Entstehung von anogenitalen Karzinomen verantwortlich. Mehr als 99% aller Zervixkarzinome und mehr als 90% aller Analkarzinome sind HPV-positiv. Weiter kann bei bis zu 70% aller Karzinome des Penis, der Vulva und der Vagina HPV nachgewiesen werden. Bis zu 30% der Karzinome im Hals- und Nackenbereich (insbesondere Tonsillenkarzinome) werden durch HPV verursacht. Durch die hohe Relevanz der HPV-Infektionen empfehlen Experten mit Nachdruck eine Impfung gegen Humane Papillomviren.

Chlamydien und ungewollte Kinderlosigkeit. In Deutschland finden sich jährlich etwa 100.000 genitale Infektionen mit Chlamydia Trachomatis, dem häufigsten bakteriellen, sexuell übertragbaren Erreger – mit der Vermutung einer sehr hohen Dunkelziffer. Vor allem junge Frauen bis 25 Jahre sind betroffen, oftmals auch in Verbindung mit HPV. Chlamydien sind kleinste gramnegative Erreger, die sich wie Viren ausschließlich in Zellen vermehren können und vor allem im Gebärmutterhals und in der Harnröhre Entzündungen verursachen. Bleiben diese (trotz des kostenlosen, jährlichen Screeningangebots bis zum 25. Lebensjahr)unerkannt und werden chronisch, kann durch den Verschluss der Eileiter eine Sterilität ausgehen. Schätzungen der DSTIG liegen bei derzeit betroffenen 100.000 Frauen.

 

Geschlechtskrankheiten und Antibiotikaresistenzen

Antibiotikaresistenzen stellen bei Geschlechtskrankheiten die Behandler vor große Probleme. Vor allem bei der Gonorrhoe entwickeln sich seit einiger Zeit gefährliche Antibiotikaresistenzen, in Japan sind komplett immune Gonokokken entdeckt worden. Problematisch ist in diesem Zusammenhang der Antibiotikaverbrauch in der Tiermast – in den Niederlanden werden beispielsweise für die Tiermast fünfmal mehr Antibiotika eingesetzt als für die medizinische Versorgung der Bevölkerung. Die steigende Entwicklung von Antibiotikaresistenzen ist hier die logische Konsequenz.

Quellen:

http://www.derma.de/

DSTDG-Leitlinie www.dstig.de

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Dr. Reinhold Lautner

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