Gelenkerhalt vor Gelenkersatz

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In den letzten Jahrzehnten konnten bei Gelenkerhalt durch Chirurgie, insbesondere des Hüftgelenkes, große Langzeiterfolge erreicht werden.

Der Gelenkverschleiß (Arthrose) zählt zu den häufigsten Gesundheitsschäden in der westlichen Welt und führt zu erheblichen Kosten im Gesundheitssystem. Überwiegend sind davon Menschen ab dem 60. Lebensjahr betroffen, durch Fehlbildungen oder unfallbedingt kann die Arthrose jedoch auch bei deutlich jüngeren Menschen auftreten. Im fortgeschrittenen Stadium ist bei ausgeschöpfter konservativer Therapie dann häufig ein Gelenkersatz (Endoprothese) erforderlich, um Lebensqualität und körperliche Aktivität für die Betroffenen wiederherstellen zu können.

Es wird geschätzt, dass etwa die Hälfte aller Arthrose-Fälle ohne erkennbare Ursache entsteht. Bei den Fällen, bei denen sich die Arthrose allerdings infolge anlagebedingter Fehlstellungen oder unfallbedingter Vorschäden entwickelt, ist es häufig möglich, die zugrunde liegenden Ursachen zu behandeln. Am Kniegelenk sind dies in erster Linie Achsfehlstellungen mit O- oder X-Beinen, die durch Umstellungsoperationen (Osteotomien) korrigiert werden können. Außerdem können Bandschäden (zum Beispiel ein Riss des vorderen Kreuzbandes) oder Risse im Meniskus zu Instabilität, Fehl- und Überlastung führen. Deshalb ist die bestmögliche Rekonstruktion dieser Strukturen im Verletzungsfall zugleich die optimale Arthrose-Prophylaxe. Sollte es dennoch zu Knorpelschäden kommen, können diese in frühen Stadien ebenfalls erfolgreich behandelt werden, etwa durch eine Knorpeltransplantation. Bei diesem Verfahren werden körpereigene Knorpelzellen in einer Trägersubstanz angezüchtet und in den Knorpeldefekt eingebracht. Gerade auf diesem Gebiet hat die Forschung in letzter Zeit neue Behandlungsmöglichkeiten in Form stabilerer Trägersubstanzen oder zellfreier, minimalinvasiver Therapien hervorgebracht.

 

Gelenkerhalt durch Chirurgie – Langzeiterfolge

In den letzten Jahrzehnten konnten im Bereich der gelenkerhaltenden Chirurgie, insbesondere des Hüftgelenkes, herausragende Langzeiterfolge erreicht werden. Auf dem DKOU wurden von der Berner Arbeitsgruppe um Professor Klaus Siebenrock erstmals 30-Jahres-Ergebnisse einer Korrektur-Osteotomie der Hüftpfanne, der periazetabulären Osteotomie (PAO) nach Ganz, vorgestellt. Nachuntersucht wurden die ersten 63 Patienten (75 operierte Hüftgelenke), die in den Jahren 1984 bis 1989 in Bern vom Entwickler der Methode, Professor Reinhold Ganz, mit einer PAO versorgt worden waren.

Alle Patienten, die zum Zeitpunkt der Operation zwischen 13 und 56 Jahre alt waren, hatten vor der Operation schmerzhafte, dysplastische Hüftgelenke, ein Viertel von ihnen sogar fortgeschrittene Arthrosen. 30 Jahre nach dem Eingriff war ein Drittel der operierten Hüftgelenke noch erhalten und funktionsfähig, 60 Prozent der Hüften mussten in den letzten Jahren mit einer Hüft-Endoprothese versorgt werden. Das Fazit dieser Studie lautet: Auch schwere Dysplasiefälle können mit der PAO zuverlässig korrigiert werden. Je geringer der präoperative Schweregrad der Arthrose, desto länger – im Idealfall lebenslang – kann das Gelenk erhalten werden.

Auch andere Vorstufen der Hüftarthrose, wie zum Beispiel die Hüfterkrankung femoroazetabuläres Impingement, können heute – überwiegend in arthroskopischer Technik – zuverlässig behandelt werden. In ausgewählten Fällen wird inzwischen sogar die Knorpeltransplantation am Hüftgelenk erfolgreich eingesetzt.

Bei vielen Patienten kann dank dieser Verfahren das Voranschreiten der Arthrose verzögert und eine gute Gelenkfunktion für lange Zeit aufrechterhalten werden. Um Gelenk-Patienten situationsadäquat und individuell korrekt behandeln zu können, sollten orthopädisch-unfallchirurgische Kliniken heute das gesamte Spektrum der gelenkerhaltenden und gelenkersetzenden Verfahren in Perfektion beherrschen. Wann immer möglich und sinnvoll gilt der eherne Grundsatz: Gelenkerhalt vor Gelenkersatz.

Universitätsprofessor Dr. med. Heiko Reichel, Kongresspräsident des DKOU 2016

Universitätsprofessor Dr. med. Heiko Reichel

Quelle:

Statement » Gelenkerhalt vor Gelenkersatz: Gelenkfunktionen wirkungsvoll erhalten « von Professor Dr. med. Heiko Reichel, Kongresspräsident des DKOU 2016, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC), Ärztlicher Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik Ulm am RKU anlässlich des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie DKOU 2016.

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