Gelenkschmerzen rasch behandeln, Chronifizierung verhindern

0

Stetige Zunahme der Häufigkeit von Gelenk- und Wirbelsäulenproblemen: Gelenkschmerzen gehören rechtzeitig behandelt und eine Chronifizierung verhindert.

Das hat vielfältige negative Auswirkungen: Denn Gelenkschmerzen beziehungsweise Schmerzen im Bewegungsapparat sind nicht nur für Betroffene eine Bürde, die zu Bewegungseinschränkungen, sozialen Isolation, finanziellen Einbußen und Arbeitslosigkeit führen können, sondern richten auch volkswirtschaftlich großen Schaden an.

 

Häufige Ursachen für Gelenkschmerzen

Wesentliche Gründe für viele Formen von Gelenkschmerzen sind der steigenden Lebenserwartung und unserem Lebensstil geschuldet, geprägt durch Bewegungsmangel, Fehlbelastungen und Übergewicht. So sind die Menschen in Österreich beispielsweise vor 100 Jahren noch zehnmal längere Strecken gegangen als heute. Heute weiß man, dass zu viel Fettgewebe im Körper nicht nur durch die Gewichtsbelastung Gelenke schädigt. Sondern es bildet auch entzündungsfördernde Stoffe, Adipokine, die den Abbau der Knorpelsubstanz beschleunigen. Dies fördert ebenso wie schlechte Gelenkführung bei Muskelschwäche, hoher Gelenksdruck durch Übergewicht und altersbedingte Verschleißerscheinungen die Entstehung von Arthrosen.

 

Degenerativ bedingte Arthralgien

Gelenkarthrose ist die häufigste Form von Gelenkerkrankungen und kann im Prinzip an allen Gelenken auftreten, primär sind aber Hüft-, Knie- und Sprunggelenk sowie der untere Teil der Wirbelsäule betroffen. Durch eine Zerstörung des Knorpels an den Gelenkflächen und die damit verbundenen Knochenveränderungen ist das betroffene Gelenk nicht mehr frei beweglich. Es entzündet sich, schwillt an und schmerzt. Charakteristisch sind Anlaufschmerzen, bewegungsabhängige Schmerzen, gelegentlich auch eine Morgensteifigkeit, die jedoch im Gegensatz zur rheumatisch bedingten Morgensteifigkeit mild ausgeprägt ist und sich meist bald auflöst.

 

Rheumatisch bedingte Arthralgien

Eine der häufigsten Ursachen für Gelenkschmerzen mit Gelenkentzündung (Arthritis) infolge einer Systemerkrankung sind rheumatische bzw. rheumatoide Erkrankungen. Die primär chronische Polyarthritis (rheumatoide Arthritis oder Polyarthritis rheumatica) ist eine chronische, unterschiedlich fortschreitend verlaufende, entzündliche und mit zunehmender Gelenkzerstörung einhergehende Erkrankung.

Typische Symptome sind zum Beispiel Morgensteifigkeit, Gelenkschwellung sowie die Tendenz zur Bewegungseinschränkung bis zur vollständigen Gelenksteife (Ankylosierung), aber auch Stabilitätsverlust der Gelenke und die Beteiligung von Sehnenscheiden (Tenosynovitis) und Sehnen. Betroffen sind vor allem Hand- und Fingergelenke, aber auch Knie- oder Ellenbogengelenke, Zehengrund- oder Schultergelenke.

Entzündliche Prozesse an den Gelenken und Bändern der Wirbelsäule sind oft Ursache für die Rückenschmerzen beim Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans), die zur knöchernen Versteifung der Wirbelsäule führen.

 

Weitere Ursachen von Gelenkschmerzen

Auch Stoffwechselerkrankungen können zu einer Arthritis und damit zu Gelenkschmerzen führen. Mögliche Auslöser sind beispielsweise Hyperurikämie bzw. Gicht. Akute Gichtanfälle sind mit heftigen Gelenkschmerzen, Schwellung und Rötung im Gelenkbereich verbunden, betroffen ist vor allem das Großzehengrundgelenk.

Weitere Ursachen können auch Infektionen (Lyme-Borreliose, generalisierte Gonorrhö, nach offenen Traumata) sein, aber auch die Schuppenflechte kann zu Gelenkschmerzen führen (Psoriasisarthritis). Bei Frauen in den Wechseljahren treten Gelenkprobleme und -schmerzen auch in Folge sinkender Östrogenspiegel auf.

 

Wann zum Arzt: Die wichtigsten Warnsignale

Ziel muss bei Gelenkschmerzen unterschiedlichster Ursache die Vermeidung einer Schmerzchronifizierung sein. Denn das Risiko dafür ist hoch: Bei Arthrose etwa suchen viele Patienten erst nach beträchtlicher Zeit ärztliche Hilfe. 66 Prozent versuchen mit nicht verschreibungspflichtigen Nahrungsmittelzusätzen und Medikamenten eine Besserung herbeizuführen, 41 Prozent der Patienten haben zumindest ein Jahr vor der Diagnose bereits Gelenkschmerzen. Auch bei M. Bechterew dauert es vom ersten Symptom, dem Wirbelsäulenschmerz zwischen zwei und vier Uhr in der Früh, bis zur richtigen Diagnose bis zu fünf Jahre.

Kreuzschmerzen bei älteren Personen können auch ein Hinweis auf eine Osteoporose sein. Aber auch hier kommt es leider immer noch vor, dass bei 60- bis 80jährigen mit Kreuzschmerzen die Diagnose erst nach drei oder vier Wirbeleinbrüchen gestellt wird. Pro Wirbeleinbruch sinkt jedoch die Lebenserwartung um fünf bis sechs Jahre.

 

Warnsignale

Folgende „Red Flags“, also Warnsignale, sollte ehestmöglich ein Arzt abklären:

  • anhaltende Schmerzen über drei Monate
  • bewegungseinschränkende Schmerzen
  • nächtlicher Kreuzschmerz
  • schmerzende Gelenke, die geschwollen und überwärmt sind
  • Morgensteifigkeit länger als 1,5 Stunden
  • Kreuzschmerzen, die nach einer Gehstrecke von etwa einem Kilometer einschießen
  • Diagnostische Maßnahmen zur Abklärung

Aufgrund der Vielfalt der Ursachen und Erscheinungsformen ist die Diagnose von Gelenkschmerzen nicht immer einfach. Je genauer der Patient seine Gelenkschmerzen beschreiben kann, desto eher kann der Arzt die Zahl der infrage kommenden Ursachen eingrenzen.

Zur diagnostischen Abklärung stehen zahlreiche Verfahren zur Verfügung. Neben Schmerzfragebögen sind wichtige Elemente das Abtasten (Palpation) der Schmerzregion durch den Arzt, Laboruntersuchungen, Ultraschall (Sonografie), radiologische Verfahren (Röntgen, MRT), Gelenkpunktion sowie auch dermatologische Untersuchung bei Verdacht auf eine Psoriasis-Arthritis.

 

Therapeutische Maßnahmen bei Gelenkschmerzen

Wichtig ist, Patienten mit Gelenkschmerzen möglichst rasch in Bewegung bringen und eine Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern. Dafür kommt eine breite Palette medikamentöser und nicht-medikamentöser Verfahren in Frage. Basis für die Therapiewahl ist der zugrundeliegende Schmerzmechanismus und die spezifische klinische Wirksamkeit der verschiedenen Analgetika.

Bei akut entzündlichen Schmerzen kommen peripher wirkende Analgetika zum Einsatz. Das am schwächsten wirksame Medikament der ersten Wahl aus dieser Gruppe ist Paracetamol. Zur Bekämpfung stärkerer akuter Gelenkschmerzen werden primär aber nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) eingesetzt, da sie auch einen antientzündlichen Effekt aufweisen. Eine Alternative stellen auch die besser verträglichen Coxibe dar. Bei beiden Arzneigruppen müssen aber die Nebenwirkungen beachtet werden, die mit einer erhöhten Inzidenz atherogener Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall einhergehen.

Für einen raschen antientzündlichen Effekt eignen sich auch Kortikosteroide, die aber immer mit einer Osteoporoseprophylaxe kombiniert werden müssen. Kortikosteroide haben zwar zahlreiche Nebenwirkungen, ihr Benefit überwiegt aber die Nebenwirkungen. Bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer rheumatoider Arthritis können auch die neuen Biotherapeutika zur Linderung von nozizeptiven Schmerzen beitragen.

In vielen Fällen ist aber eine Kombination mehrerer Wirkstoffklassen mit unterschiedlichen Ansatzpunkten sinnvoll, wobei bei der Wahl der Medikation auf vorliegende Komorbiditäten Rücksicht genommen werden muss. Opioide – primär in retardierten Formen, wodurch konstante Wirkstoffspiegel im Blut möglich sind – sollten laut den OARSI (Osteoarthritis Research Society International)-Empfehlungen vor allem bei fortgeschrittener Arthrose zur Schmerzlinderung eingesetzt werden. Bei neuropathischer Schmerzcharakteristik kann der Einsatz von Antidepressiva , Antikonvulsiva oder Capsaicin sinnvoll sein.

 

Invasive Verfahren zur Schmerzlinderung

Akute Entzündungen bei einer Arthrose können auch durch das Einspritzen von Glukokorticoiden in das Gelenk gelindert werden. Diese Injektion kann kurzfristig Schmerzen lindern und die Beweglichkeit wiederherstellen. Wichtig ist jedoch, dass sie mit Bewegungs- und Entspannungstherapie kombiniert wird.

Schreitet die Erkrankung trotzdem voran und schränkt den Patienten zu stark ein, ist die erste Methode der Wahl ein minimal-invasiver Eingriff, die Arthroskopie. Eine weitere therapeutische Möglichkeit ist die Mikrofrakturierung.

Lokalanästhetische Verfahren mit langwirkenden örtlichen Betäubungsmitteln und Nervenblockaden sind ebenfalls eine wertvolle Hilfe zur Mobilisierung von Patienten bei anhaltenden Schmerzen. Als nächst höhere Therapiestufe kommen wiederholte Nerven- bzw. Leitungsblockaden in Frage, in hartnäckigen Fällen auch kontinuierlich mit Katheter.

Wenn dennoch verschiedene Behandlungsmaßnahmen die Schmerzen bei einer Arthrose sowie die Bewegungseinschränkungen nicht verringern können, sind chirurgische Eingriffe zu erwägen. Heute liegt die Erfolgsrate bereits bei etwa 95 Prozent und die die Implantate bleiben auch nach 15 Jahren noch unverändert an ihrem Platz. Nach dem Eingriff bessern sich die Schmerz, die Steifigkeit und Einschränkungen deutlich und die altersentsprechende Lebensqualität bleibt über Jahre erhalten. Dennoch bleibt, wie bei jedem Eingriff, ein Restrisiko.

Quelle: Österreichische Schmerzgesellschaft ÖSG

Share.

About Author

Ann-Marie Nüsslein

MEDMIX-Redaktion, AFCOM Digital Publishing Team

Comments are closed.